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Grub am Forst
Sanierung 

Die dunkle Seite des schönen Blau

Seit Jahren ist die Belastung des Bodens auf dem Gelände der ehemaligen Blaufabrik bekannt. Jetzt wird das Gelände mit Millionenaufwand saniert, um das Grundwasser vor giftigen Cyanidverbindungen zu schützen.
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Monika Feibel, Jürgen Wittmann, Thomas Feulner und Stefan Neumann betrachten eine Stelle im Erdreich, an der die blaue Farbe eine Belastung deutlich werden lässt. Foto: Rainer Lutz
Monika Feibel, Jürgen Wittmann, Thomas Feulner und Stefan Neumann betrachten eine Stelle im Erdreich, an der die blaue Farbe eine Belastung deutlich werden lässt. Foto: Rainer Lutz
Geradezu legendär war einst das Blau, das in einem für seine Zeit einzigartigen chemischen Prozess in Grub am Forst hergestellt wurde. Im 18. und 19. Jahrhundert war die Produktion der so genannten Blaufabrik allerdings keinen sonderlichen Umweltauflagen unterworfen. Das sieht man heute anders. Deswegen muss sich nun die Gemeinde mit Altlasten beschäftigen, die als letzter Rest vom einst gerühmten Berlinerblau aus Grub im Boden geblieben sind. Es geht um Cyanid und es geht um 30 000 Tonnen Erde, die entsorgt werden müssen. "Am 5. September fangen wir an", sagt Bürgermeister Jürgen Wittmann (GfG).
Vor Ort wird schnell klar, worum es geht. An einigen Stellen erinnert der Boden in schillerndem Blau an das Unternehmen, das einst der Gemeinde zu Glanz verhalf. Doch, um die blauen Farbstoffe herzustellen, die der Blaufabrik ihren Namen gaben, wurden erhebliche Mengen Cyanid verarbeitet, Salze und andere Verbindungen der Blausäure, die nun im Boden stecken.


Gefahr für das Grundwasser

Untersuchungen ergaben, dass die Schadstoffe im Boden um das einstige Industriegelände das höhere Grundwasser belasten. "Im tieferen Grundwasser wurden nur geringe Belastungen festgestellt", erklärt der Geologe Stefan Neumann vom Ingenieurbüro Pedall. In dem kleinen Bach, der über das Gelände fließt, wurde keine nennenswerte Konzentration gefunden.
"Die Untersuchungen laufen seit über 20 Jahren", erklärt Thomas Feulner vom Landratsamt Coburg. Das entspreche dem vorgesehenen Ablauf. Immer wieder wurden die Konzentrationen in verschiedenen Tiefen im Erdreich gemessen, Veränderungen festgehalten. Jetzt fiel die Entscheidung, das Gebiet zu sanieren. Es wurden verschiedene Vorgehensweisen diskutiert. "Die Radikallösung ist es nicht geworden", sagt Jürgen Wittmann. Die hätte darin bestanden, alle Gebäude abzureißen und das Erdreich auf dem gesamten Gelände abzutragen.
Nun werden alle nicht versiegelten Flächen saniert, weil dort Wasser in den Boden dringen und die Giftstoffe mit ins tiefere Grundwasser nehmen könnte. Das Erdreich wird je nach Belastung auf verschiedene Deponien gefahren. Umgekehrt müssen wieder 30 000 Tonnen nicht belasteter Erde herbei geschafft werden. "Es wird keine Sperrung geben, aber Behinderungen durch den Lkw-Verkehr sind möglich", erklärt Monika Feibel vom Bauamt der Gemeinde.
Die Beseitigung der Altlasten wird rund zwei Millionen Euro kosten. Der Landkreis wird dabei in Vorleistung gehen, erklärt Thomas Feulner. Es gibt nämlich nach dem Konkurs der letzten Nutzer des Geländes keinen Verursacher oder Rechtsnachfolger mehr, der für die Kosten herangezogen werden könnte. Allerdings wird mit Zuschüssen gerechnet. Der Kreis setzt dabei auf die Gesellschaft zur Altlastenbeseitigung (GAB) und Mittel aus dem Bayerischen Finanzministerium zur Förderung von Einzelmaßnahmen (FAG).
Beim Gang über das Sanierungsgebiet fällt nicht nur das hier und da blaue Erdreich auf. Zwischen Büschen und überhängenden Zweigen steht auch ein Grabstein. Es ist der Stein für das Grab des 1889 verstorbenen Commerzienrath Holtzapfel und seiner Frau, die 1892 gestorben ist. "Das ist aber nur der Stein, hier liegt niemand beerdigt, das war auch nie ein Friedhof", versichert Jürgen Wittmann. Die Familie Holtzapfel hatte die Fabrik 1809 nach mehrmaligen Besitzerwechseln innerhalb kurzer Zeit gekauft.


Medaille vom Kaiser

Noch 2009 hatte der Grüber Förderverein Heimatpflege im Reichenbachhaus eine Sonderausstellung zur Blaufabrik gezeigt, deren Blau einst als "das schönste der Welt" bezeichnet wurde. Sogar eine Medaille vom Kaiser gab es 1873 dafür. Christine Spiller hatte zuvor die Geschichte der Fabrik wissenschaftlich aufgearbeitet und deren historische Bedeutung gewürdigt. Sie fand heraus, dass bis heute die Geschichte vieler Familien eng mit der Blaufabrik verknüpft ist. Das ist dadurch begründet, dass der von den Gebrüdern von Sandt gegründete Betrieb in besten Zeiten über 150 Mitarbeiter beschäftigte.
Weit vor dem Beginn der industriellen Polstermöbel-Fertigung lagen die besten Zeiten der Blaufabrik, die einst neben den Weberei-Betrieben wichtigster Arbeitgeber in Grub am Forst war. Dabei profitierten die von Sandts und ihre Nachfolger lange Zeit von einem Privileg. Im gesamten Herzogtum Coburg durften nur in Grub am Forst blaue Farb-Pigmente in einem aufwendigen chemischen Verfahren hergestellt werden. Diese Grundstoffe aus Grub wurden insbesondere im Druck-Gewerbe, der chemischen Industrie sowie bei der Produktion von Buntstiften (Faber-Castell und Staedler waren gute Kunden) verwendet. 1763 wurde die Blau-Fabrik gegründet, neun Jahre später bekam sie das herzogliche Alleinstellungsmerkmal. Bis 1994 reicht die Geschichte des Betriebes. Zuletzt führte die Familie Vohl die Blaufabrik als Handelsbetrieb. Nach dessen Auflösung wurden die zentral gelegenen Gebäude saniert und zu großen Teilen wieder vermietet. Auf einem Teil des Geländes ist der Bauhof der Gemeinde untergebracht.

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