Unterschleichach
Gerichtsprozess 

Die Tat ist "schlicht unbegreiflich"

Der mutmaßliche Mörder von Janina, die Anfang des Jahres in Unterschleichach erschossen wurde, muss sich ab dem 7. Dezember vor Gericht verantworten. Wie haben die Bewohner des kleinen Dorfs die Geschehnisse verarbeitet?
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Angehörige der in der Silvesternacht getöteten Janina haben am Tatort in Unterschleichach eine Gedenkstätte eingerichtet. Foto: Andreas Lösch
Angehörige der in der Silvesternacht getöteten Janina haben am Tatort in Unterschleichach eine Gedenkstätte eingerichtet. Foto: Andreas Lösch
Andreas Lösch

Etwas ruhiger war es im Sommer geworden im kleinen Unterschleichach. Die tragischen Geschehnisse aus der Silvesternacht vor knapp einem Jahr hatten die Dorfgemeinschaft zuvor monatelang aufgewühlt. Jetzt, wenige Tage vor dem Prozessbeginn, ist plötzlich alles wieder präsent. Der Medienrummel setzt ein, Zeitungsleute und Fernsehteams sind wieder da, fotografieren, filmen, fragen, beobachten.
Als der Reporter des Fränkischen Tags am Tatort Fotos macht, hält ein Wagen am Straßenrand an, ein älterer Herr kurbelt das Fenster runter, ruft: "Na? Klasse ist das! Habt ihr wieder was zu schreiben!" - sein Blick voller Verachtung spricht Bände, auf eine Antwort wartet er nicht: Der Mann winkt ab und fährt kopfschüttelnd davon.


Die Suche nach Antworten

Die Geschichte einer unfassbaren Tat wird jetzt wieder erzählt, und das 450-Einwohner-Dorf Unterschleichach in der Steigerwald-Gemeinde Oberaurach rückt unfreiwillig in den Fokus der Öffentlichkeit. Es sind Schlagzeilen, auf die man gerne verzichten würde, wie Bürgermeister Thomas Sechser sagt. Ein Kind ist tot. Nicht bei einem Unfall oder durch ein Unglück gestorben, nein: erschossen. Nicht versehentlich, sondern gezielt. Der Täter stammt aus dem Ort. Die Tat ist und bleibt "schlicht unbegreiflich", wie Sechser sagt. Der Prozess, so hofft er, kann vielleicht die Frage nach dem "Warum" klären, wobei...Sechser überlegt, dann schüttelt er den Kopf: Nein, begreifen werde man es wohl niemals, es kann darauf keine Antwort geben, die einen sagen lässt: Ach so ist das, verstehe... Dann sind da noch einige wenige Menschen, die so direkt von den Geschehnissen betroffen sind, dass jeder Versuch, deren Situation nachzuvollziehen, scheitert, wie Sechser sagt. "Wie verarbeitet man das?" Janinas Familie, die Menschen, die mit Janina Silvester gefeiert haben, aber auch die Familie des Täters und der Täter selbst, für sie hat sich alles für immer geändert.
Im Ort selbst ist mit der Zeit wieder etwas Ruhe eingekehrt, mit dem nötigen Abstand zum Geschehen ist das möglich, aber die Tat hat sich natürlich "ins Dorfgedächtnis" eingebrannt, wie Sabine Weinbeer sagt. Die Journalistin und Dritte Bürgermeisterin der Gemeinde Oberaurach wohnt in Unterschleichach. So ein Vorfall sei eine echte Prüfung für die Dorfgemeinschaft. Jeder kennt hier jeden, dann die tödlichen Schüsse in der Silvesternacht, später stellt sich heraus, dass der Täter aus dem Ort stammt. "Er hat 50 Jahre zum Dorf gehört" und dann passiere etwas, das sich im Grunde niemand hat vorstellen können, beschreibt es Weinbeer. "Das geht schon sehr nahe", sagt sie, ganz einfach, weil man im Dorf an sich schon "näher dran" ist. "Das ist für alle eine Grenzsituation." Es gebe keine Erfahrungswerte, wie man damit umgehen soll, denn niemand hat so etwas schon erlebt.
Der Prozess, der in der kommenden Woche beginnt, ist dann ein weiterer Schritt, der dabei helfen soll, die Geschehnisse zumindest einzuordnen, wenn man sie schon nicht verstehen kann. Die Staatsanwaltschaft Bamberg hat im Juli Anklage wegen Mordes erhoben. An fünf Verhandlungstagen ab dem 7. Dezember sollen den Angaben der Behörde zufolge 27 Zeugen vernommen und sieben Sachverständige gehört werden. Voraussichtlich am 22. Dezember fällt das Urteil.
Die Ermittlungen haben ergeben, dass der 53-jährige Tatverdächtige in der Nacht auf Neujahr mit einer Kleinkaliberwaffe auf eine Schülerin geschossen hat, weil er sich unter anderem durch den Böllerlärm vor seiner Haustür belästigt fühlte. Aus Wut hatte er von seinem Grundstück aus mit einer Pistole gezielt auf eine Personengruppe gefeuert. Die elfjährige Janina, die aus dem Landkreis Bamberg stammt und bei Bekannten in Unterschleichach Silvester feierte, wurde dabei von einem Projektil am Kopf getroffen und starb später im Krankenhaus.
"Niedere Beweggründe" und eine "heimtückische Begehungsweise" sieht die Staatsanwaltschaft als gegeben, deswegen lautet die Anklage auf Mord.
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