Bamberg
Amtsgericht 

Die Rechnung war eindeutig zu hoch

Eine Frau aus Burgebrach zeigte einen Schlüsseldienst-Mitarbeiter an, weil er 683,66 Euro für das Öffnen einer zugefallenen Tür verlangte. Das Verfahren wegen Wuchers wurde eingestellt, der Angeklagte muss aber fast 1200 Euro zahlen.
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Das Symbolfoto zeigt einen Monteur beim Öffnen einer Tür. Foto: Rio Patuca Images, Fotolia
Das Symbolfoto zeigt einen Monteur beim Öffnen einer Tür. Foto: Rio Patuca Images, Fotolia
Jutta Behr-GRoh

Am Ende wollte es der 24-jährige S. aus Oberhausen doch nicht auf ein Urteil von Amtsrichter Andreas Pfisterer ankommen lassen und stimmte dessen Vorschlag zu. Pfisterer wird das Verfahren wegen Wuchers gegen S. einstellen, sobald dieser 1183,66 gezahlt hat: 683,66 Euro bekommt eine Frau aus Burgebrach, 500 Euro der Bamberger Verein Life-line, der sich um straffällig gewordene Jugendliche kümmert.


Versehen kam sie teuer zu stehen

683,66 Euro: Auf den Cent so viel hat eine ältere Burgebracherin an S. bezahlt, nachdem dieser ihr an einem Januar-Nachmittag 2014 die Haustür geöffnet und das Zylinderschloss ausgewechselt hatte. Die Frau hatte sich selbst ausgesperrt und einen Schlüsseldienst zu Hilfe gerufen.
Ihren Sohn hatte sie telefonisch nicht erreicht; dieser besitzt einen Schlüssel, was der Rentnerin damals aber nichts nützte. Sie habe nicht lange warten wollen, es sei schon dunkel geworden.
Ein Bekannter, den sie aufsuchte, rief in ihrem Beisein einen Schlüsseldienst an, berichtete die Frau in der Verhandlung bei Richter Pfisterer. Man habe gemeinsam einen Schlüsseldienst unter Burgebrach im Telefonbuch gesucht und einen mit Ortsvorwahl genommen. Nach den voraussichtlichen Kosten des Einsatzes wurde am Telefon nicht gefragt. Ihr sei an schneller Hilfe gelegen und außerdem habe sie "gedacht, es sei eine seriöse Firma, weil sie unter Burgebrach im Telefonbuch steht", erklärte die Zeugin.
S. selbst äußerte sich nicht zum Vorwurf und zu seiner Tätigkeit. Sein Verteidiger Oliver Teichmann erklärte, der 24-Jährige gehöre dem Verband der deutschen Schlüsseldienste e.V. an und erhalte seine Aufträge über ein Callcenter. Von dort würden die Einsätze koordiniert; angefordert werde jeweils das Mitglied, das dem neuen Einsatzort gerade am nächsten sei.
Von wo aus S. an jenem Januartag 2014 nach Burgebrach angereist ist, blieb im Dunklen. Die entsprechende Frage des Amtsrichters ließ der Angeklagte unbeantwortet. Nach der Erinnerung der Zeugin dürfte zwischen dem Anruf und dem Eintreffen des Monteurs eine knapp Stunde vergangen sein.


Von 200 auf fast 700 Euro

Für das Öffnen der Tür und das Auswechseln des Schließzylinders in Burgebrach verlangte der Mann schließlich 683,66 Euro.
Anfangs habe er etwas von 200 Euro gesagt, während des Arbeitens von Schwierigkeiten gesprochen und mehrmals seinen "Chef" angerufen, so die Zeugin. Da sei schon die Rede von Kosten um die 400 Euro gewesen. Zum Schluss legte er ihr eine Rechnung für beinahe 700 Euro vor und kassierte bar.
Es seien ihre Kinder gewesen, die den Preis völlig überzogen fanden, sagte die Frau. Die Familie schaltete deshalb einen Anwalt ein, der den Mann wegen Wuchers anzeigte.
Den Verdacht erhärtete ein Gutachten eines öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen. Dieser, ein Schlossermeister aus Kronach, kam nach eigenen Recherchen zu dem Ergebnis, dass ein regionaler Schlüsseldienst für dieselbe Arbeit höchstens 100 Euro verlangt hätte.
S. und sein Verteidiger hielten dagegen. Sie erklärten die höheren Preise mit einem angeblich "extrem hohen" Aufwand an Material und Gerät, die alle Mitglieder des genannten Verbands betreiben würden. Jeder von ihnen müsse einen Werkzeugwagen mit umfangreicher Ausstattung vorhalten. Das schlage sich zwangsläufig in der Kalkulation nieder, ebenso eine Einsatzbereitschaft rund um die Uhr.
Ein weiteres Argument war, dass die Haustür im konkreten Fall besonders massiv und ihr Schloss defekt gewesen sein soll. Dem widersprach die Rentnerin energisch; es habe funktioniert.
Sie monierte außerdem, dass der junge Mann auf der Anklagebank ihr damals noch die Lieferung von zwei Ersatzschlüsseln versprochen hätte. Weil diese nie eingetroffen seien, habe sie das im Januar 2014 eingebaute Schloss schnell wieder austauschen lassen - rein vorsichtshalber.
Zeitweise glich die zweistündige Verhandlung im Bamberger Amtsgericht einer Fachsimpelei zwischen dem Sachverständigen und dem Angeklagten: Sie diskutierten über die richtige Herangehensweise beim Öffnen einer Haustür.
Auf Nachfrage von Staatsanwalt Thomas Heer stellte der Schlossermeister aber unmissverständlich klar, dass es aus seiner Sicht nur einen richtigen Weg gibt: Ein seriöser Profi wähle die Methode, "die am schnellsten zum Erfolg führt. Der Kunde muss es ja zahlen".


Ein halbes Jahr Zahlungsfrist

Bis 22. Juni 2016 hat S. jetzt Zeit, die Auflagen des Amtsrichters zu erfüllen. Erst danach ist die Sache für ihn erledigt. Dann kommt er davon, ohne dass er einen weiteren Eintrag im Bundeszentralregister erhält.

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