Michelau

Die Leichtigkeit der Luftballons

Reformationsfest  Evangelische Gläubige erfuhren im zentralen Gottesdienst des Dekanats Michelau, dass man befreite Christen auch an den Lachfalten erkennen kann.
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Vergnügt, erlöst, und befreit verfolgten die evangelischen Christen mit Luftballons in der Hand die Predigt der Pfarrer zum Reformationsfest.
Vergnügt, erlöst, und befreit verfolgten die evangelischen Christen mit Luftballons in der Hand die Predigt der Pfarrer zum Reformationsfest.
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von unserem Mitarbeiter Joachim Wegner

Michelau — Auf die Spur der erlösenden und befreienden Wirkung des evangelischen Glaubens begaben sich die Besucher des zentralen Reformationsgottesdienstes des Dekanats Michelau. Die Feier stand unter dem Motto "Vergnügt. Erlöst. Befreit" und führte vor Augen, dass Gott die Menschen liebt, in Christus erlöst und damit fit fürs Leben gemacht hat.
In der voll besetzten Johanneskirche nahmen Dekan Johannes Grünwald, Pfarrerin Tanja Vincent und der Kunstbeauftragte der Kirchenkreises Bayreuth, Pfarrer Eckhard Kollmer, das Motto der Lutherdekade "Reformation - Bild und Bibel" zum Anlass, den christlichen Glauben mithilfe der Kunst zu interpretieren. Dazu stellten sie ein Altarbild aus der Reformationszeit moderner Kunst gegenüber.


Neue Wort- und Bildsprache

Dekan Grünwald erinnerte daran, dass die Reformation auch eine Medienrevolution gewesen ist. Es sei eine neue Wort- und Bildsprache entstanden und dadurch habe sich die Erkenntnis der Reformation in Windeseile verbreitet. Lukas Cranach der Jüngere, dessen 500. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, sei daran aktiv beteiligt gewesen. Denn er habe genauso gemalt, wie Luther gepredigt habe. Damit habe er die befreiende Kraft des Evangeliums mit seiner gemalten Predigt in Bildern unter das Volk gebracht.
Um dies anschaulich zu machen, stand der von ihm geschaffene Colditzer Altar von 1584 im Mittelpunkt des Gottesdienstes in der Johanneskirche. In fünf Bildern erzählt der Altar, was den evangelischen Glauben ausmacht. Auf den beiden Außenhälften sieht man zwei wichtige Frauen, nämlich Eva und Maria. Eva reicht Adam gerade die berühmte Frucht und sie werden, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, von Gott durchschaut. In der Zeit von Cranach hatten die Menschen Angst, vor Gott als nicht gut genug zu gelten und fürchteten deshalb, in der Hölle zu landen und lange im Fegefeuer zu büßen, erläuterten die Pfarrer. Deshalb seien sie bereit gewesen, den Ablass und damit eine Verbesserung ihrer Situation für sich und ihre Familie zu erkaufen. Sie hätten sich nach Befreiung aus ihrer Angst gesehnt.
Heute wüssten die Menschen, dass Geld an dieser Stelle nichts bewirkt, aber die Angst vor Strafe, am Ende vor Gott doch nicht zu bestehen, sei bei manchen geblieben. Deshalb sei der Reformationstag heute so wichtig, betonte Dekan Grünwald. Auf der rechten Außenseite des Altars bekommt Maria Besuch von einem Engel, der ihr den Sohn Jesus ankündigt und zu ihr sagt; "Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden." Dieses "Fürchte dich nicht" sei für die Menschen der Reformationszeit ebenso wichtig gewesen, wie es auch für viele in der heutigen Zeit ist. Wer das ganze Leben gearbeitet habe und dann eine Rente bekomme, die nicht zum Leben reicht, wer angesichts der Menschenmassen, die nach Deutschland strömen, Angst vor so vielen Fremden hat, brauche Zuspruch ebenso wie die Flüchtlinge selbst.
In der Mitte zeigt der Altar die blutige Kreuzigungsszene mit vielen traurigen bis grimmigen Gesichtern. Das Bild sei in keiner einfachen Zeit entstanden, erläuterte Pfarrer Kollmer. Cranach selbst habe Angst und Gefahr gekannt, denn er habe Vertreibung und Krieg hautnah erlebt, seine erste Frau sei ein Opfer der Pest geworden und nur vier seiner neun Kinder hätten ihn überlebt. Was er auf dem Altarbild gemalt hat, sei aus seinem Alltag gewesen. Gewalt und Grausamkeit gegenüber Menschen gebe es bis heute und man könne fest depressiv werden, wenn man all die Nachrichten aus aller Welt höre und sehe, stellte Johannes Grünwald fest.
Doch das Altarbild zeige auch Jesus, der die Menschen als guter Hirte durch das Leben begleitet und schließlich als der Auferstandene mit der Fahne des Siegers in der Hand auftritt. Die Menschen der Reformationszeit hätten mit so viel Angst gelebt, dass es für sie schon ein befreiender Gedanke gewesen sei, diesem scheinbar sinnlosen und leidvollen Leben nicht hilflos ausgeliefert zu sein. So sei die Erkenntnis "Gott ist an meiner Seite und ist immer mit uns" eine wahre Erlösung gewesen.
"Was würde ein Cranach malen, der im Jahr 2015 lebt?" Mit dieser Frage wandten sich die Pfarrer einem modernen Künstler zu und zeigten ein Werk von Gerhard Rießbeck, der im Rahmen der Kunstaktion "12 Worte - 12 Orte" ein Deckengemälde für die Kirche in Ebern geschaffen hat. Zu sehen sind viele Luftballons, die nach oben streben in einen blauen Himmel mit einzelnen Wölkchen. Im Himmel schwebt eine Dornenkrone, denn das Thema des Kunstwerks ist "Jesu Leiden und Sterben". Der Künstler Gerhard Rießbeck hat die Luftballons als Zeichen für das Leben der heutigen Menschen gemalt, die nach Freiheit streben. Freiheit von den Zwängen, in denen sie feststecken, Freiheit von der Angst, etwas zu verpassen und der Angst vor der Sinnlosigkeit, wenn das Leben anders verläuft als geplant, betonte Pfarrerin Vincent.


Erlöst, befreit, vergnügt

Und Dekan Grünwald erinnerte an das Pauluswort, dass Christus die Menschen zur Freiheit befreit hat. Wer so erlöst ist, wie Cranach vor einem halben Jahrtausend und Rießbeck in unseren Tagen es dargestellt haben, könne den Reformationstag 2015 auch ganz vergnügt und fröhlich feiern. Um diese Leichtigkeit zu verdeutlichen, verteilten die Mitglieder des Dekanatsausschusses und des Pfarrkapitels gasgefüllte Luftballons an die Gottesdienstbesucher, die auf Kommando losgelassen wurden und langsam an die Decke schwebten.
Dekan Grünwald gab zu verstehen, dass er sich so den Glauben wünsche: erlöst, befreit, vergnügt.
Und Pfarrerin Tanja Vincent ergänzte, dass man einen befreiten Christen am aufrechten Gang erkennt und am fröhlichen Glauben sowie an der Bereitschaft, Abschied zu nehmen von dem Irrglauben, der meint, alles müsse so bleiben, wie es immer war, und nicht zuletzt an den Lachfalten, denn Befreite ließen sich nicht knechten und zu resignierten, verbiesterten Zeitgenossen machen.
Mit dieser Botschaft im Gepäck eroberten die Gottesdienstbesucher anschließend die Gesamtverwaltungsstelle und vergnügten sich bei einem Stehempfang. Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst vom Bezirksposaunenchor unter der Leitung von Klaus Bormann.

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