Coburg

Der linke Fuß ist der Liebhaber

Interview  Anne Klinge hat sich einer besonderen Art des Theaterspielens verschrieben. Mit Hilfe ihrer Füße lässt sie Figuren lebendig werden. Wie das funktioniert, verrät sie im Gespräch. Live zu erleben ist sie am 13. September bei der Museumsnacht.
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Mit dem virtuosen Spiel ihrer Füße zaubert Anne Klinge faszinierende Theatereffekte auf die Bühne wie hier in einer Szene aus dem Märchenstück "Der Fischer und die Nixe". Foto: PR
Mit dem virtuosen Spiel ihrer Füße zaubert Anne Klinge faszinierende Theatereffekte auf die Bühne wie hier in einer Szene aus dem Märchenstück "Der Fischer und die Nixe". Foto: PR
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Coburg — Der Liebhaber heißt Hugo. Er ist ihr Hauptdarsteller. Und im richtigen Leben ihr linker Fuß: Hier treffen Schein und Sein - so das Motto der Nacht der Kontraste - wunderbar aufeinander. Wer glaubt, alles schon gesehen zu haben, was Kleinkunst zu bieten hat, hat noch nicht dieses außergewöhnliche Theater gesehen. Denn nicht nur zum Laufen oder Tanzen braucht Anne Kling ihre Füße, sondern auch zum Theater spielen.
Mit ihrem im deutschsprachigen Raum einzigen Fußtheater verzaubert sie Kinder wie Erwachsene gleichermaßen.Wer ihre Auftritte bei "Gottschalk live", in der Bülent Ceylan Show oder bei Hirschhausen versäumt hat, kann dies am Samstag, 13. September, bei der 10. Coburger Museumsnacht nachholen. Anne Klinge, besser gesagt: Ihre Füße spielen im Portikusbau des ehemaligen Jugendstil-Volksbades um 18.30 bis 22.30 Uhr, jeweils zur halben Stunde. Die studierte Theaterwissenschaftlerin führte auch schon am Landestheater Coburg Regie.

Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Füße als Schauspieler zu engagieren?
Anne Klinge: Ich bin seit über 20 Jahren Regisseurin im Schauspiel und Musiktheater, dort arbeite ich mit "normalen" Schauspielern und Sängern. Nach meinen ersten Inszenierungen dachte ich mir, dass es vielleicht mit meinen Füßen weniger Diskussionen geben könnte und ich habe es mit ihnen als Schauspieler versucht.

Und das hat geklappt - oder haben Ihre Füße auch Starallüren?
Sie waren am Anfang auch ziemlich brav. Jetzt haben aber auch sie schon lange ihr Eigenleben... Nein, im Ernst: Meine Zeit als Schauspielerin im Kindertheater brachte es mit sich, dass ich oft Gumminasen auf meiner eigenen Nase haben musste. Diese habe ich dann eigentlich aus Spaß auf meine Füße gesetzt und so die besondere Fußfigur entdeckt und weiterentwickelt. Meine Erfahrungen aus der Pantomimeausbildung und dem Körpertheater konnte ich ebenso gut bei dieser Entwicklung einsetzen wie meine Erfahrung als Regisseurin.

Was waren die lustigsten Erlebnisse auf Ihren Tourneen?
Einmal fiel meinem Fischer der Wurm vom Haken und ein Zuschauer hat ihn mir aufgehoben und in geduckter Haltung dem Fuß vors Gesicht gehalten, wohl in der Meinung, dass mein Fuß tatsächlich sehen kann. Ich konnte ihn aber nicht sehen und so sah ihn der Fuß leider auch nicht. Es hat lange gedauert, bis der Zuschauer bemerkte, dass er den Wurm doch besser mir zeigt und nicht dem Fuß. Ein schönes Beispiel für die Imaginationskraft dieser Technik.

Gibt es auch Probleme dabei - etwa Rückenbeschwerden?
Rückenbeschwerden treten auf nach langen Autofahrten bei Gastspielreisen durch ganz Europa. Und vergehen, sobald ich anfange zu spielen. Probleme gibt es höchstens, wenn mein Podest zu klein ist und mir aus diesem Grund Requisiten herunterfallen. Dann muss der Fuß einen Zuschauer herbeizitieren, um ihn zu bitten, das Teil aufzuheben.

Woher nehmen Sie die Kondition, auf dem Rücke liegend 90 Minuten die Beine zu bewegen? Das schaffen andere keine zehn Minuten.
Es ist ein bisschen wie Yoga. Ein Wechsel aus Spannung und Entspannung, aus Einatmen und Ausatmen, das macht die Bewegungen organisch und gibt den Figuren genau den lebendigen Atem, der sie so besonders macht und die Zuschauer mitfühlen lässt. Genau das lässt mich auch so lange "durchhalten", der Atem macht die Bewegungen harmonisch und ökonomisch. Ein Leistungssportler macht nichts anderes.
Wie viele Stücke umfasst Ihr Repertoire?
Ich glaube, es sind im Moment zehn Stücke.

Welches zeigen Sie in Coburg?
"Rudis Restaurant oder das Schicksal eines alleinerziehenden Kellners". Mal sehen, vielleicht auch andere - wir sind ja flexibel, schließlich habe ich meine Hauptdarsteller alle bei mir.

Welche Erinnerungen haben Sie an Coburg?
Ich habe Coburg sehr gemocht, als ich zwischen 2000 und 2008 dort Regisseurin am Landestheater war. Die Coburger haben ein hohes Kultur- und Bildungsniveau. Es hat immer Spaß gemacht, in dieser Stadt Kunst zu machen und auch immer wieder dort zu leben. Es gibt auch immer noch gute Freunde in Coburg. Ich würde auch jederzeit gerne wieder einmal am Landestheater inszenieren, aber das steht auf einem anderen Blatt...

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Ich versuche, auch nach 20 Jahren mein Spiel immer noch mehr zu präzisieren. Ich bin sehr kritisch mit mir. Gleichzeitig merke ich, eine große Leichtigkeit und Lebendigkeit beim Spiel. Außerdem würde ich gerne noch die fehlenden Kontinente mit meinen Füßen bereisen, das wären Australien, Afrika und Nordamerika.

Wer schneidert eigentlich Ihre Kostüme oder die Ihrer Füße?
Kostüme und auch alles andere stelle ich selbst her.

Die Fragen stellte Martin Rohm.

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