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Stegaurach

Der Protest einer Generation

Aufführung  Gegen die ungeheuerliche Gewalt des Krieges setzt das Musical "Hair" Provokation und mystische Flucht. Die Inszenierung in Stegaurach begeisterte die Zuschauer.
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Farbenfroh und doch aggressiv formulierten die Sänger den Protest gegen den Krieg. Fotos: Manuel Valdés
Farbenfroh und doch aggressiv formulierten die Sänger den Protest gegen den Krieg. Fotos: Manuel Valdés
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von unserem Mitarbeiter  Dieter Grams

Stegaurach — Soweit die deutschen Soldaten an der Westfront des Ersten Weltkrieges britischen Einheiten gegenüberlagen, hatten alle Granaten, mit denen sie beschossen wurden, Spezialzünder mit der Markierung "KPZ 96/04". Das bedeutete "Krupp-Patent-Zünder" und brachte der Firma Fried. Krupp in Essen nach dem Krieg sehr viel Geld ein, denn die Herren von der englischen Rüstungsindustrie waren korrekte Kaufleute. Sie zahlten vertragsgemäß an Krupp je Zünder 1 Schilling und 3 Pence, und da niemand mehr sagen konnte, wie viele Zünder hergestellt und zur Explosion gebracht worden waren, ging man bei der Rechnung einfach von der Anzahl der vor britischen Frontabschnitten gefallenen deutschen Soldaten aus - "body count" nennt man diese auch schon in der Antike gebräuchliche Methode.

"Body counts"

Geschichte wiederholt sich, aber sie wiederholt sich nicht stur. Die Operation "Rolling Thunder" der amerikanischen Streitkräfte in Vietnam, die Boden- und Luftoffensive, kannte keine klaren Frontlinien. Statt territorialer Gewinne gab die Army in ihren täglichen Erfolgsmeldungen die Zahl der getöteten Feinde bekannt. Diese "body counts" wurden zum Maßstab für die Leistungsfähigkeit militärischer Einheiten. Aus purer Karrieresucht seien die Zahlen oft verfälscht worden und sollen schließlich groteskerweise sogar die Gesamtzahl der angenommenen vietnamesischen Gegner übertroffen haben, so Conrad C. Crane, Direktor des militärhistorischen Instituts des US Army War College. Die Unzuverlässigkeit untermauert auch William Calley (der My Lai-Calley) in seinem Buch "Ich war gern in Vietnam". Nach einem erfolglosen Gefecht wurde er per Funk nach der Anzahl der getöteten Gegner gefragt. Etwas verlegen antwortet er "six to nine (sechs bis neun)". Die Nachfrage "...sixtynine (neunundsechzig)?" bestätigt er, obwohl kein einziger "Charley (Vietcong)" getötet wurde.
Die 500 000 in Vietnam kämpfenden GIs interessierten sich nicht im geringsten für solche perversen Zahlenspielereien, und die Vietnamesen schon gar nicht.
Gegen den Wahnsinn des Krieges, seine Brutalität und seine Opfer formierte sich in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten ein "rollender Donner" ganz anderer Art. "Zum Teufel, wir wollen so nicht weitermachen. Ich will mein Haar nicht von einem Stahlhelm frisieren lassen", sagte Gerome Ragni. Ragni und James Rado (Texte) schufen gemeinsam mit Galt MacDermott (Musik) einen Monolithen, einen Meilenstein der Protestbewegung, die sich wie ein Flächenbrand ausweitete und bald hunderttausende auf die Straße brachte - das Musical "Hair". Das Establishment reagierte verstört und feindselig. Bertolt Brecht beschreibt den Zusammenprall der Generationen kurz und treffend in seinen "Geschichten von Herrn Keuner" - Herr Keuner wurde von einem Passanten angesprochen, der auf eine Gruppe langhaariger, junger Männer deutete und giftete: "Mit diesen Kerlen können wir auch keinen Krieg mehr gewinnen." "Gut", sagte Herr Keuner, "dann besteht ja Hoffnung."

Aggressiv und zärtlich

"Hair" formuliert den Protestschrei der jungen Generation, ist provokante Aktion, mystische Wirklichkeitsflucht und philosophische Spekulation. Die großartigen Stegauracher Werkstattkünstler gießen das alles über ihr Publikum aus - stimmgewaltig, farbenfroh, hemmungslos, aggressiv-rockig, wuchtig und doch voll zärtlicher Poesie, aufgehübscht mit treffendem Wortwitz und deftigem Komödiantenstadl.
Schon das Entrée lässt ahnen, was kommt. Das mit den Hufen scharrende Publikum stößt auf eine Gruppe im Gang sitzender, natürlich rauchender Blumenkinder. "There is a house in New Orleans", trällern sie vor sich hin. But there is also a house in Stegaurach - der Bürgersaal, genial-minimalistisch zurückversetzt in das New York der 60er Jahre (Bühne und Lichtdesign von Georg Graefe). Das deutsch-englische Wortspiel, die Dialoge werden auf deutsch geführt, die Lieder bleiben im englischen Original, verleiht der Inszenierung von Christian Friedel, Georg Graefe, Sabine Leicht und Olga Schmitt ein ganz eigenes Flair. Die Songs und die Bühnenchoreographie von Olga Schmidt sind wie an einer Perlenschnur aufgereihte Meisterwerke (Chorleitung Katharina Stamp und Bernhard Uhlenbruck). Das Ensemble, solo oder im Chor, lässt den friedlichen Protestschrei der amerikanischen Gegenkultur, ihren Freiheitswillen, ihre verkifften Träume und Traumwelten nicht nur sichtbar, sondern spürbar, fühlbar und atemberaubend erlebbar werden (Berührungsängste sollte man in Stegaurach nicht haben) - Glück, Spaß und Lebensfreude pur, Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Ein auf die Bühne gezauberter erlebter Traum und gleichzeitig geträumte Wirklichkeit.
Parallel dazu erzählen die Stegauracher "Handwerker" gleichsam hinter der Bühne, aber keineswegs hinter vorgehaltener Hand, sondern von der Regie wunderbar arrangiert, die sehr reale Geschichte von Claude Bukowsky, einem aufrechten, einfach gestrickten US-Boy, der sich zum Marine Korps gemeldet hat, und in New York in George Berger sein Gegenstück findet. "Ging vor 2000 Jahren Jesus nicht mit langen Haaren, und Maria liebte ihren Sohn - nur meine Mutter hasst mich dafür."
Claude lässt sich anstecken, von Gras und freier Liebe, aber er meldet sich gleichwohl zum Dienst. Berger ist fassungslos: "Was willst du da - plündern, vergewaltigen, töten?" Dennoch nimmt er den Platz seines Freundes ein, damit der sich von der Gruppe verabschieden kann. "Good morning, starshine." Für Berger wird es ein böses Erwachen. Abrücken - next stop is Vietnam. An Bergers Grab bleibt dann nur noch der leidenschaftliche Appell: "Let the sunshine in."
Die musikalische Leitung des Projekts liegt einmal mehr bei Markus Kern. Für den guten Ton sorgt Roland Eichhorn, und für das ordentliche Outfit das Ensemble selbst, gemeinsam mit Heike Pfalzgraf und Katharina Stamp.


































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