Bamberg

"Der Mensch ist das Maß aller Dinge - und nicht die Rendite"

Zur Kampagne "Flexiblere Arbeitszeiten" der vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. befragte unsere Zeitung Manfred Böhm, Leiter der Betriebsseel...
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ManfredBöhm
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Zur Kampagne "Flexiblere Arbeitszeiten" der vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. befragte unsere Zeitung Manfred Böhm, Leiter der Betriebsseelsorge im Erzbistum Bamberg, und Doris Stadelmeyer, Bezirksgeschäftsführerin von Verdi Oberfranken-West.

Die vbw setzt sich in ihrer aktuellen Kampagne für eine "flexible Gestaltung der Arbeitszeit" ein. Unterstützen Sie das als Betriebsseelsorger und Gewerkschaftsvertreterin?
Manfred Böhm: Dem Vorschlag der Arbeitergeberseite für eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit steht die Katholische Betriebsseelsorge sehr kritisch gegenüber. Natürlich ist Flexibilisierung in der Arbeitswelt an sich nicht grundsätzlich zu verteufeln, aber sie muss so gestaltet sein, dass Arbeitnehmer wirklich etwas davon haben, etwa dass sie Beruf und Familie besser unter einen Hut bekommen. Eine einseitige Anpassung etwa an die Maschinenlaufzeiten würde den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht werden.
Doris Stadelmeyer: Es geht hier ausschließlich um eine Anpassung der Arbeitszeiten an die wirtschaftlichen Interessen auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten. Vor allem sollen die "starren" Grenzen der Ruhezeit und der täglichen Höchstarbeitszeit fallen. Eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit im Interesse der Menschen ist nicht erwünscht. Das Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit wurde zum Beispiel gerade erst von den Wirtschaftsverbänden blockiert. Von daher unterstützen wir die Kampagne natürlich nicht.

Ist die starre gesetzliche Arbeitszeitregelung tatsächlich ein Problem für die Arbeitnehmer?
Manfred Böhm: Die Kehrseite der geforderten "selbstbestimmten" Arbeitswelt mit einer zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitszeit wäre die Aufweichung der Schutzfunktion der bisherigen gesetzlichen Regelungen. Wer die tägliche Mindestruhezeit abschaffen will, spielt mit der Gesundheit der Menschen. Denn die Gefahr ist groß, dass die damit letztlich angezielten Produktivitätszuwächse auf Kosten der physischen und psychischen Gesundheit der Arbeitnehmer gehen. Der Mensch ist eben nicht unbegrenzt biegbar, flexibel, er kann brechen. Deshalb gilt: In der Wirtschaft hat der Mensch das Maß aller Dinge zu sein und nicht die Maschine oder die Rendite.
Doris Stadelmeyer: Wir haben in unserem Land eine große Flexibilität und Vielfalt an Arbeitszeiten. Von Gleitzeit über Arbeitszeitkorridore, Lang- und Kurzzeitarbeitszeitkonten bis hin zu Lebensarbeitszeitkonten ist vieles möglich und wird bereits in etlichen Branchen praktiziert. Das Arbeitszeitgesetz lässt hier viel Spielraum für tarifvertragliche Regelungen. Feste Ruhezeiten und eine Begrenzung der täglichen Arbeitszeit sind jedoch Schutzregelungen für die Gesundheit der Beschäftigten, die wir gerade in der heutigen Zeit dringend brauchen.

Was belastet besonders im Arbeitsleben?
Manfred Böhm: Die Arbeitswelt, und zwar durchgehend in allen Branchen, ist in den letzten Jahren immer leistungsfähiger und produktiver geworden. Den Preis dafür zahlt jede und jeder Beschäftigte an seinem Arbeitsplatz. Die Arbeit hat sich in den letzten Jahren enorm verdichtet, die Taktung beschleunigt und tendenziell wird die Erwerbsarbeit immer übergriffiger, d.h., sie beansprucht die Menschen immer häufiger auch in ihrer Freizeit. Diese Verbetrieblichung unserer Privatsphäre, d.h., die Tendenz zu ständiger Erreichbarkeit verhindert die mentale Distanzierung von der Erwerbsarbeit. Die aber ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns überhaupt erholen können. Arbeitnehmer fühlen sich dadurch nicht selten unter Dauerstress gesetzt, dem sie immer öfter nicht mehr standhalten können. Wer aber die Arbeit auch in seiner Freizeit nicht aus dem Kopf bekommt - an den Abenden, den Wochenenden oder selbst im Urlaub -, kann seinen Stresspegel nicht wirklich abbauen und wird das auf Dauer gesundheitlich zu büßen haben.
Doris Stadelmeyer: Eine negative Begleiterscheinung der Digitalisierung ist die geforderte ständige Erreichbarkeit. Alles muss immer schneller, am besten sofort, erledigt werden. Die Grenzen zwischen Arbeit und Erholungszeit verschwimmen. Es gibt bereits etliche Untersuchungen, die aufzeigen, dass dies als besonders belastend empfunden wird. Große Unternehmen haben bereits darauf reagiert und stellen ab einer bestimmten Uhrzeit ihre Mailserver ab. Hinzu kommen überlange Arbeitszeiten, zu geringe Regenerationszeiten, die wirklich "frei" sind. Genau hierauf zielen aber die Forderungen des vbw: Sie wollen keine "starren" Ruhezeiten mehr und eine mögliche Ausweitung der Arbeitszeit über täglich 10 Stunden hinaus. Das ist in jungen Jahren vielleicht noch leistbar, geht aber auch hier zu Lasten der Gesundheit.

Die Fragen stellte
Marion Krüger-Hundrup
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