Pölz
Geschichte 

Der Meineid des jungen Mälzers

Wie Peter Heller im Mainleuser Ortsteil Pölz eine moderne Malzfabrik aufbaute und vor Gericht alles verlor.
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Es war schon ein imposanter Bau, den Peter Heller in den Jahren 1887/88 in Pölz zum Betrieb einer Malzfabrik aus dem Boden stampfen ließ. Die Baukosten jedoch überstiegen Hellers finanzielle Möglichkeiten. Das Bild stammt aus der Jubiläumsbroschüre der Porzellanfabrik Tettau; aufgenommen 1922. Das Gebäude steht auch heute noch. Die Schornsteine sind verschwunden.  Repros: Helmut Geiger
Es war schon ein imposanter Bau, den Peter Heller in den Jahren 1887/88 in Pölz zum Betrieb einer Malzfabrik aus dem Boden stampfen ließ. Die Baukosten jedoch überstiegen Hellers finanzielle Möglichkeiten. Das Bild stammt aus der Jubiläumsbroschüre der Porzellanfabrik Tettau; aufgenommen 1922. Das Gebäude steht auch heute noch. Die Schornsteine sind verschwunden. Repros: Helmut Geiger
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Eigentlich war er gelernter und praktizierender Tüncher, der junge Peter Heller aus dem kleinen Mainleuser Ortteil Pölz, als er 1875 das väterliche Anwesen übernahm und zwar mit einer den Wert des Ökonomienanwesens übersteigenden Schuldenlast. Ein schlechter Start also für den jungen Heller. Als er heiratete, brachte seine Frau neben der üblichen Aussteuer noch 1000 Mark Bargeld mit in die Ehe. So betrieb er im Sommer das Tünchergeschäft und im Winter eine kleine Mälzerei im bäuerlichen Betrieb.
Aber Heller war ehrgeizig. Natürlich hatte er mitbekommen, wie im nahen Kulmbach der Bierausstoß der prosperierenden Export-Brauereien rapide in die Höhe ging. Dort spielte die Musik. Mit den Kleinbrauereien in Buchau, Schwarzach, Wernstein, Veitlahm Schimmendorf, Schmeilsdorf oder Rothwind war kein Geschäft zu machen. Das wenige Malz, das dort benötigt wurde, dörrten sie selbst. Eine eigene leistungsstarke und nach neuzeitlichen Gesichtspunkten funktionierende Malzfabrik musste her. Das war die Zukunft.


Das Kapital fehlte

So erbaute er sich in den Jahren 1887/88 eine eigene Mälzerei nach modernsten Technik. Selbst die in Mode gekommene Dampfmaschine durfte nicht fehlen. Aber Heller hatte kein Geld. Banken auf dem flachen Land gab es zu jener Zeit noch nicht. Das dringend benötigte Kapital musste er sich privat beschaffen. Wie er es fertig brachte, ist nicht bekannt. Deshalb ist es aber umso erstaunlicher, dass er einen beträchtlichen Teil der benötigten Geldmittel von keinem geringeren als dem königlichen Pfarrer Glenk aus Melkendorf erhielt.
Die neuen Fabrikanlagen brachten es mit sich, dass sich die verarbeitete Gerstenmenge verfünffachte. Der Einsatz des Braugetreides erhöhte sich von 6000 auf 30 000 Zentner im Jahr. Aber das war nicht genug: Er war weiterhin auf fremde Finanzunterstützungen angewiesen. Um sich über Wasser zu halten, arbeitete er mit sogenannten Gefälligkeitswechseln. Anfang 1897 brach das künstliche Kreditgebäude zusammen. Aber nicht etwa einer der Hauptgläubiger Hellers hatte Konkursantrag gestellt, sondern ein "kleiner Fisch" aus der Schar der Kreditgeber, der Metzgermeister und Bierwirt Andreas Linz aus Marktzeuln.


Offenbarungseid geleistet

Das Verfahren gegen Heller wegen Zahlungsunfähigkeit wurde am 13. März 1897 am Amtsgericht Kulmbach eröffnet. Am 12. April leistete Heller den Offenbarungseid. Er schwor, außer den im Inventar des Konkursverwalters aufgeführten Vermögenteilen nichts zu besitzen und auch nicht zu wissen, dass sich solche Vermögensstücke irgendwo befinden.
Hatte Heller bei der Abgabe des Eides die ganze Wahrheit gesagt? Die Zweifel wurde immer größer. Im Kulmbacher Tagblatt stand am 22. Oktober 1897 zu lesen: "Schon lange wurde von vielen Seiten still die Vermuthung ausgesprochen, dass beim Konkurse des Malzfabrikanten Peter Heller in Pölz vieles nicht in Ordnung sei. In einer heute Vormittag vor der Strafkammer des k. Landgerichts Bayreuth stattgefundenen Verhandlung wurde die Beweisaufnahme ausgesetzt, da sich dringender Verdacht des Meineides und betrügerischen Bankerotts ergeben hat. Auf Antrag des Untersuchungsrichters wurde Heller im Sitzungssaale verhaftet."


Besitz in Waggon verladen

Den Stein ins Rollen hatte der Privatier Martin Karl Schmeußer aus Schmeilsdorf gebracht. Er hatte vom Kulmbacher Baumeister Levermann eine Forderung gegen Heller in Höhe von 1100 Mark erworben und war somit Gläubiger. Aus Angst vor dem drohenden Forderungsausfall war er hellhörig geworden und brachte in Erfahrung, dass Heller Sachen verschleppt und diese in einem Waggon nach Burgkunstadt schaffen wollte, seinem neuen Wohnsitz.
Schmeußer verständigte den Konkursverwalter, und beide überraschten Heller, wie er nächtens im Bahnhof Mainleus Betten, Möbel, Glas- und Porzellanwaren im Eisenbahnwagen verstaute.
Dies wurde ihm auf der Schwurgerichtsverhandlung für Oberfranken am 12. Dezember zur Last gelegt. Er habe den Offenbarungseid wissentlich verletzt, so die Anklage. Heller dagegen behauptete, dass die Vermögensstücke Eigentum seiner Kinder seien. Er habe es unterlassen, Handelsbücher zu führen, weil er der Buchführung nicht mächtig gewesen sei. Geladen waren 22 Zeugen und ein Sachverständiger.
Laut Konkursverwalter Müller waren die vorhandenen Geschäftsbücher so mangelhaft geführt, dass es nicht möglich war, eine Vermögensliste aufzustellen. Die Gesamtsumme der vor Gericht angegebenen Schulden betrug 307 000 Mark.
Etwas Entlastung für Heller brachte die Aussage des Mainleuser Brauereibesitzers Christian Viandt. Er bestätigte, dass der Bücherrevisor Harnack vor Ausbruch des Konkurses Bücher nach Dresden gebracht habe, um daraus den Umfang des Hellerschen Geschäftes feststellen zu lassen.


Fünf Jahre Ehrenverlust

Bei der Strafzumessung beantragte der Staatsanwalt zweieinhalb Jahre Zuchthaus, die Verteidigung hielt eineinhalb Jahre für angemessen. In seinem Schlusswort bemerkte der Angeklagte: "Jetzt muss ich mich für meine Kinder ihre Sachen einsperren lassen." Das Urteil lautete auf zwei Jahre Zuchthaus, fünf Jahre Ehrenverlust und dauernde Eidesunfähigkeit.
Schon weit vor der Schwurgerichtsverhandlung war Hellers Malzfabrik versteigert worden. Den Zuschlag erhielt der Kaufmann Adolf Pöhlmann aus Kulmbach für 110 000 Mark. Ein gutes Geschäft. Wie er auf der Gerichtsverhandlung verlauten ließ, betrug der Wert des gesteigerten Anwesens samt Inventar 160 000 bis 180 000 Mark.
Die Malzproduktion lief unter der Regie des neuen Inhabers unverändert und erfolgreich weiter. Knapp 15 Jahre später konnte Pöhlmann einem Kaufangebot des Kulmbacher Konkurrenten A. L. Eberlein, Spitalgasse 7, nicht widerstehen. Das Engagement des Kulmbacher Malzrösters in seinem nunmehrigen Mainleuser Zweigbetrieb hielt sich in zeitlichen Grenzen. Der Erste Weltkrieg mit der Kontingentierung für Gerste bedeutete 1915 das Aus. Die Eberleinschen Betriebe in Kulmbach und Mainleus wurden geschlossen. 1920 erwarb die Porzellanfabrik Tettau die stillgelegten Betriebe. Das Pölzer Fabrikgebäude wurde zu einer Porzellanfabrik umgebaut. Das Bauwerk steht heute noch. In ihm werden Schneidbrettchen produziert.
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