Laden...
Pautzfeld

Der 90-Jährige, der mit dem Schicksal des Alterns hadert

Rudi Schmidtlein ist ein Grantler. Er ist das selbst an seinem 90. Geburtstag, der ja eigentlich ein Freudentag ist. Schmidtlein freute sich zwar schon über...
Artikel drucken Artikel einbetten
Rudi Schmidtlein Foto: M. Erlwein
Rudi Schmidtlein Foto: M. Erlwein
Rudi Schmidtlein ist ein Grantler. Er ist das selbst an seinem 90. Geburtstag, der ja eigentlich ein Freudentag ist. Schmidtlein freute sich zwar schon über den Besuch seiner drei Kinder mit den Enkeln und Urenkeln, die zum Gratulieren und Feiern gekommen sind. "Das könnte ruhig jeden Tag so sein", murrte er aber.
Der gebürtige Bamberger, der schon seit 20 Jahren in Pautzfeld lebt, ist ein Familienmensch. Er vermisst seine Frau Elli, die vor zehn Jahren starb. "Sie hat mir immer den Rücken freigehalten", blickt er zurück. Doch er hat wieder eine Lebensgefährtin, denn: "Allein sein ist Mist." Sie wohnt aber in Bamberg, der Stadt, in der er selbst aufgewachsen ist und sieben Jahrzehnte verbracht hat. Sie kommt Schmidtlein aber regelmäßig besuchen. Für ihn ist das aber natürlich zu wenig. Der Jubilar ist trotz seiner 90 Lenze eine stattliche Erscheinung. Er wirkt topfit, wenn er die Hände zu einer Faust ballt und die Muskeln zucken lässt.


Eiserner Willen

Schmidtleins wacher Geist registriert alles. Und dennoch ist er unzufrieden, hadert mit dem Schicksal. Es geht um das Schicksal, alt zu sein.
Unweigerlich kommt einem die Frage in den Sinn, warum er sich nicht freut, noch derart fit zu sein. Viele würden ihn wohl darum beneiden. Er spielt fast täglich auf seiner Orgel. Warum also grantelt der 90-Jährige? Wenn man ihn verstehen will, muss ihm zuhören. Seinen Lebensweg nachvollziehen, der mehr als beachtlich ist. Vom Gymnasium in Bamberg herausgezogen, kam er mit 16 Jahren an die Kriegsfront. Als Meldereiter schlängelte er sich durch feindliche Reihen. Zum Kriegsende wollte er nur eines: weg von den Russen. Auch noch auf seinem Fußweg in die Heimat erlebte er unsagbare Gräueltaten. Er schlug sich durch, mit eisernem Willen. Dass er überlebte, war ein Wunder. Viele seiner Kameraden schafften es nicht. Der junge, kräftig gebaute und sehr sportliche Mann begann anschließend, aus seinem Leben etwas zu machen. Erst als Vermessungstechniker und Kartograph beim Vermessungsamt.


Urkunden und Medaillen

Es folgte eine Karriere als Luftbildfotograf. Er wurde zu einem der Besten seines Fachs und war deswegen immer wieder auch beim Landesvermessungsamt in München tätig.
Später arbeitete er beim Überlandwerk (heute Bayernwerk) bis zu seiner Rente. Den Ausgleich zu seiner akribischen Arbeit fand er im Sport. Unzählige Urkunden, Medaillen und Bilder zieren seine Wände. Sie erzählen von einem außergewöhnlichen und erfolgreichen Sportler. Rudi Schmidtlein war unter anderem Deutscher Meister im Bogenschießen 1968, Bayerischer Meister im Judo (Halbschwergewicht) 1956, acht Mal Nordbayerischer Meister im Judo, Bayerischer Mannschaftssieger im Kunstkraftsport 1968, Oberfränkischer Meister im Gewichtheben 1946 und Bamberger Stadtschützenkönig im Pistolenschießen 1972.
Heute im hohen Alter merkt er nach jahrzehntelangen intensivem Leistungssport seine Gelenke. Er kann nicht mehr trainieren. Er kümmert sich um seine Katze, spielt an der Orgel und liest die Zeitung. Dabei grantelt er. Denn für ihn ist dieses Leben, das so manch einer gar nicht anders kennt, "Larifari".
Verständlich, wenn man auf das bewegte Leben des Jubilars zurückblickt. Und doch freut er sich, wenn im Kreise der Familie gefeiert wird, sie ihn alle besuchen kommen. Doch so richtig zugeben will er es nicht. Man muss ihm halt in die Augen schauen, dem Grantler. Dann sieht man das Leuchten, fast so wie vor einem Wettkampf.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren