Aufseß
Historie 

Das jüdische Leben in Aufseß

Am 8. November 1938 wurden die letzten fünf Juden aus dem Ort vertrieben. In den zwei Jahrhunderten zuvor hatten sie das Dorf in die Moderne geführt. Jetzt denkt die Gemeinden daran, das ehemalige Judenviertel zu verschönern.
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Die Familie Fleischmann in den 1930er Jahren vor dem Haus in der Brunnengasse vor der Auswanderung nach Amerika Fotos: privat
Die Familie Fleischmann in den 1930er Jahren vor dem Haus in der Brunnengasse vor der Auswanderung nach Amerika Fotos: privat
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Bei der Dorferneuerung in Aufseß, Oberaufseß und Heckenhof könnte auch die Verschönerung des Judenviertels in Aufseß in Angriff genommen werden. Darüber berichtete jetzt Bürgermeister Ludwig Bäuerlein (CSU).
Eines der Häuser in der Brunnengasse hat Veronika Riedl in eine Galerie verwandelt. Es hatte einst der jüdischen Familie David gehört. "Früher war es Brauch, dass man den Namen des Vaters an den eigenen Namen hängte", erzählt Peter Friedmann aus Marloffstein. Er und seine Frau Herta hatten vor Jahren damit begonnen, die eigene jüdische Vergangenheit zu erforschen.


Total ausgestorben

Dabei waren sie auf Dietmar Stadter aus Aufseß gestoßen. "Bei uns gab es viele Geschäfte und viele Leute haben mir etwas erzählt. Da habe ich angefangen, das aufzuschreiben. So kam ich auf unsere jüdische Vergangenheit", ergänzt Stadter.
Er berichtet, dass es früher in Aufseß nur eine Burg mit einer Ansiedlung darum herum gegeben habe. Etwas weiter oben hatten sich seinen Angaben zufolge Juden angesiedelt. "Nach dem 30-jährigen Krieg war der Ort total ausgestorben. Deshalb hat man Juden geholt, die aus der Bamberger Gegend vertrieben worden waren. Sie sollten hier Handel betreiben. Das war im Jahr 1699", berichtet Dietmar Stadter.
Danach ging es mit dem Ort bergauf. Die jüdische Gemeinde baute eine Synagoge, eine Religionsschule und ein rituelles Bad. "Zur Hauptblütezeit war jeder sechste Bürger in Aufseß ein Jude", so Dietmar Stadter. Das änderte sich allerdings. Am 8. November 1938 wurden die letzten fünf Personen - zwei Paare und eine Einzelner - aus der Gemeinde vertrieben. Das alles haben Dietmar Stadter und das Ehepaar Friedmann in langwieriger Recherche herausgefunden.


Deutsche Namen

"Juden hatten eine sehr gute Ausbildung, durften aber nicht jeden Beruf ergreifen und es gab für sie eine Begrenzung", erzählt Peter Friedmann und sein Frau Herta ergänzt: "Und sie haben mehrere Sprachen gesprochen."
Jüdische Väter hatten ihre Söhne verpflichtet, mindestens drei Jahre lang ins Ausland zu gehen. "Wobei das schon Unterfranken sein konnte", wirft Dietmar Stadter ein und erzählt, dass die Söhne dann wieder zurückkamen und in der Gemeinde eine Familie gründeten.
Im 19. Jahrhundert gab es 17 jüdische Familien im Ort. "Nach dem Judenedikt 1813 mussten die jüdischen Familien deutsche Namen annehmen. Da gab es dann die Familien Oppenheimer, Fleischmann oder Aufsesser. Und die Familie Strauss. Verwandte vom Levi Strauss", erzählt Dietmar Stadter. Besonders bekannt ist die Geschichte der Familie Fleischmann, da der in Amerika lebende Nachfahre Arnold Fleischmann ein Buch über seine Familie geschrieben hat.
Die Familie Fleischmann hatte im Haus von Veronika Riedl gelebt. In dem Buch "Lights & Shadows" zitiert Arnold Fleischmann seinen Vorfahren Emanuel, der 1825 in Aufseß geboren worden war: "Aufseß ist einer der malerischsten Plätze in Bayern... Mein Vater war ,Hof-Jud' von Hans von Aufseß, den er mit allem ausstattete, was dieser für seinen Haushalt benötigte."
Der Genannte war der 1778 geborene Ezekiel Fleischmann, der einen sogenannten "Schutzbrief" erhalten hatte. Nachkomme war unter anderem auch Marie David, die ebenfalls nach Amerika auswanderte. "Ihre Nachfahrin ist Rosalie Alexander, die uns hier mit ihren Kindern besucht hat", berichtet Dietmar Stadter und erzählt, dass sich die amerikanischen Familien freuen, wenn sie die Häuser ihrer deutschen Vorfahren besuchen können und die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.
Damit das nicht geschieht, wollen Dietmar Stadter und das Ehepaar Friedmann weiter forschen und die Kopien der gefunden Dokumente in seiner "Kulturkiste" aufbewahren.
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