Kulmbach
geschichte 

Das Ende der Sandlerbräu

Vertrauliche Absprachen, geheime Treffen und eine Indiskretion begleiteten die Übernahme durch die Reichelbräu.
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Sie schwebten in Bierseligkeit, die Biertrinker der Kreisstadt mit vier gut funktionierenden Brauereien, deren Produkte deutschlandweit großes Ansehen genossen. Jeder hatte sich auf seine Brauerei eingetrunken, das gut gehopfte Edelherb der Reichelbräu, das liebliche Gebräu der Mönchshof, das Allerweltsbier der EKU oder das würzige Pils der Sandlerbräu, das im Willybecher bei Sepp und Elfriede in der "Schmiede" kredenzt, am besten schmeckte. Jurabiere oder andere von außerhalb waren im Kulmbach der 1970er Jahre tabu.
Auf Wolke sieben schwebend, hatte man nicht das Grummeln wahrgenommen, das sich in anderen Teilen der Republik abspielte. Im Westen waren längst viele Braustätten geschlossen und zu großen Brauereieinheiten vereinigt worden. Längst hatten sich Großkonzerne unterschiedlicher Ausrichtung die lukrativen Pfründe sichern wollen. Selbst als der Oetkerkonzern im Jahre 1970 rund 62 Prozent der Aktien der Sandlerbrauerei übernahm (später wurden es 100 Prozent), wurde in Kulmbach niemand aufgeschreckt. Saß doch mit Guido Sandler, ein "Kulmbacher" aus der gleichnamigen Dynastie, in Bielefeld an verantwortlicher Stelle. Für Oetker war die Brauerei in Kulmbach mit einem Jahresausstoß von 150 000 Hektolitern nur ein mittlerer Brocken, hatte der größte Nahrungsmittelkonzern von Deutschland doch schon vorher ganz andere Kaliber unter seine Fittiche gebracht: Die Dortmunder Aktienbrauerei, Binding in Frankfurt und Berliner Kindl.


Berater stellten alles auf den Kopf

Sofort nach der Übernahme kamen sie nach Kulmbach, Heerscharen von Beratern aus Bielefeld und angeführt von Georg Lämmerhirt, dem zukünftigen Geschäftsführer. Und sie stellten alles auf dem Kopf. Selbst die Fahrzeugflotte in Blau erhielt einen neuen Anstrich. Nun erhielten sie die Oetkerfarbe blau-gelb verpasst und handelten sich schnell den Spitznamen "Puddingbomber" ein. Allem Beratungseifer der Bürokraten aus NRW zum Trotz verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Sandler zusehends. Bald hatte man in Bielefeld die Nase voll. Einfach wieder verkaufen? Das wollte man aber auch nicht.
Wohl oder übel entschlossen sich die Bielefelder, die Flucht nach vorne anzutreten. Die Mönchshofbräu war doch nur einen Steinwurf entfernt. Und in punkto Technik gab es Synergieeffekte. Die Brauerei mit dem Mönch war modernst eingerichtet, Sandler dagegen, hatte ein neuartiges Sudhaus. Wann es genau die ersten Kontakte zwischen Franz Erich Meußdoerffer und den Bielefeldern gab, ist nicht bekannt. Es war strenge Diskretion vereinbart worden. Vorverträge waren bereits paraphiert. Es sollten nur noch einige amtliche Fragen geklärt werden. Niemand in Kulmbach ahnte etwas von dem bevorstehenden Deal und den Verkaufsabsichten von Mönchshof.
Dann platzte die Bombe. Die Gazette "Die Welt" berichtete am 1. September 1979 von der Übernahme der Mönchshofbrauerei durch die Oetker-Gruppe. Die Überraschung über die geplante Transaktion war groß, selbst bei Branchenkennern in Kulmbach. Insider vermuteten damals, dass die Indiskretion aus dem Hause Oetker gekommen sei. Hatte man kalte Füße bekommen, oder deuteten sich andere Möglichkeiten an? Ein offizieller Rückzug hätte den Ruf in Mitleidenschaft ziehen können.


Treffen in Baden-Baden

Franz Erich Meußdoeffer war konsequent und dementierte. Die Verhandlungen mit Oetker wurden sofort beendet. Nicht Guido Sandler, sondern ein Hans-Joachim Körber, der spätere Vorstandsvorsitzende der Metro AG, traf sich im Juni des Jahres 1979 zu einem Gespräch mit Reichelvorstand Gert Langer. Bald war man sich über wichtigste Modalitäten einig. Reichel sollte alle Anteile der Sandlerbrauerei übernehmen, Oetker im Gegenzug ein Aktienpaket von zehn Prozent der Reichelbräu, was gleichzeitig mit einem Posten im Aufsichtsrat verbunden war. Erst viel später kam es zu Gesprächen mit dem Oetker-Bevollmächtigen Guido Sandler. Weitab von Kulmbach kam es zu einem Treffen im noblen Oetker-eigenen Park Hotel in Baden-Baden. Eine Übereinkunft war nahe. Langer brauchte nur noch den endgültigen Segen seines Aufsichtsrates.
Aber noch hatte Langer eine Kröte zu schlucken. Bis 1979 hatte er sieben kleinere Brauereien in Oberfranken und der Oberpfalz übernommen. Aber nun hing der bis dahin größte Fisch an seiner Angel, die Brauerei Schultheiß in Weißenbrunn. Die 70 000 Jahreshektoliter wären die bis dahin größte Akquisition seiner Karriere gewesen. Nun aber lag die Sandlerbräu auf dem Präsentierteller. Was tun? Beide Brauereien auf einmal konnte die Reichelbräu, nicht stemmen. Sollte er den Vertrag zurückgeben? Das hätte sicher die Nürnberger Tucher ins Spiel gebracht. Die wollte er in seinem Heimatraum garantiert nicht dulden. Und der "Erzfeind EKU"? Das erst recht nicht. Blieb für ihn eigentlich nur noch Mönchshof übrig. Franz Erich Meußdoerffer biss an. Er erhielt den gesamten Vertrieb der Brauerei Schultheiß einschließlich Bierlieferungsverträgen und Fuhrpark. Die Braustätte selbst übernahm die Sailerbräu aus dem Allgäu. Nun war der Weg für Sandler frei.


Das Ultimatum

Als sich die Vorstände Gert Langer und Horst Roßberg am 31. Dezember 1979 bei dichtem Schneetreiben auf den Weg nach Fulda machten, hatten sie hoch gepokert. Sie hatten der Oetkergruppe ein Ultimatum gestellt, Vertragsabschluss bis zum Jahresende, oder Abbruch der Verhandlungen. Um 17 Uhr traf man sich in der Bischofsstadt. Aus Bielefeld kam Guido Sandler, der das Vorhaben immer sehr skeptisch begleitet hatte. Gegen 19.30 Uhr erfolgte die Einigung. Langer und Roßberg hatten Sandler überzeugt und auch ihre Preisvorstellungen durchgesetzt. Letzterer selbst fertigte den Vertrag auf zwei unbeschriebenen DIN-A-4-Seiten. Die erste Traditionsbrauerei Kulmbachs war gefallen. Bald sollte die nächste folgen.


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