Kulmbach
Natur 

"Da prallen Welten aufeinander"

Bei der Frage, ob man im Winter Rehe füttern soll, scheiden sich die Geister. Förster sagen Nein, Jäger Ja.
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Finden Rehe im Winter genug Nahrung oder müssen sie gefüttert werden? Die Frage entzweit Jäger und Förster. Foto: Archiv/Alexander Löffler
Finden Rehe im Winter genug Nahrung oder müssen sie gefüttert werden? Die Frage entzweit Jäger und Förster. Foto: Archiv/Alexander Löffler
"Es ist ein heikles Thema, da prallen Welten aufeinander", sagt Gerhard Lutz, kommissarischer Leiter des Bereichs Forsten am Kulmbacher Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Es geht um das Füttern von Rehen im Winter. Während Förster die Maßnahme als überflüssig oder sogar waldschädlich ansehen, füttert ein Großteil der Jäger in der kalten Jahreszeit fleißig zu.
Dem Bayerischen Jagdgesetz zufolge soll nur dann gefüttert werden, wenn eine sogenannte Notzeit herrscht. Diese wird im Gesetzestext allerdings nicht klar definiert, der Begriff unterschiedlich ausgelegt.
Landläufig versteht man unter Notzeit eine geschlossene Schneedecke und langanhaltende Kälteperioden, Klimabedingungen, die in milden Wintern selten sind. "In unseren Mittelgebirgen tritt diese Situation so gut wie nie ein", sagt Gerhard Müller, stellvertretender Leiter des Staatsforstbetriebs Nordhalben. In den vergangenen Jahren habe man kaum Notwendigkeit gesehen, das Rehwild zu füttern, und wenn, dann nur in den Hochlagen des Frankenwalds.


Natürliche Auslese

Mit dem Zufüttern umgehe man die natürliche Auslesefunktion des Winters und erhöhe künstlich den Wildbestand. Wird der nicht mit erhöhten Abschüssen in Zaum gehalten, müsse man mit zunehmenden Verbissschäden rechnen.
Für Peter Müller, den Vorsitzenden des Jagdschutz- und Jägervereins Kulmbach, herrscht Notzeit immer dann, wenn das Wild auf natürlichem Weg nicht mehr genügend Nahrung findet. Das sei bereits im Herbst der Fall, wenn auf den Wiesen Gülle ausgebracht wird und die Flächen damit als Nahrungsquelle wegfallen.
"Die Natur nimmt nur das, was sie braucht", sagt Müller. Fütterung in maßvollen Rahmen sei unproblematisch. Schwache und kranke Tiere kämen zwar möglicherweise auch so durch den Winter, aber eben schwach und krank. Wildgesundheit sei ein wichtiges Anliegen der Jäger.


Kulturlandschaft ist unnatürlich

Agrarwissenschaftler Josef Bauer aus Landshut ging noch einen Schritt weiter. Während des Landesjägertags, der im April in Kulmbach stattfand, hielt er einen Vortrag zum Thema "Notfütterung in schneearmen Zeiten". Darin erinnerte er die versammelte Jägerschaft an den Gesetzestext: "Sie haben die Pflicht, in der Notzeit zu füttern!" Bauer fuhr fort: "Es gibt Leute, die sagen, Rehe zu füttern ist unnatürlich, aber ihr Lebensraum, die Kulturlandschaft, ist ebenfalls unnatürlich."
Es werde nicht berücksichtigt, dass sich die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen verändert und damit auch der Lebensraum des Wilds. Bauer zufolge muss der Begriff Notzeit so definiert werden, dass er auch die Nahrungsengpässe umfasst, "die abhängig von der landwirtschaftlichen Bodennutzung örtlich und zeitlich auftreten".


Konstante Umstellung wichtig

Bauer zufolge ist eine konstante Futterumstellung wichtig, da die Bakterien in den Mägen der Vierbeiner mehrere Wochen brauchen, um sich an neue Substrate zu gewöhnen. "Wir füttern zwar die Rehe, aber wir ernähren die Mikroben in ihrem Pansen", sagte Bauer. Und die würden es gar nicht mögen, wenn das Futter ständig wechselt. Bauer zufolge gibt es keine Wildart, die so heikel ist wie das Rehwild. Energiearmes Saftfutter wie Apfeltrester sei nach wie vor das ideale Futtermittel. Denn Raufutter wie das Heu aus dem Kuhstall würden die Rehe auch in der größten Not nicht annehmen. Josef Bauer ist Mitglied im Ausschuss "Wildkrankheiten, Wildernährung und Tierschutz" des Bayerischen Jagdverbands.


Zusammenarbeit macht Sinn

Sowohl Bauer als auch der Kulmbacher Kreisjagdberater Clemens Ulbrich sind sich einig, dass Landwirte und Jäger zusammenarbeiten sollten, um dem Wild wieder mehr natürliches Futter anzubieten, etwa in Form von eigens angelegten Wildäckern. Ulbrich sagt: "Solche Saatmischungen bieten Hasen und Rehen das ganze Jahr über Äsung. Beispielsweise steht Markstammkohl über der Schneedecke." Zudem enthalten die Wildacker-Saatmischungen beispielsweise Futtererbsen, Lupinen oder Weidelgras. Sie bieten dem Wild Deckung und Nahrung. Buchweizen, Perserklee, Malven oder Sonnenblumen fördern die Artenvielfalt, denn sie bieten reichlich Nahrung für Insekten und Vögel. Auch Bienen können sich den ganzen Sommer hindurch auf dem Wildacker bedienen.
Das sogenannte Greening verpflichtet Landwirte ohnehin, fünf Prozent ihrer Ackerfläche als ökologische Vorrangfläche auszuweisen. Dem für Oberfranken zuständigen Wildlebensraumberater Matej Mezovsky zufolge macht es Sinn auf solchen Grünflächen Wildäcker anzulegen. "Bei den Saatmischungen handelt es sich um Kulturarten. Es besteht keine Gefahr, dass sie sich ausbreiten oder umliegende Flächen verunkrauten", versichert Mezovsky. In Sachen Greening und Wildacker steht er Landwirten und Jägern gerne beratend zu Seite (Telefon 09573/332-32, E-Mail: matej.mezovsky@aelf-co.bayern.de).


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