Bamberg
Premiere 

Böse sind die andern

Das semiprofessionelle Theater Wildwuchs plant ein Stück zum Thema Folter.
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Verhörer und Verhörer: zu sehen beim Theater Wildwuchs  Foto: p
Verhörer und Verhörer: zu sehen beim Theater Wildwuchs Foto: p
Rudolf Görtler

Gegen Folter sind doch alle, oder? Gern wird auf Abu Ghuraib gezeigt oder Guantanamo. Doch hatte der Terminus "Isolationsfolter" in den siebziger Jahren in Deutschland nicht große Verbreitung gefunden, bis weit in das, was man heute Mainstreammedien nennt? Und wie sah es bei der Entführung des Jakob von Metzler aus? Damals hätte wohl eine Majorität der Bundesbürger für die Anwendung von Folter plädiert, um das Opfer, einen elfjährigen Buben, zu retten.
All diesen ethischen, politischen, juristischen Fragen spürt das Theater Wildwuchs in vier Inszenierungen eines Dramas des englischen Dramatikers Harold Pinter (1930-2008, Nobelpreis 2005) nach. Das Besondere an "One for the Road" (deutsch "Noch einen letzten") ist, dass nach dem Spiel mit Gästen und Publikum über das Gesehene diskutiert wird.
Das Wildwuchs-Theater, aus einem Studententheater hervorgegangen, hat schon etliche ambitionierte Inszenierungen gestemmt, zuletzt etwa "Der Sandmann" nach E.T.A. Hoffmann. Etwa 15 Personen zählt die Gruppe; für die aktuelle Produktion arbeitet sie mit dem Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagogen Christoph Wehr zusammen, der als Lebensgefährte der Schauspielerin Katharina Brenner nach Bamberg gekommen ist, bereits 2013 die Bildungsinitiative drama-tisch gegründet hat und als künstlerischer Leiter des Pinter-Projekts fungiert.


Ungeahnte Aktualität

In seinem 1985 entstandenen Stück widmet sich Pinter einem Thema, das ungeahnte Aktualität gewonnen hat. Damals bereiste er zusammen mit seinem Dramatikerkollegen Harold Arthur Miller die Türkei und recherchierte, wie Oppositionelle in den Jahren der Militärdiktatur nach 1980 inhaftiert und gefoltert worden waren. Nach dem missglückten Putsch des Militärs gegen Erdogan im Juli dieses Jahres wurde auch über Folter, mindestens widerrechtliche Inhaftierungen, berichtet. Doch nicht nur die Türkei 1980 oder im Jahr 2016 wird in Pinters Stück thematisiert. Es untersucht das Phänomen der Folter in seiner psychologischen, gesellschaftlichen und politischen Dimension, wie Wehr sagt.
Die Handlung des Drei-Personen-Stücks ist schnell erzählt: Ein Kind bespuckt während einer Parade einen Soldaten, so die Behauptung des Anklägers, der daraufhin die Mutter und den Vater verhört. Diese Gesprächssituationen, "gekennzeichnet durch Unterdrückung" (Wehr), interessieren das Wildwuchs-Team (es spielen Therese Frosch, Frank Lif und Sebastian Stahl, als Organisator wirkt Frederic Heisig). Die Macher wollen ausloten, wie Kommunikation in einer solchen Situation funktioniert. Sie wollen den Begriff "Folter" reflektieren und darüber, ob das Theater der richtige Referenzrahmen für dieses Thema ist. Was kann, darf, soll der Staat? Ist uns die Moral umso gleichgültiger, je weiter entfernt das Unrecht geschieht?
Dies alles will das Team im Gespräch mit dem Publikum und Gästen ausloten. Zur Premiere am 28. Oktober werden die Sozialpsychologin Andrea Abele-Brehm erwartet, der Politologe Boris Vormann, der Chefdramaturg des Bamberger Theaters Remsi Al Khalisi und Fatih Zingal, der ausdrücklich eine Haltung pro Erdogan einnimmt. Man wird sehen, ob das erklärte Ziel von Wildwuchs und dramatisch, "im kleinen Maßstab schauspielerisch zu arbeiten", erfüllt werden kann. Damit es erfüllt werden kann, sucht der inzwischen eingetragene Verein Wildwuchs Sponsoren, Spender oder Fördermittel. Eine Deckungslücke von rund 3000 Euro bedroht das Projekt.
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