Coburg
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Bauwerke zeigen uns Geschichte

Die Historikerin Marion Bayer zeigt "ausschnitthaft" anhand aussagekräftiger Architektur die Entwicklung Deutschlands. Und dann wäre da noch Fantasievolles für Jung und Alt.
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Medienrevolution damals: Von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdruckes, ist kaum ein bauliches Zeugnis geblieben. Bis auf Teile des spätgotischen Patrizierhauses "Zum Korb" in Mainz, in dem sich eine der ersten Druckwerkstätten der Welt befand.  Foto: Verlag/Klaus Lutterbüse
Medienrevolution damals: Von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdruckes, ist kaum ein bauliches Zeugnis geblieben. Bis auf Teile des spätgotischen Patrizierhauses "Zum Korb" in Mainz, in dem sich eine der ersten Druckwerkstätten der Welt befand. Foto: Verlag/Klaus Lutterbüse
Carolin Herrmann

Der "Raum" bestimmt den Menschen weit intensiver, als es heute bewusst ist und berücksichtigt wird. Der Mensch existiert nur im Raum. Erst war es allein die Landschaft, die ihn nicht nur rein physikalisch prägte, sondern auch als mentales Wesen. Berge, Seen, Ebenen, Bäume dienten dem Menschen von je her auch zur symbolischen Verortung, also zur Schaffung eines strukturierten geistig-seelischen Lebensraumes.
Dann begann der Mensch zu bauen. Und sofort dienten die Bauwerke über ihre reine Funktion hinaus dazu, Bedeutung eines einzelnen, einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft zu symbolisieren und zu repräsentieren. Nicht einfach im Sinne, dass sie "nach außen" etwas darstellen. Sondern auch, dass sie unmittelbar auf die Psyche, die Seele des Einzelnen wirken.
Bereits in der Errichtung eines Gebäudes beginnt es zudem, Geschichte zu "speichern". Es dient bestimmten Zwecken und zieht mitunter besondere gesellschaftliche Entwicklungen an. So schafft und gestaltet sich jede noch so kleine lokale Gesellschaft einen Zusammenhalt fördernden Raum, der ihr zur Versicherung der eigenen Welt dient, zum Schutz der eigenen Identität. In und an diesem gebauten Raum ist dann wiederum Geschichte spürbar und ablesbar.


Geschichte spüren

Die Historikerin und Sozialpädagogin Marion Bayer hat sich besonders für Architekturgeschichte interessiert. Und sie möchte Wissen, Geschichte nachvollziehbar darstellen und unmittelbarer spürbar werden lassen. Sie erzählt jetzt "Eine Geschichte Deutschlands in 100 Bauwerken", bedient sich also der oben geschilderten elementaren Zusammenhänge.
So ist ihre Geschichte Deutschlands zwar nur eine "ausschnitthafte", dafür aber eine spannend lesbare, konzentrierte Gedankenreise, allerdings nicht nur zu anerkannt bedeutenden Orten unserer Geschichte, sondern auch zu vielen
Bauwerken in Deutschland und manchmal darüber hinaus, an denen Leben und Organisation der Menschen ablesbar sind.
Bayer beginnt im Heute, mit dem Humboldt-Forum, das gegenwärtig auf der Spreeinsel in Berlin entsteht, einen vorherigen Bau (den DDR-Palast der Republik) überschreibt und einen noch weiter zurückliegenden Bau (das Stadtschloss, die Residenz der Hohenzollern) wiederherstellen soll, so Marion Bayer. Dieses Bauprojekt bündelt also deutsche Geschichte in besonderem Maße.


Reiseführer der besonderen Art

Nach diesem seinerseits symbolischen Einstieg setzt uns die Architekturhistorikerin dann allerdings auf Anfang, mit der um 800 errichteten Aachener Pfalzkapelle, von der aus sie auch in aller Kürze zurückblickt in die germanische Vor-Geschichte, aus der sich die Franken erhoben. 771 übernahm der 24-jährige Karl aus dem Geschlecht der Karolinger die Herrschaft über das gesamte Frankenreich. Er besiegt die Bayern, bezwingt und christianisiert die Sachsen und herrscht bis zu seinem Tod 814 von den friesischen Küsten bis Oberitalien und von den Pyrenäen bis zur Elbe, fasst die Autorin zusammen.
Unter Marion Bayers soziologisch betonendem Geschichtsblick führt sie uns vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart und zeigt uns etwa das Kornhaus der Burg Querfurt, an dem hochmittelalterliches Lehenswesen abzulesen ist, den Veitsdom in Prag als Machtzentrum, das Wohnhaus Johannes Keplers in Regensburg, von wo aus das heliozentrische Weltbild eine geistige Revolution einleitete. Selbstverständlich besucht werden der Kölner Dom, das Hambacher Schloss oder das Brandenburger Tor. Wir müssen aber auch ans Eingangstor von Auschwitz, zum Eurotower in Frankfurt am Main und zum Abschluss zur Windkraftanlage Fröttmanning in München.
Jeweils eine schöne Fotografie und dann auf wenigen Seiten Bau- und sonstige Geschichte präsentiert, stellt dieses Buch packende Lektüre dar und einen Reiseführer der besonderen Art.

Marion Bayer: Eine Geschichte Deutschlands in 100 Bauwerken. Quadriga Verlag, 432 Seiten, 25 €
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