Nürnberg

Basis der Erinnerung

Interview  Die neue Leiterin des Memoriums Nürnberger Prozesse in Nürnberg spricht über ihre Ambitionen.
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Hermann Göring im Saal 600 des Nürnberger Justizpalasts, heute Teil des Memoriums  Foto: Archiv
Hermann Göring im Saal 600 des Nürnberger Justizpalasts, heute Teil des Memoriums Foto: Archiv
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Nürnberg — Henrike Claussen übernimmt ab dem 1. September die Leitung des Museums Memorium Nürnberger Prozesse. In der Frankenmetropole ist die 40-jährige Historikerin keine Unbekannte. Seit der Eröffnung im Herbst 2010 betreut sie die Ausstellung im Justizpalast in der Fürther Straße als Kuratorin des Hauses. Im Interview spricht die erste Leiterin des Museums über ihre Vorstellungen und Ideen für die Zukunft und warum die Zeit nach 1945 besonders interessant für sie ist.

Mit welchen Maßnahmen wollen Sie den Besuchern die Nürnberger Prozesse noch anschaulicher vor Augen führen?
Henrike Claussen: Ein wichtiges Element ist und bleibt der Schwurgerichtssaal als historischer Ort der Nürnberger Prozesse. Für die Zukunft hoffe ich, die Dauerausstellung erweitern zu können und beispielsweise das historische Beratungszimmer der Richter in den Rundgang zu integrieren. Ein weiteres Ziel ist die Schaffung von Sonderausstellungsflächen, um zukünftig das Themenspektrum erweitern zu können.

Seit den Prozessen von 1945 bis 1949 wurde der Schwurgerichtssal 600 leicht verändert und beispielsweise das Mobiliar ersetzt. Wollen Sie den Saal in seinen damaligen Zustand mit seinem alten Inventar zurückversetzen?
Der Saal wird heute noch für Gerichtsverfahren genutzt, soll aber in den kommenden Jahren vollständig für den Besucherbetrieb freigegeben werden. Das passiert frühestens 2018, wenn die Justiz den Ostflügel des Justizpalasts verlässt und in den geplanten Neubau einzieht. Die Entwicklung eines tragfähigen Konzepts für die dauerhafte museale Nutzung wird eine der zentralen Aufgaben für die nächste Zeit. Insofern kann ich noch nichts dazu sagen, wie der Saal in Zukunft aussehen wird. Ich sehe aber im Schwurgerichtssaal in seinem heutigen Zustand durchaus den historischen Ort, der nicht nur die Nürnberger Prozesse widerspiegelt. Im übrigen wissen wir heute nur noch von zwei Möbelstücken, die die Renovierung des Saales im Jahre 1961 bis heute überlebt haben. Das sind die zwei Anklagebänke, die wir auch zentral in der Ausstellung zeigen. Aber man soll nie nie sagen. Vielleicht wartet das alte Mobiliar noch auf irgendeinem Speicher auf seine Entdeckung.

Kann sich Nürnberg ein Museum mit dieser nationalen und internationalen Bedeutung überhaupt leisten?
Ja. Aber der Bund und der Freistaat Bayern haben einmalig erheblich zur Entstehung des Memoriums beigetragen, da sie die Baukosten in Höhe von insgesamt rund vier Millionen Euro jeweils zur Hälfte übernommen haben. Die Stadt Nürnberg hat im Anschluss die Ausstellung finanziert und trägt seit der Eröffnung im November 2010 die laufenden Kosten. Die Schaffung der eigenen Leitungsstelle zeigt, dass unsere Arbeit "ankommt" und dass das Memorium ein wichtiges Museum der Stadt Nürnberg ist.

Was macht die Nürnberger Prozesse aus Ihrer Sicht so bedeutend?
Die Nürnberger Prozesse stehen symbolhaft für das Ende des "Dritten Reichs". Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass das NS-Regime heute vorbehaltslos als Unrechtsstaat anerkannt ist - eine wichtige Basis für unsere Erinnungskultur bis heute. Gleichzeitig wurde hier ein neues Völkerstrafrecht entwickelt, dass bis in die Gegenwart wirkt und den heutigen Umgang mit Kriegsverbrechen und systemischen Menschenrechtsverletzungen prägt.

Welche thematische Schwerpunkte wollen Sie setzen?
Die Nürnberger Prozesse inklusive der Folgeverfahren werden immer die zentrale Basis bleiben, schließlich befinden wir uns am historischen Ort. Ich kann mir aber auch Ausstellungen zu gegenwartsbezogenen Themen vorstellen, die sich dann auch mit Menschenrechtsfragen befassen. Das könnte dann gut in Zusammenarbeit mit der neu gegründeten Internationalen Akademie Nürnberger Prinzipien geschehen.
Wie viele Besucher wollen Sie am Ende des Jahres 2020 begrüßen können?
Schwer zu sagen, denn die Besucherzahlen werden von vielen Faktoren abhängen. Ich denke da im Moment eher pragmatisch: Für dieses Jahr würde es mich freuen, wenn wir die 90 000er-Marke knacken. Wir liegen schon deutlich über den Besucherzahlen des Vorjahres. Die Besucherreaktion wird 2020 hoffentlich die gleiche sein wie bereits heute: Großes Lob für die klare und verständliche Präsentation eines sehr komplexen Themas. Und natürlich hin und wieder auch mal eine kritische Bemerkung, die wir auch weiterhin gerne aufgreifen werden - schließlich ist niemand perfekt! Bis 2020 freue mich auf stetig wachsende Besucherzahlen.




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