Zeil am Main

Aus einem Betsaal im "Steinernen Haus" wurde die Himmelfahrtskirche

Zeil — Auf die Geschichte der Himmelfahrtskirche in Zeil, die seit 90 Jahren steht, blickte der Zeiler Heimatforscher Ludwig Leisentritt. In seinem Vortrag zum Auftakt des Kirchenj...
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Zeil — Auf die Geschichte der Himmelfahrtskirche in Zeil, die seit 90 Jahren steht, blickte der Zeiler Heimatforscher Ludwig Leisentritt. In seinem Vortrag zum Auftakt des Kirchenjubiläums beleuchtete er das evangelische Leben in der Stadt und der Region. Er beschrieb die Gegensätze zwischen katholischem und evangelischem Glauben in den Jahrhunderten nach der Reformation und ging näher auf die Erfolge in der Ökumene in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein. Die Christen beider Konfessionen in Zeil sind sich heute sehr nahe, lassen sich die Aussagen Ludwig Leisentritts interpretieren.

Erst ein Betsaal

Die evangelische Kirche entwickelte sich in Zeil langsam. 1830 waren nur fünf Zeiler protestantisch. Zum Vergleich: Die jüdische Gemeinde zählte 40 Gläubige. In den folgenden Jahren wuchs die Zahl der evangelischen Christen in Zeil. "Die auf 60 angestiegenen lutherischen Gläubigen in Zeil, die bislang zur Kirche nach Gleisenau laufen mussten, empfanden ein lebhaftes Verlangen nach eigenen Gottesdiensten", schilderte Leisentritt erste Ansätze für den Bau eines eigenen Gotteshauses.
Just an Michaeli 1889, dem Tag des Schutzpatrons der katholischen Pfarrei, wurde in Zeil ein Betsaalbauverein gegründet. Nach langen, vergeblichen Suchen wurde am 8. November 1892 ein geeigneter Raum zur Abhaltung von Gottesdiensten gefunden. Es handelte sich um den bisherigen Tanzsaal des Gastwirts im "Steinernen Haus" neben der heutigen Kirche. Am Himmelfahrtstag 1893 wurde in Zeil der erste Gottesdienst abgehalten. "Offenbar war dieses Datum Anlass für den Namen unserer Kirche", vermutet Leisentritt.
1901 wurde der Betsaal im "Steinernen Haus" von seinem Besitzer gekündigt. Dank des Entgegenkommens des katholischen Herrn Groß von Trockau aus Gleisenau erhielt die kleine evangelische Gemeinde 1901 bis zur Fertigstellung der Himmelfahrtskirche 1925 einen Raum im sogenannten Probstenhof gegenüber dem Finanzamt. 1913 lag ein erster Plan für ein recht gefälliges kleines Kirchlein mit einem Zwiebelturm vor. Der Erste Weltkrieg kam dazwischen. Das angesparte Geld des Kirchenbauvereins war weg.
Trotzdem ging es weiter. Als eine treibende Kraft beschrieb Leisentritt den Haßfurter Pfarrer Hermann Petersen. Und großzügig unterstützte das Dekanat Coburg die Zeiler Bemühungen. Coburg hatte auch die Patenschaft übernommen. Die Kirche wurde gebaut. Sie entstand an den Ausläufern von ehemaligen Weinbergen. "Die Einweihung des Gotteshauses vor genau 90 Jahren war ein großes Ereignis in unserer Stadt", berichtete Leisentritt.

Abschied

1926 verabschiedete die evangelische Kirchengemeinde ihren bisherigen Pfarrer Hermann Petersen (Haßfurt). Er trat in Wittenberg eine Pfarrstelle an. Laut Statistik gab es zu diesem Zeitpunkt 84 Protestanten in Zeil.
Deren Zahl wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Zustrom von Flüchtlingen. 1948, am Ende von Flucht und Vertreibung, zählte die evangelische Gemeinde in Zeil 559 Mitglieder. Darunter waren 81 Protestanten aus Sand.
Am 18. November 1960 wurde die Kirchengemeinde selbstständig. Aus dem bisherigen Vikar Hans Roser wurde der erste evangelische Pfarrer von Zeil.

Bischof in der Ukraine

Aus Zeil stammt auch Georg Güntsch, der später Dekan in Castell und zuletzt Bischof der protestantischen Kirche in der Ukraine war. Dazu zeigte Ludwig Leisentritt ein Foto aus dem Jahr 1957, das anlässlich einer Kriegerwallfahrt auf dem Kapellenberg entstanden war. Auf dem Bild waren Leisentritt und Güntsch nebeneinander zu sehen. "Als ich damals hinter ihm stand, hätte ich im Traum nicht daran gedacht, dass er einmal ein Bischofskreuz tragen wird", sagte der Historiker.
In der Stadt Zeil leben derzeit 1045 Protestanten. Das sind fast 19 Prozent der Bevölkerung. Dazu kommen 265 evangelische Christen in Sand, 43 in Sechsthal und 51 in Bischofsheim. ks

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