Kronach

Auf der Flucht vor den Strahlen

Gesundheit  Ruth Scholl aus Kronach ist elektrosensibel. Die 69-Jährige schirmt sich in ihrer Wohnung vor Mobilfunkstrahlung ab, leidet aber trotzdem. Dabei kämpft sie nicht nur mit Nachbarn, sondern mit der medizinischen Wissenschaft. Elektrosensibilität ist in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt.
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Ruth Scholl hat einen Notfall-Ausweis, der wie beispielsweise ein Allergiepass darauf hinweisen soll, dass sie elektrosensibel ist.  Fotos: SarahDann
Ruth Scholl hat einen Notfall-Ausweis, der wie beispielsweise ein Allergiepass darauf hinweisen soll, dass sie elektrosensibel ist. Fotos: SarahDann
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von unserem Redaktionsmitglied Sarah Dann

Kronach — Sie spricht von "Höllendingern" und appelliert an die Menschlichkeit. Ruth Scholl lebt in einem Mehrfamilienhaus in Kronach und ist elektrosensibel. Das heißt, sie - und auch eine Ärztin - ist davon überzeugt, dass sie von Mikrowellenstrahlung krank wird. Zu "Höllendingern" werden für Elektrosensible beispielsweise Handys, schnurlose Telefonapparate, oder drahtlose Internetverbindung. Technische Geräte also, denen man heutzutage kaum noch entkommen kann: Weder in der S-Bahn, noch im Wartezimmer beim Arzt und schon gar nicht in der Nachbarschaft.
Deshalb schläft Ruth Scholl mit einer Art Moskitonetz über dem Kopf, hat in ihrem Wohnzimmer eine dicke Alufolie unter ihrem Teppich liegen und ein feinmaschiges Hasendrahtgitter ziert ihr Küchenfenster.
Elektrosmog ist für viele nicht spürbar, löst bei Ruth Scholl aber Rückenschmerzen und Schlafstörungen aus. Andere Symptome können Schwindel, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Kopfschmerzen sein. Mobiltelefone und Wlan-Router machen sie krank, wie schätzungsweise zwei bis sechs Prozent der Bevölkerung, wenn man sich auf Umfragen des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) beruft. In einem Bericht des Bundesumweltministeriums an den Deutschen Bundestag zur Thematik wurde angegeben, 1,5 Prozent der Deutschen würden sich als elektrosensibel bezeichnen. Weitere neun Prozent gaben in diesem Bericht an, Beschwerden durch elektromagnetische Felder zu haben. Allerdings ist Elektrosensibiltät in Deutschland nicht wissenschaftlich verifiziert und wird demnach nicht von deutschen Krankenkassen unterstützt. Sämtliches Abschirmmaterial oder Therapien beim Osteopathen hat Ruth Scholl in den vergangenen sieben Jahren selbst gezahlt.
Die Ärztin Cornelia Waldmann-Selsam glaubt, dass "das Verständnis für die Schädlichkeit leichter zu vermitteln wäre, wenn alle Menschen mit den gleichen Symptomen reagieren würden." Das ist aber nicht der Fall, weil jeder Organismus anders reagiere, wie bei Allergien.


Ein Schein, der Leben rettet

Ruth Scholl hat immerhin einen Notfall-Ausweis, in dem steht, dass ihr Funk-Strahlung schadet. Den gelben Schein hat die 69-Jährige auch ihren Nachbarn gezeigt. Immer mit der Bitte, eine Kabel-Internetverbindung einzurichten, also auf Wlan zu verzichten oder zumindest auszuschalten, sobald die Wohnung verlassen wird oder es Nacht ist. Die einen hören ihr zu, andere unterstellen ihr Verfolgungswahn. Nichts Neues für die ältere Dame, "was die denken ist mir klar", sagt sie.
In der Medizin wird Elektrosensibiltät der Hypochondrie zugeordnet. Somit wäre es Einbildung, wenn Ruth Scholl sagt: "Im Funkloch habe ich mich so wohlgefühlt." Waldmann-Selsam kämpft seit einigen Jahren um die Anerkennung der Umweltkrankheit in der deutschen Medizin und spricht vom Mikrowellensyndrom.Sie ist zudem Mitgründerin des "Bamberger Appells", einer 130- Mann-starken Ärztevereinigung, die gegen die Ausweitung von Mobilfunknetzen einsteht. Sie hält Vorträge, besucht Betroffene, schreibt Briefe ... viele Briefe. An Minister und Landräte - oft vergebens.
Auch im Kreis ihrer Kollegen schätzt Waldmann-Selsam, "dass viele Ärzte ahnen, dass diese Technik schädlich ist." Es fehle aber "Mut und Kraft", sich gegen diese technische Entwicklung aufzulehnen. Der Einfachheit halber werde das Thema lieber verdrängt. Wobei, "das Schlimme ist, dass die meisten Entscheidungsträger diese Forschungsergebnisse gar nicht kennen", sagt sie weiter.
Die Bamberger Ärztin jedoch kennt einige, die elektrosensibel reagieren. Darunter auch eine Wallenfelserin, die dank ihres Notfall-Ausweises im Bamberger Klinikum in ein Zimmer auf der Kinderstation verlegt wurde: "Durch die ärztliche Unterschrift auf dem Ausweis ist ja dokumentiert, dass der Hausarzt einen Zusammenhang sieht. Es wäre fahrlässig, wenn sich andere Ärzte darüber hinwegsetzen würden", findet Cornelia Waldmann-Selsam. Die Nachbarn vieler Betroffener haben kein Nachsehen. Rechtlich belangt werden können sie für ihre Wlan-Verbindung wohl nicht. Das geht aus bisherigen Urteilsverkündungen hervor. Beispielsweise im Jahr 2011 klagte eine Frau vor dem Land- und Oberlandesgericht auf Unterlassung, Schadenersatz und Schmerzensgeld. Letztlich erwies sich die "Berufung der Klägerin als nicht begründet".
Für Ruth Scholl gibt es eigentlich nur einen Ausweg, die nächsten Jahre ohne Beschwerden zu verbringen: im Funkloch leben. Gar nicht so einfach im mobilen Zeitalter.
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