Trebgast

760 Kilometer durch Franken

Am Trebgaster Badesee waren Start und Ziel des etwas anderen Radrennens "Bikepacking Franconia".
Artikel drucken Artikel einbetten
Aufwärmrunde früh um sieben Uhr um den Trebgaster Badesee
Aufwärmrunde früh um sieben Uhr um den Trebgaster Badesee
+4 Bilder

Was gab es am Trebgaster Badesee nicht schon an außergewöhnlichen Veranstaltungen? Beach-Clubbing, Triathlon, Blob-Jumper, Sonnenschirm-Flug-Weltmeisterschaften, ein Sautrog-Rennen und - erst Anfang Juli - einen Slip-'n'-Slide-Wettbewerb. Jetzt kam eine weitere hinzu: die "1. Bikepacking Frankonia", eine Langstreckentour über 760 Kilometer durch Franken.

Am frühen Sonntagmorgen schickte sich eine Gruppe Männer und Frauen an, ihrem - zugegeben - nicht alltäglichen Hobby zu frönen. 65 Bikepacker drehten mit ihren Fahrrädern eine Aufwärmrunde um den Badesee. Tim Petzold, "Head of routing", war für die Streckenplanung verantwortlich. Er selbst legt im Jahr etwa 15 000 Kilometer zurück, hauptsächlich mit dem Rennrad, und hat alles bis ins letzte Detail vorbereitet.

Pünktlich gibt er das Startkommando: "Achtung, Fahrer ab!" Dann setzt sich der Trupp über den Laitscher Wald in Richtung Fichtelgebirge in Bewegung. Zielort wird nach 160 Kilometern für alle zunächst wieder der Badesee sein. Für die "One-Day-Fahrer" ist dann die Tour zu Ende. Die anderen, die "Rockstars", die wilden Typen, haben anschließend noch 600 Kilometer vor sich. Acht Kontrollpunkte müssen sie dabei passieren. Bad Alexandersbad im Osten, die Radspitze und Schloss Callenberg im Norden, Baunach im Westen und Nürnberg im Süden sind die Eckpunkte.

Das Zeitlimit beträgt acht Tage. Die Biker haben alles dabei, was sie brauchen: ein Zelt, einen Schlafsack, Ersatzbekleidung, Essenstasche, Werkzeug. Bei so einer Tour bleibt die Gruppe natürlich nicht lange beisammen. Zur eigenen Sicherheit ist jeder Fahrer mit einem "Live-Tracker" ausgerüstet. Damit kann im Web jederzeit der aktuelle Standort verfolgt werden. Zuständig dafür ist Daniel Rausch. Seit einer 400-Kilometer-Tour durch die Nacht ist er begeisterter Langstreckler und mittlerweile ein erfahrener Bikepacker.

Bereits am ersten Tag wartet auf die Teilnehmer mit dem Asenturm auf dem Ochsenkopf eine von vielen Herausforderungen. Für Christian Beyer aus Erlangen sind das keine Maßstäbe. Bereits um 14.50 Uhr trifft er nach harten 160 Kilometern gut gelaunt wieder am Badesee ein. Sein Kommentar: "Keine besonderen Vorkommnisse, den Ochsenkopf bin ich locker hochgefahren." Sieben Liter hat er bis dahin getrunken. Bis er sich spät abends nach dann 340 Kilometern zwei Stunden Schlaf gönnen wird, werden es 14 Liter sein. Also: kein großes Palaver, Trinkflaschen auffüllen - und schon ist er wieder unterwegs.

Eine Viertelstunde später trifft der erste "One-Day"-Fahrer ein: Markus Schönefeld vom heimischen "Audax"-Team. Nach und nach folgen die anderen Biker. Werner Büttner aus Altenkunstadt, mit 68 Jahren der älteste Teilnehmer, erreicht kurz vor 20 Uhr das Ziel. Die meisten bleiben über Nacht hier, um am nächsten Morgen ausgeschlafen den nächsten Abschnitt anzugreifen.

Organisiert wird diese Tour durch Franken vom Team des "Audax-Club Franconia" in Bayreuth. Dessen Kopf ist Bernd Rücker, Langstreckenfahrer auf einem Gravel-Bike. Er ist schon immer gerne Rad gefahren, zuletzt meist allein. 2017 kam ihm eine Schnaps-Idee: Warum sich nicht einfach mit Gleichgesinnten vernetzen? Als er eine Grafik für ein Jacken-Emblem und ein Logo ins Netz stellte, ließ das Feedback nicht lange auf sich warten. Bald meldeten sich einige Leute, die sich auch für etwas ausgefallenere, längere Touren interessierten. Rücker dachte an die vielen Radler, die jedes Jahr zur Saisonvorbereitung nach Mallorca fahren, und überlegte: "Warum in die Ferne schweifen?" Die Idee für "Bikepacking Franconia" war geboren.

Ein halbes Jahr Vorbereitung

Ein halbes Jahr Vorbereitung liegt hinter dem Team. Jetzt, kurz nach dem Start, fällt der Druck langsam ab "Wir wollen kein Rennen starten, sondern die Teilnehmer animieren: Kommt zu uns und schaut euch unsere schöne Heimat an", ist Rückers Vorstellung. Einer, der genau das vorhat, ist der Österreicher Rudi, ein Rentner aus dem Burgenland. Er sagt von vornherein: "Ich fahre acht Tage und schaue mir mal die Gegend an." Die Frage nach den Schwierigkeiten unterwegs beantwortet er so: "Schwierig ist immer das Aufsteigen aufs Rad in der Früh. Wenn ich oben sitze, ist alles okay."

Gedanklich ist Rudi bereits bei seiner nächsten Tour: "5 Peaks 500", ein Abenteuer über 500 Kilometer von Budapest nach Tokaj über die höchsten Berge Ungarns. Dann trinkt er einen Aperol, springt hinterher in den See, und fährt anschließend mit dem Zug nach Nürnberg, wo seine Frau mit dem VW-Bus für die Heimfahrt wartet.

Bengt Stiller, in Berlin lebender gebürtiger Hamburger, ist hauptberuflich als Fotograf tätig. Er plant vier Tage für die Strecke ein. Hinterher spricht er zwar von einer Knüppeltour ("Es ging ständig rauf und runter. Da ist es enorm anstrengend, vorwärts zu kommen), lobt aber zugleich: "Um die Landschaft seid ihr zu beneiden". Er nutzte die 760 Kilometer "zum ruhigen Einfahren" für seine nächste größere Tour: In zwei Wochen reist er nach Kirgisistan in Zentralasien und fährt dort ein völlig absurdes Rennen über 1700 Kilometer mit 26 000 Höhenmetern.

Auch zwei Frauen am Start

Zwei Frauen sind in die eher männlich dominierte Szene eingebrochen: Das "MTB-Travel-Girl" Caro kommt aus Gelnhausen bei Aschaffenburg und ist seit 2016 mit purer Leidenschaft auf ihrem Mountainbike unterwegs. Sie fährt einmal im Jahr so eine größere Tour. Zurück im Ziel stellt sie sich zum Selfie an den Bootssteg und spricht gleich den Kommentar für ihren Blog.

Die weiteste Anreise hat Silvia hinter sich. Die gebürtige Mittelfränkin wanderte vor 18 Jahren nach Australien aus. Dort organisiert sie bei einem Reiseanbieter weltweit Touren für Australier. Sie schlägt sich mit einer Zeit von vier Tagen und zwölf Stunden sehr tapfer.

Der 35-jährige Christian Beyer beendet am Dienstagmorgen nach zwei Tagen, einer Stunde und zwölf Minuten ohne äußerlich erkennbare Erschöpfungsanzeichen die Rundfahrt als Erster. Er springt in den erfrischenden See und fährt dann zu seinen Eltern in die Oberpfalz - diesmal mit dem Zug ...

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren