Untermerzbach

70 Jahre auf dem Orgelbock

Werner Grell leistete diesen ungewöhnlichen Dienst in Untermerzbach. Dieter Oehrl brachte es in Memmelsdorf auf 47 Jahre. Am Sonntag wurden sie verabschiedet. Die neue Organistin heißt Rebekka Fischer.
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Über Jahrzehnte ließen Werner Grell und Dieter Oehrl (vorne, von links) viele Orgelpfeifen erklingen. Eine mit dem Grundton "a" durften sie bei ihrer Verabschiedung mitnehmen; rechts die Nachfolgerin auf dem Orgelbock, Rebekka Fischer aus Rentweinsdorf. Pfarrerin Sonja von Aschen und Dekanatskantor Matthias Brüggemann dankten für den Einsatz der Orgelspieler.  Foto: Helmut Will
Über Jahrzehnte ließen Werner Grell und Dieter Oehrl (vorne, von links) viele Orgelpfeifen erklingen. Eine mit dem Grundton "a" durften sie bei ihrer Verabschiedung mitnehmen; rechts die Nachfolgerin auf dem Orgelbock, Rebekka Fischer aus Rentweinsdorf. Pfarrerin Sonja von Aschen und Dekanatskantor Matthias Brüggemann dankten für den Einsatz der Orgelspieler. Foto: Helmut Will

Mit einem "Tusch" ging die Verabschiedung bei einem Gottesdienst in Untermerzbach los, als Pfarrerin Sonja von Aschen auf Werner Grell und Dieter Oehrl zu sprechen kam. "Die beiden wollten nicht, dass sich beim Gottesdienst zu viel um sie selber dreht", sagte die Geistliche. Beide seien seit Jahrzehnten im gottesdienstlichen Leben der Gemeinde fest etabliert.

"Im Namen der Kirchengemeinden Untermerzbach und Memmelsdorf sowie im Namen der beiden Kirchenvorstände danke ich euch von ganzem Herzen dafür, dass ihr eure Gaben und Kräfte in unseren Gemeinden eingesetzt habt", sagte die Pfarrerin. Nicht nur mit Orgelmusik, sondern auch in anderen Bereichen hätten sie das Gemeindeleben mitgestaltet: Grell habe 40 Jahre den Posaunenchor geleitet und Oehrl habe sich beim Gesangverein eingebracht. Nun hätten beide für sich entschieden, Abschied vom Orgelbock zu nehmen.

Als Abschiedsgeschenk übergab die Geistliche an die beiden Orgelspieler eine Orgelpfeife mit dem Ton a, dem Grundton der Musik. "Möget ihr immer um den Grundton in eurem Leben wissen und davon all die Lebenstöne für euch erklingen lassen", schloss die Pfarrerin und segnete Werner Grell und Dieter Oehrl. Auch eine Urkunde, auf der alle Gottesdienstbesucher unterschrieben hatten, bekamen die beiden Organisten.

Die neue Organistin

Rebekka Fischer aus Rentweinsdorf lässt künftig in Untermerzbach und Memmelsdorf die Orgel erklingen. Sie wurde von der Pfarrerin willkommen geheißen.

"Musik ist seit meinem sechsten Lebensjahr mein Leben", sagte Fischer. Mit 16 Jahren fing sie an, Gottesdienste in der Freien Gemeinde zu begleiten. Sie ist Arzthelferin von Beruf und Jugendreferentin. Künftig möchte sie sich ganz der Musik widmen. Als sie hörte, dass in Untermerzbach jemand zum Orgelspielen gesucht wird, habe sie sich gleich beworben und sei sehr glücklich gewesen, als sie genommen wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und vier Kindern seit 2010 in Rentweinsdorf und freut sich auf ihre Aufgabe in der Kirchengemeinde Untermerzbach. Ihr Ziel ist es, sich als Musikerin selbstständig zu machen.

Dekanatskantor Matthias Göttemann dankte ebenfalls den scheidenden Organisten und hieß deren Nachfolgerin willkommen. Als Werner Grell und Dieter Oehrl anfingen, die Orgel zu spielen, gab es noch Pfarrer in beiden Ortschaften. Heute ist Pfarrerin Sonja von Aschen für Untermerzbach und Memmelsdorf die zuständige Pfarrerin.

Werner Grell

Beide Orgelspieler wurden zu Hause aufgesucht. Werner Grell sitzt vor seinem Haus. Er lehnt sich zurück und sagt: "Ich habe das gerne gemacht, aber einmal muss Schluss sein."

Der heute 83-Jährige begann im Alter von 13 Jahren mit dem Orgelspiel. "Zunächst habe ich bei Kantor Willi Morgenroth, der damals in Untermerzbach die Orgel spielte, Klavier gelernt." Nach einiger Zeit lehrte ihn der Kantor das Orgelspielen und im Frühjahr 1949 durfte er erstmals alleine auf den Orgelbock steigen. "Ob ich aufgeregt war, kann ich heute gar nicht mehr sagen", sinniert der Rentner. Zuvor hatte er etwa ein halbes Jahr auf der Orgel geübt. "Da war noch nichts elektrisch, da musste man den Blasbeutel der Orgel noch pumpen", sagt Werner Grell. Er erinnert sich daran, dass damals Pfarrer Konrad Käb der Seelsorger in Untermerzbach war. Auch in Memmelsdorf und Heilgersdorf habe er manchmal an der Orgel ausgeholfen. Ab dem Jahr 1969, als Kontor Willi Morgenroth krank wurde, trug er die alleinige Verantwortung.

Er spielte nicht nur die regulären Gottesdienste, sondern auch bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Wie oft saß er auf der Orgelbank? "Da fange ich gar nicht an, zu überlegen, ich war halt da, wenn es galt, Orgel zu spielen", sagt er. Während der 70 Jahre hatte Grell die Pfarrer Käb, Bärthlein, Kloß und zuletzt Sonja von Aschen. Vor einer Woche saß er letztmals in Untermerzbach an der Orgel.

Fiel ihm der Abschied nicht schwer? Werner Grell schüttelt den Kopf und sagt: "Nach 70 Jahren kann man getrost aufhören."

Dieter Oehrl

77 Jahre alt ist Dieter Oehrl, Organist in der Kirche von Memmelsdorf. Er hat 1972 mit dem Spielen der Orgel begonnen und scheidet nach 47 Jahren aus. Er drückte auf die Klavier- bzw. Orgeltasten, als der damalige Lehrer Willi Redwitz aufhörte. "Alois Süß war es, der mir das Orgelspielen beibrachte", sagt Dieter Oehrl. Irgendwann habe dieser gesagt: "Dieter setz dich drauf und mach's", sagt der 77-Jährige. Damals hatte Memmelsdorf noch eine eigene Pfarrei und Pfarrer Distler war der Seelsorger.

Dieter Oehrl erzählt, dass er als Orgelspieler immer gebunden war. Einen regulären Urlaub gab es nur ganz selten. "Meist sind wir am Sonntag nach der Kirche weggefahren und am Samstag wieder zurückgekommen, um am Sonntag wieder Orgel zu spielen." Nun sei die Zeit gekommen, Platz für andere zu machen. "Ich bin darüber eigentlich froh, weil mich das Ganze die letzten Jahre mitunter schon belastet hat", sagt Dieter Oehrl.

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