Bad Kissingen

3000 Euro als erste "Anzahlung"

Vor einer Bar in Bad Kissingen kam es nachts zu einer Schlägerei. Ein Täter gibt zu, dass er zugeschlagen hat. Trotzdem wurde das Verfahren gegen ihn und einen Mitangeklagten gegen Zahlung eines Schmerzensgeldes eingestellt.
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Eine Schlägerei vor einer Kissinger Bar vor gut zwei Jahren wurde vor Gericht verhandelt. Die Verfahren gegen zwei Beschuldigte wegen gefährlicher Körperverletzung wurden eingestellt. Symbolbild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Eine Schlägerei vor einer Kissinger Bar vor gut zwei Jahren wurde vor Gericht verhandelt. Die Verfahren gegen zwei Beschuldigte wegen gefährlicher Körperverletzung wurden eingestellt. Symbolbild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Sachlage war trotz mehrerer Zeugen nicht eindeutig zu rekonstruieren. Zumal der Vorfall bereits fast zweieinhalb Jahre zurückliegt. Am 21. Oktober 2017 hatte es vor einer Bar in Bad Kissingen eine Schlägerei gegeben. Dabei erlitt ein 23-jähriger Soldat einen Nasen- und Jochbeinbruch, eine Platzwunde und verlor einen Zahn. Gesehen und vermutlich auch mitgemischt hatten bei der Auseinandersetzung einige. Vor Gericht standen zwei Männer im Alter von 30 und 27 Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung.

Es war bereits der zweite Anlauf, denn beim ersten Mal waren gleich vier Zeugen nicht zur Verhandlung erschienen. Und auch diesmal fehlten zwei, ein dritter wurde von der Polizei vorgeführt. Alle Bemühungen von Richter Reinhard Oberndorfer, die Zeugen in den Gerichtssaal zu bekommen, scheiterten. Und so einigten sich Richter, Schöffen, Staatsanwaltschaft und Verteidiger nach fast acht Stunden Verhandlung an diesem Tag und bevor ein dritter Termin angesetzt werden musste, in einem Rechtsgespräch auf die Einstellung des Verfahrens.

Zivilverfahren folgt

Während das Verfahren gegen den jüngeren Angeklagten direkt eingestellt wurde, weil ihm eine Beteiligung nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte, muss der ältere bis Ende Juni Schmerzensgeld in Höhe von 3000 Euro an den Geschädigten bezahlen. "Eine Art Anzahlung", formulierte es Oberndorfer. Denn darin war sich der Richter mit dem Anwalt der Nebenklage einig: "Das kann nicht alles sein." Letzterer stellt sich Schmerzensgeld in Höhe von 10 000 Euro vor, doch das wird dann Thema eines zivilrechtlichen Verfahrens sein müssen.

Der 30-jährige Familienvater, der seit 1992 in Deutschland lebt und jetzt ebenfalls vor Gericht stand, war gegen 22 Uhr mit seiner Frau sowie zwei Freunden und deren Freundinnen in die Bar gekommen. Auf dem Tisch eine Flasche Whisky, von denen er sich sieben bis zehn Becher mit Cola gemixt hat. Als er weit nach Mitternacht mit seiner Frau und einer Freundin zum Rauchen vor der Tür stand, hatte ein Mann aus einer Gruppe seine Freundin auf Englisch angesprochen. So weit stimmen die Aussagen überein. Daraufhin hatte er den Arm um den Geschädigten gelegt, der ebenfalls zu dieser Gruppe gehörte, und ihm angeboten, "mal um die Ecke zu gehen".

Kurz darauf schlug der Beschuldigte dem Geschädigten mit der Faust ins Gesicht, wie er gestand. Der Grund war nicht eindeutig zu ermitteln. Während der Geschädigte, der als Zeuge geladen war, aussagte, er habe den anderen mit dem Ellenbogen von sich wegschieben wollen, war der Angeklagte der Ansicht, er habe ihm einen Kopfstoß geben wollen.

Schnell war der Soldat umringt. Laut dem Englisch sprechenden Mann aus Aleppo, der mit Hilfe einer Dolmetscherin vor Gericht aussagte, schlugen vier Männer auf den Geschädigte ein, den er selbst erst an diesem Tag kennengelernt hatte. Zwei davon seien die Angeklagten, versicherte er.

Schläger oder Schlichter?

"Der zweite hat aber sofort, nachdem er zu sich gekommen ist, versucht zu schlichten", fuhr er fort und konnte nicht ausschließen, dass das von Anfang an Ziel des zweiten Angeklagten gewesen sei. So hatte es dieser nämlich angegeben, und auch seine heutige Ex-Freundin gab als Zeugin an, dass er erst nach dem ersten Schlag nach draußen kam. Nachdem auch der Geschädigte selbst nicht sagen konnte, ob der zweite Angeklagte ihn geschlagen hatte, stellte das Gericht das Verfahren ein.

Der Familienvater indes gab zu, dass er dem Geschädigten nach dem Faustschlag noch das Knie in den Magen gerammt hatte. Dass das solche Folgen haben würde, hatte er nicht gedacht, er entschuldigte sich vor Gericht bei dem Geschädigten. Der hatte genau dokumentiert, was ihm außer der kaputten Jacke alles widerfahren war. Unter anderem hatte er zwei Operationen wegen des kaputten Zahns und bis heute immer wieder Schmerzen an dem Nerv darunter. Über den Vorfall selbst konnte er nur noch sagen, dass es ein großes Durcheinander war. "Es gab Schläge von allen Seiten, und ich war kurz auf allen vieren", aber ob jemand getreten hat - wie in der Anklage verlesen -, könne er nicht mehr sagen, "aber es hat nicht aufgehört". Und auch der Richter gestand: "Unterm Strich sind Sie ganz schön zugerichtet worden."

Der Angeklagte konnte sich den Vorfall nur so erklären, dass er wegen des Alkohols enthemmt war. Er trinke sonst nie, und auch seine Frau sagte aus, dass sie ihn noch nie so betrunken gesehen habe. Vorstrafen hatte der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt keine, er hat aber 70 000 Euro Schulden durch seine Spielsucht, von denen er monatlich 1160 Euro tilgt. "Wenn wir weiter verhandelt hätten, hätte es vermutlich maximal eine Geldstrafe gegeben", informiert Oberndorfer. Die 3000 Euro Schmerzensgeld muss der 30-Jährige bis Ende Juni bezahlen, dann ist das Verfahren eingestellt. Die Verfahrenskosten trägt damit die Staatskasse.

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