Gemünda

2. Dezember 1989: Die Grenze zwischen Autenhausen und Lindenau ist offen

Der entscheidende Anruf kam am Morgen von Norbert Tessmer. Der heutige Coburger Oberbürgermeister, damals noch Beamter beim Bundesgrenzschutz, informierte Seßlachs Bürgermeister Hendrik Dressel am 2. ...
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Der entscheidende Anruf kam am Morgen von Norbert Tessmer. Der heutige Coburger Oberbürgermeister, damals noch Beamter beim Bundesgrenzschutz, informierte Seßlachs Bürgermeister Hendrik Dressel am 2. Dezember 1989 über die vermutliche Grenzöffnung zwischen Lindenau und Autenhausen noch am selben Abend. Darauf deuteten Funksprüche hin, die der BGS abgefangen habe. Während andernorts in der Region bereits Übergänge eingerichtet wurden, hatten hier seit Wochen auf beiden Seiten der noch bestehenden Grenze jeden Donnerstag Bürger für die Öffnung demonstriert, unter anderem mit einem Fackelzug. "Ihr müsst weitermachen", appellierte der damalige DDR-Grenzaufklärer Walter Bauer an die Westdeutschen, erzählte es Dressel bei der Bustour des Regionalmanagements. Mit dieser Aufforderung sei Bauer plötzlich hinter einem Busch aufgetaucht. Er traf auf offene Ohren: "Freien Grenzverkehr auch bei uns!" hieß es auf Westseite. Der Seßlacher Stadtrat hatte bereits am 14. November einstimmig eine Resolution auf Öffnung eines Grenzübergangs verfasst, nur einen Tag, nachdem die Bewohner Autenhausens in einer Bürgerversammlung ebenfalls diesen Wunsch geäußert hatten.

"Politische Sternstunde"

Was sich dann tatsächlich am späten Nachmittag abspielte, bezeichnete Dressel im Nachhinein als "die politische Sternstunde meines kommunalpolitischen Lebens": Für ein paar Stunden wurde der Metallgitterzaun hinter dem Beobachtungsturm auf der Erlenbacher Höhe geöffnet. Über tausend Bürger aus dem Heldburger Unterland drängten sich durch das Tor. Applaus brandete auf, als sich die ersten näherten. Einige trugen Transparente, auf denen Forderungen wie "Weg mit dem Signalzaun!" oder "Lindenau war lange genug das Ende der Welt" standen. Immer wieder winkten sich die Menschen zu.

Dass der Grenzzaun auf der Erlenbacher Höhe nahe des dortigen Bunkers aufging, lag nach Dressels Angaben an den Minen, die direkt zwischen den Orten vermutet wurden: "Die Anhöhe hingegen galt als minenfrei." Erst 1985 hatte die DDR das Areal rund um das ehemalige Gut Erlenbach dem Erdboden gleichgemacht. "Alles sollte aus dem grenznahen Raum verschwinden", erläuterte Dressel. Im Film "Grenzfall" von Roland Krüger (Bad Staffelstein) ist auf YouTube zu sehen, wie immer mehr Menschen, begleitet von Applaus und Blasmusik, den Grenzzaun passierten. Als es dunkel wurde, so schilderte es der Bürgermeister a. D., leuchtete die Seßlacher Feuerwehr den Bereich um das Tor im inneren Signalzaun aus, der sich an Ummerstadt vorbei bis Richtung Weitramsdorf zog. Ursprünglich sollten auf Anweisung von Hauptmann Heiko Ritschel nur die Thüringer Bürger nach Bayern kommen, nicht umgekehrt. Dressel: "Doch die Bayern schufen Fakten: Sie sind zu Hunderten rübergegangen." Auch seine Frau Renate erkundete mit den drei Kindern das benachbarte Ummerstadt. Die Pässe, die sie auf Anraten ihres Mannes eingepackt hatte, sollte sie nicht brauchen. Den Sekt schon.

"Ich glaube, Sie stimmen mir zu: Das ist eine Sternstunde für die Menschen diesseits und jenseits der Zonengrenze", sagte Dressel am Megafon in Autenhausen zur Begrüßung der DDR-Bürger. Schon seit dem 9. November, aber erst recht seit diesem 2. Dezember habe die Grenze ihre Abscheulichkeit verloren. "Wir waren schon immer Nachbarn, merken aber jetzt, dass wir schon immer zusammengehörten", fuhr er unter Beifall fort.

"Nicht locker lassen"

Respekt bekundete das Seßlacher Stadtoberhaupt für das, was die DDR-Bürger in den Wochen zuvor friedlich erreicht hatten: "Das ist unwahrscheinlich beeindruckend." Nun sollten alle nicht locker lassen, dass dieser Grenzübergang auch dauerhaft Wirklichkeit werde, schloss Dressel. Zwei Tage später, am 4. Dezember 1989, öffnete sich die Grenze zwischen Ummerstadt und Gemünda.

Am 17. Dezember kam es zur Grenzöffnung zwischen Lindenau und Autenhausen. bek

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