Kronach

13 Zeugnisse der Unmenschlichkeit

Am Samstag wurde in der Kronacher Synagoge die preisgekrönte Ausstellung "13 Führerscheine - 13 jüdische Schicksale" eröffnet. Das P-Seminar "Geschichte" des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels erforschte die Biografien von Juden, deren Führerscheine 1938 eingezogen wurden.
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Die Ausstellungseröffnung stieß auf großes Interesse. Foto: Heike Schülein
Die Ausstellungseröffnung stieß auf großes Interesse. Foto: Heike Schülein

Kronach — Am Anfang waren es nur 13 vergilbte Führerscheine; am Ende wurde es greifbare Geschichte: Nach der Reichspogromnacht 1938 zwang ein Erlass von Heinrich Himmler alle Juden zur Abgabe ihrer Führerscheine, darunter auch 13 aus dem Landkreis Lichtenfels. 2017 stießen Landratsamt-Mitarbeiter bei der Digitalisierung alter Akten auf einen Umschlag mit den 13 Führerscheinen. Landrat Christian Meißner übergab diese dem Meranier-Gymnasium. Unter Leitung von Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht erforschten dort Schüler des P-Seminars "Geschichte" die Lebenswege der 13 Führerschein-Inhaber.

"Jeder von uns suchte sich einen Führerschein aus. Wir wussten nicht, worauf wir uns einlassen", erklärte die Gymnasiastin Francesca Schütz bei der Eröffnung der Ausstellung, die derzeit in Kooperation des Evangelischen Bildungswerks (EBW) Kronach-Ludwigsstadt-Michelau mitdem Aktionskreis Kronacher Synagoge zu sehen ist. Die Seminaristin entschied sich für Leo Banemann: ein Kaufmann, der mit seinem Bruder das kleine Metzgereibedarf-Unternehmen des verstorbenen Vaters führte - ein treusorgender Ehemann und Vater einer kleinen Tochter, ein Ordensträger, der im Ersten Weltkrieg von 1916 bis 1918 an der Westfront kämpfte.

Seinen Führerschein macht Banemann am 29. Juni 1925. Der Familie geht es sehr gut. Sie ist voll im gesellschaftlichen Leben in Burgkunstadt integriert. Das ändert sich mit Beginn der NS-Diktatur. Zunehmende Repressalien gegen Juden führen zu gesellschaftlicher Isolation. Während der Novemberpogrome wird das Haus der Banemanns von fanatischen Nazis heimgesucht. Am nächsten Tag wird Leo Banemann wie alle anderen jüdischen Männer als "Schutzhäftling" in das Gefängnis in Hof verfrachtet. Das eigentliche Ziel Dachau war überfüllt. Erst nach Wochen werden die Männer entlassen.

Im April 1939 schaffte es die Familie gerade noch rechtzeitig, Deutschland zu verlassen und nach Baltimore zu gelangen. Ihren Besitz müssen sie zurücklassen. Aber sie kommen mit dem Leben davon wie auch weitere sieben dieser Führerschein-Inhaber; fünf wurden ermordet.

"Sie schrieb, sie habe Tränen in den Augen - der Freude und der Wut", erinnert sich Schütz an den ersten Kontakt mit der Enkelin von Leo Banemann. Dieser wie auch weiteren Nachfahren aus aller Welt konnten sie in Lichtenfels die Führerscheine persönlich übergeben - zutiefst bewegende Momente für alle Beteiligten!

"Die Schülerinnen und Schüler hat die Rekonstruktion der 13 Biografien geprägt und verändert", so EBW-Leiter Joachim Wegner. Sie seien Menschen begegnet - Lebenden und Gestorbenen, die sie beeindruckt, ermutigt, gefordert und ihnen geholfen haben. Die 13 Menschen und ihre Nachkommen seien ihnen immer näher gekommen.

Den Seminaristen galt dann auch sein besonderer Dank wie auch dem Landkreis Lichtenfels und der Koinor Horst-Müller-Stiftung für die finanzielle Unterstützung. Tief beeindruckt zeigte sich Dekanin Dorothea Richter. Wie sie ausführte, habe Antisemitismus mindestens drei Wurzeln - religiöser, rassistischer und politischer Art. Ihrer Meinung nach bekämpfe man Antisemitismus am erfolgversprechendsten, wenn man Einzelschicksale aufzeige. "Der Zugang über Personen erscheint mir sehr wichtig", betonte sie.

Christian Porzelt, der sich in seinem Studium schwerpunktmäßig mit jüdischer Geschichte beschäftigt hat, stellte die Ergebnisse neuer Nachforschungen in Kronach vor. Die ersten Führerschein-Inhaber waren Geschäftsleute beziehungsweise Personen, die einen Führerschein beruflich brauchten. Bis zum Ersten Weltkrieg hatten nur 33 Personen in Kronach einen Führerschein. An 16. Stelle stand der jüdische Kaufmann Julius Obermeimer. Nach dem Krieg nahm die Anzahl stark zu, 1924 gab es 49, 1925 schon 127 Neuanmeldungen. Weibliche Führerschein-Besitzer waren aber die Ausnahme.

Die vielen Besucher wurden eingangs von der Aktionskreis-Vorsitzenden Odette Eisenträger-Sarter willkommen geheißen. Auf den sehr anschaulich gestalteten Ausstellungsbannern sind nicht nur die Ergebnisse der Recherche zu den 13 Personen zu sehen, sondern auch Informationen zur Entwicklung der jüdischen Gemeinden im Landkreis Lichtenfels, zum Führerschein in den 30er Jahren, zum Bezirksamt und zu den wenigen Lichtenfelsern, die jüdischen Mitbürgern halfen.

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