Haßfurt

1,79 Promille will er nicht glauben

Das Amtsgericht in Haßfurt verhandelte gegen einen Rentner, der unter Alkoholeinfluss in einen Unfall verwickelt war. Nur widerstrebend nahm der Angeklagte seinen Einspruch gegen einen Strafbefehl über 400 Euro zurück.
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Manfred Wagner

Mit den Worten: "Ich will mich nicht als Straftäter oder Trunkenbold abstempeln lassen", beharrte der 73-jährige Rentner auf seinem Standpunkt. Er vertrat felsenfest die Ansicht, dass die bei ihm festgestellten 1,79 Promille einfach nicht zutreffen können. Da durch umfangreiche Maßnahmen zur Beweissicherung im Vorfeld zweifelsfrei festgestellt wurde, dass es sich um keine Verwechslung etwa bei der entnommenen Blutprobe handeln konnte, sprach Amtsrichterin Ilona Conver bei einem Prozess am Amtsgericht Haßfurt von einer "Verschwörungstheorie" des Seniors. Nach langem Zureden auch seitens des Staatsanwalts Ralf Hofmann nahm der Angeklagte schließlich doch noch seinen Einspruch gegen den Strafbefehl über 400 Euro zurück.
Der Strafbefehl erlangt damit Rechtskraft. Er hat die gleiche Bedeutung wie ein Urteil. Zu der Verhandlung war es erst gekommen, weil der Beschuldigte Einspruch gegen den Strafbefehl eingelegt hatte.


In den Straßengraben

Es war der Abend des 26. Januar 2015, als der ältere Herr am Steuer seines Autos am Stadtrand von Zeil unterwegs war. Kurz nach 7 Uhr, so schilderte der Angeklagte, sei ihm auf seiner Fahrspur ein anderes Auto entgegengekommen. Um einen Frontalzusammenstoß zu vermeiden, sei er dann nach rechts über den Grünstreifen ausgewichen und dabei mit seinem Fahrzeug über eine Böschung gekommen und im Straßengraben gelandet. Der andere Fahrer sei einfach weitergefahren, sagte der Angeklagte.
Als die Polizei gekommen sei, erzählte der Rentner weiter, habe er zwei Mal in das Röhrchen geblasen - und das Gerät habe nichts angezeigt. Für ihn war das logisch, denn an diesem Tag hatte er lediglich zur Mittagszeit zwei kleine Gläser mit Sherry getrunken, versicherte er den Juristen. Im Krankenhaus folgte eine Blutentnahme. Dass dabei ein enormer Alkoholwert von knapp 1,8 Promille ermittelt wurde, das kann der betagte Autofahrer bis heute nicht glauben. Um jedwede Verwechslung auszuschließen, wurde zusätzlich eine DNA-Analyse durchgeführt. Mit eindeutigem Ergebnis: Das untersuchte Promille-Blut stammte von dem Unfallfahrer und von niemandem sonst. Dieser Fakt allein war für die Juristen maßgeblich.
Einer Rücknahme des Einspruchs gegen den Strafbefehl wollte der Vertreter der Anklage nur aus sogenannten prozessökonomischen Gründen zustimmen - also solange keine aufwendige Beweisaufnahme mit Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen erfolgen würde. Auch der Verteidiger André Kamphausen sah kaum eine Chance, dass sich bei weiterer Prozessführung für seinen Mandanten das Blatt wenden würde. Schweren Herzens murmelte der Angeklagte: "Ich werde zur Unwahrheit gezwungen" - und nahm den Einspruch zurück.
Mit der Zahlung der Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je zehn Euro gilt der Mann im strafrechtlichen Sinne nicht als vorbestraft, klärte der Staatsanwalt auf. Alternativ wäre es wohl zu einem Urteil gekommen, gegen das der Mann Rechtsmittel hätte einlegen können.
"Sie können bis zum Bundesverfassungsgericht oder bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen", meinte die Strafrichterin. Der Angesprochene entgegnete mit Entschlossenheit: "Wenn ich das Geld hätte, würde ich es tun."

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