Dass katholische Geistliche mit Blick auf die Missbrauchsskandale oft per Generalverdacht an den Pranger gestellt werden, missfällt dem Sprecher des Priesterrats der Erzdiözese Bamberg, Michael Hofmann. Im Gespräch mit unserer Zeitung weist der Nürnberger Theologe allerdings auch darauf hin, dass angesichts der Vielzahl der Missbrauchsfälle die katholische Kirche in Deutschland ihre Hausaufgaben erst noch machen muss. Die bekannt gewordenen Fälle müssten schnell aufgearbeitet werden - im Interesse der Opfer und um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Da sich die Opfer aus verständlichen Gründen oft erst sehr spät den schlimmen Erfahrungen ihrer Vergangenheit stellen können, plädiert Hofmann für eine Verlängerung der Verjährungsfristen.

Hätten Sie sich je vorstellen können, dass die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ein solches Ausmaß haben?
Hofmann: Nein. Mir liegt aber daran klarzustellen, dass das Thema Missbrauch ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und nicht ein spezifisches der katholischen Kirche. Missbrauch kommt in unserer Gesellschaft leider überall vor, in Familien, in Vereinen, in staatlichen Heimen. In der Öffentlichkeit wird das meiner Meinung nach oft recht einseitig dargestellt.

Geht die Kirche Ihrer Meinung nach mit den Missbrauchsfällen richtig um?
In der Vergangenheit hat sie das nicht getan. Das bloße Versetzen eines Täters löst ja das Problem nicht. Heute reagiert die Kirche energischer, wenn Missbrauchsfälle bekannt werden.

Was passiert mit den Tätern?
Hierfür sind in erster Linie die weltlichen Gerichte zuständig. Unabhängig davon besteht die Kirche auf einem eigenen kirchlichen Verfahren, das in schweren Fällen bis zur Amtsenthebung führen kann und das keine Verjährungsfristen kennt.

Stichwort Verjährung: Sollten Ihrer Meinung nach die Verjährungsfristen für Missbrauchsfälle verlängert werden?
Das wäre sicher sinnvoll, weil viele Opfer oft erst nach vielen Jahren fähig sind über ihre erschütternden Erlebnisse zu sprechen.

In Bamberg sorgte der Fall Münkemer für Schlagzeilen. Während Ihrer Zeit als Regens des Priesterseminars war Otto Münkemer Direktor des Ottonianums. Sie arbeiteten unter einem Dach. Bekamen Sie da etwas von Münkemers Machenschaften mit?
Davon habe ich überhaupt nichts mitbekommen.

In Seminaristenkreisen kursierten aber zu jener Zeit immer wieder Berichte über Münkemers abnormes Verhalten gegenüber jungen Heimbewohnern.
Zu meinen Ohren sind solche Vorwürfe nie gedrungen. Ich kann es mir auch heute noch nicht vorstellen.

Warum braucht es so lange, bis die Bamberger Kirche den Fall Münkemer aufgearbeitet hat?
Das weiß ich nicht. Ich gehe aber davon aus, dass die Vorwürfe gegenüber Münkemer zunächst sehr sorgfältig geprüft werden mussten. Er war schließlich als Mitarbeiter in der Bistumsleitung nicht Irgendwer. Als sich die Verdachtsmomente erhärteten, wurde reagiert. Ich bin allerdings Ihrer Meinung, dass derlei Verdachtsfälle möglichst rasch aufgeklärt und abgeschlossen werden sollten, weil wir nur so das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen können.

Hat Ihrer Meinung nach die große Zahl der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche etwas mit dem Zölibat zu tun?
Meiner Meinung nach nicht. Denn der überwiegende Teil der Missbrauchsfälle geschieht im Raum von Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis. Und der überwiegende Teil der Täter hat eine funktionierende Erwachsenenbeziehung.

Ist es aber nicht so, dass der Zölibat Leute mit einer pädophilen Veranlagung geradezu anzieht?

Das ist sicher eine berechtigte Frage, aber es gibt dazu noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Dass jemand sich zum Zölibat hingezogen fühlt, ist keine Garantie dafür, dass die Verantwortlichen ihn auch zur Weihe zulassen.

Es gibt Stimmen, die fordern vom Papst eine Stellungnahme zu dem Skandal in Deutschland.
Niemand hat so eindeutig den Missbrauch verurteilt wie Benedikt XVI. Er tat das in den USA und in seinem Brief an die irischen Katholiken. Im übrigen: von einer zu starken Romfixierung halte ich nichts. Zunächst einmal muss die deutsche Kirche ihre Hausaufgaben machen. Sie ist gefordert, nach Jesu Wort zu handeln: "Die Wahrheit wird euch befreien." (Joh. 8,32)

Hat der Skandal Auswirkungen auf den priesterlichen Dienst?
Aber sicher. Bei vielen meiner Kollegen ist die Unbefangenheit im Umgang verloren gegangen. Früher sprach man vom "Priester zum Anfassen" und meinte damit den volksnahen, kontaktfreudigen Priester. Nach dem Missbrauchsskandal stellt sich die Frage, wie sich Priester, aber auch Erzieher oder Lehrer künftig verhalten sollen? In welcher Form dürfen sie Nähe und Zuwendung und Trost schenken? Nur durch Worte? Oder auch durch Gesten? Bedeutet da jede Berührung gleich ein Begrapschen? Jedenfalls ist es eine wichtige Aufgabe für die nächste Zeit, das Verhältnis von Zuwendung und Distanz neu zu definieren.

Zur Person
Michael Hofmann ist gebürtiger Bamberger (1937) und wurde 1965 zum Priester geweiht. 12 Jahre war er Regens im Priesterseminar (bis 1989). Seit 1982 ist er Moderator des Priesterrats. Von 1989 bis 2007 war er Pfarrer in Nürnberg. 2008 wurde er zum päpstlichen Ehrenprälat ernannt.

Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Klaus Angerstein.