Leutershausen
Fashion auf dem Friedhof

Revolution am Grab

Ein Franke bringt ein Fashionlabel für Grabmale auf den Markt - Alle zwei Jahre eine neue Kollektion
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Alexander Hanel ist der Rokstyle-Erfinder. Diana Fuchs
Alexander Hanel ist der Rokstyle-Erfinder. Diana Fuchs
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V iele sind es. Viele, große Steine. Marmor neben Sand- und Kalkstein, Gneis und Granit. Unter der hohen Decke der Verkaufshalle haben ungewöhnlich geformte Exemplare ebenso ihren Platz wie traditionelle Grabmale. Manche tragen Inschriften, andere sind bemalt, es gibt helle, dunkle, glitzernde, bunte, graue. Beim Rundgang gelangt man an einen offenen Durchgang an der Hallenwand. Es ist das Tor zum "Showroom". Hier präsentiert sich "Rokstyle", das bisher wohl einzige Fashionlabel für Grabsteine.

Ein Fashionlabel für den Friedhof? Was zuerst wie ein Werbe-Gag klingt, ist eine neue Produktlinie, die offenbar eine Marktlücke füllt. "Rokstyle" bietet individuell gestaltete Grabstein-Modelle, elegante Edelstahlkreuze und viele andere "Accessoires" für die letzte Ruhestätte des Körpers. Statt der herkömmlichen, schweren Bodenlaterne sitzt hier zum Beispiel ein filigranes Licht wie eine Krone auf einem Stein und leuchtet in eine andere Welt.
Alexander Hanel, der das traditionsreiche Grabsteinwerk Hanel im mittelfränkischen Leutershausen gemeinsam mit seinem Cousin führt, ist der Kopf der neuen Hanel-Marke "Rokstyle". Der 40-Jährige sagt eine Renaissance der Friedhofs-Bestattungen voraus - aller alternativen Bestattungsformen zum Trotz.

"Wir können nicht ändern, dass Menschen sterben. Aber mit Liebe, Empathie, Mut und Feingefühl können wir etwas schaffen, das bleibt", sagt Hanel. "Einen Ort, an dem die Angehörigen dem Verstorbenen nah sind und um ihn trauern können." Dieser Ort sei ganz wichtig, um den Tod verarbeiten zu können.
Dass man Steine heute sehr individuell gestalten kann, ist einer enormen Verbesserung der Produktionstechnik in den vergangenen Jahren zu verdanken. Das Gesicht des Toten kann als Relief in den Stein gemeißelt sein, genauso wie ein markantes Tattoo oder der Pfotenabdruck des Lieblings-tieres. Oder ein Zitat, das den Verstorbenen charakterisiert. Wer statt Buchstaben oder Bildern lieber geometrische Formen oder glitzernde Kristalle sprechen lässt - kein Problem. "Es gibt fast nichts mehr, das nicht geht."

Viele Menschen ahnen von diesen Möglichkeiten noch nichts, weil sie sich, so der Steinmetz, nicht gerne mit dem Tod beschäftigen. "Viele denken, der Tod ist grau, trist, gleichförmig. Dabei ist jeder, der diese Welt verlässt, ein Individuum, das sich in einem letzten sichtbaren Zeichen widerspiegeln kann. Ein Grab- oder Gedenkstein ist etwas hoch Emotionales."
Beispiele kann Hanel viele nennen: vom alten Bauern, der seinen Lieblingstraktor quasi mit ans Grab nehmen wollte, bis zu einem Zwölfjährigen, der tödlich an Krebs erkrankt war und sich wünschte, dass sein Lieblingsfußballverein neben seinem Namen stehen soll. "Einmal haben wir auch einen selbstgemalten Schmetterling auf einen Grabstein dupliziert. Das Bild stammte von der Verstorbenen, einem jungen Mädchen." Das Leid der Eltern mitzuerleben, ist auch für Hanel und sein Team schwer. Aber er hat die Erfahrung gemacht: "Eltern, die ein Kind verloren haben, brauchen etwas, das die Liebe zu ihrem Kind - und umgekehrt - sichtbar verewigt. Einen Gedenkstein zu gestalten, ist Trauerarbeit. Und die tut letztlich gut." Deshalb steht für Alexander Hanel fest: "Man kann viel bewirken, wenn man unseren Beruf nicht nur als einen Beruf sieht, sondern als Herzenssache."
Deshalb hat Hanel das Label "Rokstyle" gegründet, das sich ganz bewusst von der konservativen Branche abgrenzt. Der Name setzt sich aus "Rock", Englisch für Stein, und "Style", also Stil, zusammen. Dass das "c" im Wort Rock fehlt, ist dem Markenrecht geschuldet. "Es gibt doch in allen Lebensbereichen Marken, mit denen man sich identifizieren kann. Warum nicht auch bei Grabsteinen?" Wie in der Modeszene gibt es bei "Rokstyle" alle zwei Jahre eine neue Kollektion "und zwischendurch einzelne neue Modelle". Hand in Hand arbeitet der Steinmetz bei der Gestaltung mit langjährigen Partnern zusammen, etwa einer Kunstgießerei.

Die Idee entstand in Alexander Hanels Kopf vor etwa fünf Jahren.Er kreierte Prototypen, ging 2013 damit erstmals an die Öffentlichkeit. "Die Reaktionen waren durchweg positiv." Die Bestattungskultur verändere sich. Deshalb haben laut Hanel auch viele Kommunen ihre Friedhofssatzungen modifiziert. "Die Vorschriften für Grabsteine sind heute nicht mehr so starr wie früher."
Dass sich aktuell viele Menschen für vergleichsweise anonyme Friedwälder und -wiesen interessieren, entspringt nach Meinung des 40-Jährigen dem Wunsch, niemanden durch die nötige Grabpflege zu belasten. "Es gibt aber mittlerweile auch für Friedhöfe moderne Konzepte, die die Pflege enorm erleichtern." Herausnehmbare Metallrahmen vereinfachen zum Beispiel die Bepflanzung.
Um einen "Blick von außen" und externe Meinungen zu erhalten, hat Hanel zusammen mit der Hochschule Ansbach das Projekt "Friedhof der Zukunft" initiiert. Studenten haben Bürger zu ihren Trauerritualen befragt. Ergebnis: "Drei Viertel der Menschen sehen eine Bestattung auf einem gut erreichbaren Friedhof als ideal an." Hanel glaubt, dass der Umgang mit dem Tod und unsere Art zu trauern tief in unserer Kultur verankert sind. Deshalb steht für ihn fest: "Der Friedhof wird eine Renaissance erfahren. Aber wir müssen näher ran an die Menschen und ihre Bedürfnisse. Für die Hinterbliebenen soll der Friedhof kein Ort des Grauens sein, sondern des Friedens. Er muss deshalb entsprechend gestaltet sein."
Der 40-Jährige kann sich zum Beispiel gut vorstellen, dass es in 20 Jahren selbstverständlich sein wird, geliebte Haustiere im gleichen Grab wie ihre Besitzer zu beerdigen. "Wir müssen offen sein für alles, was gut für die Menschen ist. Es sollte keine Denkverbote geben."

Bisher ist Hanel mit diesem Motto in allen Lebensbereichen gut gefahren. Mit 18 Jahren war der junge Musik-Manager und Radiomoderator so erfolgreich, dass er Chart-Hits produzierte, in Stefan Raabs TV-Sendung auftrat und in ganz Europa herumkam. Als er mit Ende 20 vor der Entscheidung stand, als Manager in einem Musikunternehmen zu arbeiten oder das vom Großvater gegründete mittelständische Grabsteinwerk zu übernehmen, entschied er sich für Letzteres: "Ich liebe gestalterische Freiheit und Details. Da habe ich für mich eine Marktlücke gesehen."
Der Erfolg gibt ihm Recht. Für "Rokstyle" hat das 20-köpfige Unternehmen unter anderem den Querdenker-Award, den "Green Product Award 2015" und heuer den "German Design Award" erhalten. Hanel hat sein Label auch in Amerika angemeldet. In der Schweiz ist "Rokstyle" bereits auf dem Markt. Die Zusammenarbeit mit internationalen Lizenzpartnern macht's möglich.
"Natürlich ist Gestaltung immer Geschmackssache. Aber das ist ja gerade das Schöne: Heute gibt es ein Mehr an Möglichkeiten." Mit einer kontroversen Diskussion hat Hanel keine Probleme. "Wenn über Bestattungskultur gesprochen wird, ist das immer gut." Alles sei besser als "zu schweigen wie ein Grab".


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