Handwerkstradition

Zahn für Zahn entsteht ein fränkischer Kamm

Die Firma Groetsch im Pegnitztal fertigt in reiner Handarbeit Kämme aus Holz. Eine Seltenheit, aber das Geschäftsmodell funktioniert. Die Familie lebt von ihrer Hände Arbeit. Die Tochter hat längst die Nachfolge des Vaters angetreten.
Kamm-Macher Martin Groetsch bei der Arbeit  Foto: Matthias Hoch
 
von MATTHIAS LITZLFELDER

Bei der Handwerkskammer ist Melanie Groetsch als Drechslerin geführt. "Kamm-Macher ist kein Lehrberuf mehr", erzählt sie. Auch die 41-Jährige ist in dieses besondere Handwerk nur über die Familie hineingewachsen. Der Urgroßvater hatte 1848 die Tradition im mittelfränkischen Burgthann begründet, der Großvater war Deutschlands letzter Kamm-Macher-Meister. Ihr Vater lernte Werkzeugmacher. Der Beruf des Kamm-Machers, der aus Holz oder Horn in Handarbeit stabile Kämme fertigt, schien ohne Zukunft. Die Kunststoff-Welle nach dem Zweiten Weltkrieg drohte, auch den letzten Kamm-Macher wegzuspülen.


 

Direkt an der Pegnitz, in Enzendorf (Gemeinde Hartenstein, Landkreis Nürnberger Land), liegt die alte Mühle, das Anwesen der Familie Groetsch, in dem diese Handwerkstradition heute weiterlebt. Auf Initiative seiner Tochter hin stieg Martin Groetsch Anfang der 1990er Jahre in die Fußstapfen seines Vaters, begann mit dem Kamm-Machen. Melanie Groetsch unterstützte ihn, lernte jeden Handgriff. Die Abiturientin und ausgebildete pharmazeutisch-technische Assistentin wurde selbst zur hauptberuflichen Kamm-Macherin.

Drei Standbeine
Mittlerweile hat die Mutter zweier Töchter die Firma ihres Vaters übernommen. Ihr 71-jähriger Vater arbeitet munter weiter, ihre Mutter Lieselotte kümmert sich um Qualitätskontrolle und Vertrieb. Kann man davon leben? "Es kommt darauf an, wie man sich aufstellt", sagt Melanie Groetsch. Geschäftsbeziehungen pflegen, neue Abnehmer gewinnen, Qualität bieten - das Geschäftsmodell funktioniert.

Vor einigen Jahren hat sich Melanie Groetsch ein weiteres Standbein geschaffen. "Ich habe ja meine Ausbildung nicht ohne Grund gemacht." Sie produziert Naturkosmetik, bis zu 500 Kilogramm in der Woche. Dabei entwickelt sie selbst Rezepte, kauft natürliche Fette und Öle und mischt das Ganze. Heilpraktikerin ist sie überdies.
"Lange waren die Kämme mein Hauptstandbein. Seit drei Jahren halten sich Kämme und Naturkosmetikproduktion die Waage, was den Umsatz angeht", berichtet sie. Von den Kämmen allein zu leben, sei aber definitiv möglich. Es habe in den vergangenen 20 Jahren alljährlich eine kleine Umsatzsteigerung gegeben.

Ihr drittes Standbein fließt draußen an der Werkstatt vorbei. Das Wasser der Pegnitz treibt eine Turbine an, die mehr Strom erzeugt, als Firma und Familie benötigen. Melanie Groetsch bezeichnet die Wasserkraft als ihre "Rente".
Wer die Werkstatt betritt und Vater Martin beim Arbeiten zuschaut, fühlt sich, als wäre die Zeit stehen geblieben: alte Maschinen, überall Holzstücke in unterschiedlichen Formen und jede Menge Sägespäne sowie Schleifstaub. Auch Martin Groetsch selbst wirkt mit seinen langen grauen Haaren, dem grauen Rauschebart und der Hornbrille wie die Musterbesetzung in einem Märchenfilm.

Bis nach Amerika
Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, bearbeitet jedes einzelne Stück mit Sorgfalt und Gelassenheit - ob an der Bandsäge, der mehr als hundert Jahre alten Schneidemaschine, die Zahn für Zahn aussägt oder den verschiedenen Schleifwerkzeugen. "Qualität ist das Wichtigste. Die erreicht man nicht durchs Sägen, sondern durchs Schleifen und Nacharbeiten", sagt seine Tochter.

Die Kunden der Familie, die für einen Kamm so viel wie für ein Gericht im Restaurant ausgeben, wissen das zu schätzen. Die Groetschs beliefern Endkunden wie den Großhandel. Ein großer Kunde in Frankreich bestellt monatlich, die Kämme aus dem Pegnitztal gehen auch nach England oder sogar in die USA. "Per Paket. Kämme sind nicht so schwer", sagt Melanie Groetsch. In Deutschland stehen Friseure auf der Kundenliste. Oder Zwischenhändler wie zum Beispiel in München ein Laden am Viktualienmarkt. 50 bis 100 Kämme werden pro Tag fertig, je nach Auftrag. Melanie und Martin Groetsch verwenden hierfür rund zehn heimische Edelhölzer, am liebsten Elsbeere und Speierling. "Wenn mir Speierling-Holz angeboten wird, schlage ich zu", sagt Melanie Groetsch, die auf ihrem Anwesen auch selbst diese Baumart gepflanzt hat. Passendes Holz ist aber im eigenen Lager genug vorhanden. "Das reicht noch für die Enkelkinder", sagt Martin Groetsch. Seine Augen funkeln verschmitzt.
Ein Kamm aus Eiche, Fichte oder Tanne? Die Tochter winkt ab. "Zu faserig und zu harzig." Die Edelhölzer Speierling und Elsbeere haben sich bewährt. Das Wort Premium klingt Melanie Groetsch allerdings zu elitär. "Ein Holzkamm hat etwas Bodenständiges, etwas Bewusstes", meint sie.



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