Handwerk

Karnevalsmützen kommen aus dem Frankenwald

Ein paar Hundert Euro legt der Präsident eines großen Karnevalsvereins schon mal für eine prächtige Mütze hin. Aber nicht an allen Kunden verdient eine fränkische Stickerei so gut.
Faschingsgschichtla über die AFW Creativ-Stickerei im Frankenwald: Eine Stickmanufaktur, die auf Karnevalsmützen spezialisiert ist (und auf die offiziellen Wimpel des Deutschen-Fußball-Bundes). Gegründet worden ist die Firma in Köln, später ging sie im Frankenwald pleite. Drei Mitarbeiterinnen übernahmen den Betrieb um die Schließung zu verhindern. Foto: Barbara Herbst
 
von NATALIE SCHALK
Wenn Birgit Rodler nicht lacht, verraten Fältchen um ihre Augen trotzdem, dass sie ein ziemlich fröhlicher Mensch sein muss. Vielleicht liegt's daran, dass ihre Kunden den Humor schätzen. Vielleicht aber auch daran, dass sie es allen gezeigt hat. Denen, die damals über sie gelacht haben. Hinter vorgehaltener Hand und manchmal wohl auch ein wenig gehässig. "Das wird nix", wurde geunkt, als drei Arbeiterinnen die insolvente Stickerei Meinel in Marktleugast (Kreis Kulmbach) kauften. Birgit Rodler, ihre Schwester Sonja Oelschlegel und ihre Großcousine Doris Rau haben ihre Ersparnisse und den Kredit eines Verwandten nicht in den Sand gesetzt. Unter dem neuen Namen AFW Creativ-Stickerei haben sie das Unternehmen zum Erfolg geführt.

Die Marke Meinel-Mützen ließen sie sich schützen, als ihr alter Arbeitgeber pleite ging. "Die Kölner kennen diesen Namen", sagt Geschäftsführerin Rodler. Der Kölner Karneval gehört für sie zum Job, Prunksitzungen sind Pflichtprogramm. "Freilich! Da sitzt die ganze Familie vorm Fernseher." Die 52-Jährige schaut dann nach Mützen, Kappen und Schiffchen, die aus ihrer Firma kommen. "Da sind wir stolz drauf." Christine Zapf, mit 48 die jüngste der Stick-Schwestern, erzählt, dass auch Angela Merkel schon vor Marktleugaster Karnevalsmützen stand - die Kanzlerin hatte vor zwei Wochen Besuch vom Bund Deutscher Karneval. "Stickereien gibt es viele", sagt Rodler, "aber Karnevalsmützen machen vielleicht vier oder fünf." Etwa 2500 bis 3000 Mützen produziert die fränkische Stickerei jedes Jahr. Die Saison beginnt im August, bis 11.11. werden vor allem Prinzenmützen hergestellt, danach Komitteemützen und Schiffchen.

Im Besprechungszimmer sitzt gerade eine Gruppe holländischer Narren - sie tragen Anzug und sind als solche nicht zu erkennen - aber sie wollen für ihren Verein Mützen in Auftrag geben - eine Ausnahme: "80 Prozent der Mützen gehen nach Köln", sagt Christine Zapf. "Alles Unikate." Präsident, Komittee, Mitglieder, Ehrenmitglieder, Senat, Ehrensenat: Zum Glück für das fränkische Unternehmen und seine 23 Mitarbeiter haben die Karnevalsvereine strikte Hierarchien und brauchen häufig neue Mützen.

Die einfachen gibt es ab 30 Euro. Der Präsident eines großen Vereins legt auch mal 450 Euro hin. "Da sind 400 Steine und mehr drauf." Es gibt Strasssteine, die einzeln aufgeklebt werden, Ketten, echtes Kaninchenhaar, Pelz und aufwändig gesmokte Stoffe. "Die macht unsere Mutter in Heimarbeit."

Die Atmosphäre ist familiär, alle duzen sich hier. Am Weiberfasching gibt's Sekt, am 11.11. wird die Arbeit um 11.11 Uhr eingestellt und ein Prinzenpaar wurde in der Firma auch schon gekürt. "Wir sind Arbeiter und wir bleiben Arbeiter", sagt die Geschäftsführerin. Die tiefer werdenden Lachfalten verraten, dass dieser Gedanke sie fröhlich macht. Sie wurde bereits als Unternehmerfrau des Jahres im Handwerk geehrt, bekam die Staatsmedaille für besondere Verdienste um die bayerische Wirtschaft und die Stickerei wurde von der Regierung als Vorreiter für Chancengleichheit ausgezeichnet.

Nicht nur für den Karneval

Auch ihr Verdienst sei ein bisschen besser als zu der Zeit als sie noch angestellt war. "Aber mit Textil wird man in Deutschland nicht superreich. Außerdem haben wir fast alles, was wir verdient haben, wieder reingesteckt." Drei riesige, moderne Stickmaschinen wurden angeschafft, außerdem eine Maschine für Digitaldruck. Junggesellenabschiede und Geburtstage sind ein Geschäftsfeld, dass die Firma gerade neu entdeckt. Bilder und Sprüche, die die Kunden übers Internet hochladen, drucken die Marktleugaster auf T-Shirts, die dann ab zehn Euro kosten. Das billigste Produkt der Firma gibt's für 30 Cent: einen gestickten Buchstaben auf Handtuch, Basecap oder Kochjacke. "Wir besticken alles", erklärt Rodler. Dazu gehören auch DFB-Wimpel für Fußballspiele und die Logos namhafter Sportartikelhersteller. In Marktleugast ist ja auch nicht das ganze Jahr Karneval.

Die Mützen machen knapp zwei Drittel der Produktion aus. Genaue Zahlen will die Geschäftsführerin nicht nennen. Sechsstellig sei der Umsatz. So wie das Unternehmen läuft, dürfte er sich dem siebenstelligen Bereich nähern? Birgit Rodler antwortet nicht. Sie lächelt fröhlich.






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