Das letzte halbe Jahr war gar nicht gut gelaufen für den 19-Jährigen. Erst war er zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden, weil er vor einem Kind die Hose aufgemacht hatte, dann war er aus einer Praktikumsstelle geflogen, weil er einem Kollegen fünf Euro gestohlen hatte, dann war seine Automatenspielsucht wieder ausgebrochen. Und dann war die Geschichte passiert, wegen der er jetzt vor Gericht stand.
Da spielte es dann fast keine Rolle, dass er anschließend in einem Würzburger Vier-Sterne-Haus einen Ausbildungsplatz für seinen Traumberuf Koch fand. Denn kurz nach Dienstantritt fiel er vom Fahrrad und zog sich einen komplizierten Bruch zu. Über zwei Monate ist er noch krank geschrieben, aber der Betrieb will ihn behalten. Er hätte ihm - in der Probezeit - auch kündigen können.
Und jetzt aus zwei Gründen. Denn der junge Mann hatte sich mal wieder exhibitionieren müssen. Welcher Teufel ihn da wieder geritten hatte, konnte er nicht erklären. Er habe "wieder Druck gespürt." Es war an einem Freitagmittag gewesen, vor dem Internetcafé und Automatenspiel am Berliner Platz, das er gerne besucht. Da hatten sich gerade zwei Mädchen - 13-jährige Schülerinnen - von einem gemeinsamen Bekannten verabschiedet und waren die Groppstraße hinaufgegangen. Auch er warf ihm nur einen kurzen Gruß zu und folgte den beiden - auf der anderen Straßenseite. Sie überquerten, an getrennten Übergängen, den Ostring und gingen weiter in der Kasernenstraße, wo der junge Mann plötzlich hinter einen Busch abbog, aber den Blickkontakt zu den beiden Mädchen suchte. Die glaubten, wie sie in der Zeugenbefragung sagten, dass er dort pinkeln würde. Er gab darüber keine Auskunft. Und sie gingen weiter zum Kaufland, wo er auch hingehen wollte.
Kurz darauf, in der Stögerstraße, war er wieder hinter ihnen. Aber die beiden Mädchen verloren ihn aus den Augen, als sie in die Sudetenlandstraße abbogen und er in die Veit-Stoß-Straße weiterging. Nur, am Massa platz war er plötzlich zehn Meter vor ihnen, und das blieb er, bis sie in die Sinnbergpromenade einbogen. Den Mädchen kam es schon merkwürdig vor, dass er sich öfter nach ihnen umdrehte. Als sie die Pollweinstraße überquert hatten und er schon fast an der Karl-Streit-Straße war, drehte er sich vollends um, öffnete die Hose, holte seinen Penis heraus und begann ihn zu bearbeiten. 15 bis 30 Sekunden machte er das; dann verschwand er um die Ecke: "Ich habe gemerkt, dass ich wieder was falsch gemacht habe."
Die Mutter des einen Mädchens informierte die Polizei. Für die Kripo Schweinfurt hatte den Exhibitionisten schnell ermitteln. Im August war Gerichtsverhandlung. Aber sie wurde vertagt, weil ohne die aussagen der beiden Mädchen sich der Hergang nicht rekonstruieren ließ.
Die Einlassungen des Gutachters, des Therapeuten - der junge Mann hatte sich nach dem ersten Vorfall selbst fachliche Hilde an einer Würzburger Klinik gesucht - und der Jugendgerichtshelferin zeigten, dass schon der Start des jungen Mannes ins Leben nichts Gutes versprach: Als sechstes von neun Kindern in Polen mit der Nabelschnur um den Hals geboren, hatte er Eltern, deren Hauptinteresse in der Beschaffung von Alkohol bestand. Mit vier Jahren kam er in ein Kinderheim. Dort bekam er genauso viel Schläge, aber wenigstens jeden Tag etwas zu essen. Erst mit sechs Jahren, als er von einer polnischen Familie nach Deutschland adoptiert wurde, begann für ihn ein geschütztes Leben, lernte er Zuneigung und Zuwendung kennen. Das Defizit der ersten sechs Jahre schleppt er bis heute als Leere, als fehlende Ich-Stärke mit. Sein Exhibitionismus sei ein Kompensationsversuch, Macht über andere zu zeigen, sich selbst als stark zu erleben. Er sei zwar schuldfähig, aber einen Therapieerfolg könne man in solchen Fällen nicht garantieren.
Die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung konnten angesichts der Einigkeit im Grundsatz kurz sein, da es nicht darum ging, Indizien zu bewerten. Im Kerngeschehen bestand Einigkeit. Der Staatsanwalt zeichnete allerdings ein anderes Bild als der Angeklagte in seinen Aussagen, der betont hatte, dass er extra einen Umweg gegangen sei, um einen weiteren Kontakt mit den beiden Mädchen zu vermeiden. "Ich bin überzeugt, dass Sie die Mädchen verfolgt haben", meinte der Staatsanwalt. Er habe schon früh einen Drang verspürt und habe sich die beiden ausgeguckt. Hinter dem Gebüsch sei es vielleicht schon zu Handlungen gekommen. Auf jeden Fall habe er da bereits gezielt den Blickkontakt gesucht. Und wenn er den Kontakt mit den Mädchen hätte vermeiden wollen, hätte er nur schneller gehen müssen.
Zu seinen Gunsten spreche, dass er das Geschehen im Grundsatz eingeräumt und sich bei den Mädchen entschuldigt habe. "Das ist aber auch schon alles." Der Angeklagte sei bereits einschlägig vorbestraft. Dieses Mal habe er zwei Opfer in Angst und Schrecken versetzt. Die beiden Mädchen hätten heute noch mit den Folgen zu tun. Der Strafantrag lautete auf ein Jahr und neun Monate. Die Prognose des Angeklagten sei zwar schlecht, aber angesichts der Möglichkeiten, seine Ausbildung und Therapie fortsetzen zu können, wolle er auf Bewährung von drei Jahren plädieren.
Auch der Verteidiger sah "schädliche Neigungen und eine Rückfallgefahr." Er sah aber ein Jahr zur Bewährung als ausreichend und verwies auf die Therapie, die zur Tatzeit noch nicht allzu viel Wirkung hätte entfalten können. "Ich habe gemerkt, dass die beiden Mädchen Angst vor mir hatten, und das tut mir leid", meinte der Angeklagte, bevor sich das Gericht zur Beratung zurückzog.
Die Urteilsverkündung war eine Überraschung. Denn Vorsitzender Richter Dr. Matthias Göbhardt sprach von zwei Jahren mit Bewährung und weiteren Auflagen: "Wir sind an die Obergrenze der Bewährung gegangen, um Ihnen zu zeigen: Jetzt darf nichts mehr passieren, sonst rücken Sie ein." In der Gesamtschau des Falles werde bewusst, dass der Angeklagte die Mädchen als Opfer gesucht und gefunden habe. Er habe die Situation bewusst herbeigeführt, weil er einen Drang verspürt habe, mit dem er noch nicht umgehen konnte - drei Wochen nach der ersten Verurteilung. "Ein drittes Auffallen wird es nicht geben", so Göbhardt. Und er entließ ihn mit der Aufforderung: "Kochen Sie lieber gescheite Sachen."