Bamberg
Interview

"Armut ist ein fragwürdiger Begriff"

Der Bamberger Rechtsanwalt und emeritierte Sozialrechts-Professor Ulrich-Arthur Birk bezweifelt die Aussagekraft von durchschnittlichen Verdienstzahlen.
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Ulrich-Arthur Birk Foto: privat
Ulrich-Arthur Birk Foto: privat
Wie interpretieren Sie das starke Lohngefälle in den fränkischen Regionen?
Ulrich-Arthur Birk: In Erlangen sitzen Siemens, Areva und andere große Unternehmen, die nach Metalltarif zahlen. Und der ist relativ hoch. Auf dem Land ist die Industriestruktur anders: Wenn einer an einer Tankstelle im Landkreis Schweinfurt arbeitet, verdient er eben relativ wenig - rein statistisch ist er arm. Aber das hat wenig Aussagekraft.

Warum?
Weil's im Landkreis Schweinfurt einen Schweinsbraten für sechs Euro gibt. Der Armutsbegriff, der unseren Statistiken zugrunde liegt, ist fragwürdig, weil er sich nur am Durchschnittseinkommen orientiert. Man müsste die Kaufkraft betrachten, müsste den Verdienst mit den Lebenshaltungskosten gegenrechnen. Diese Zahlen liegen aber nicht vor.
Wenn alle Leute mit überdurchschnittlichem Verdienst verarmen würden, ginge es der Gesellschaft insgesamt schlechter. Aber in der Statistik gäbe es keine Armut mehr, wenn alle arm sind.

Es hängt nur von dem ab, was andere haben?
Statistisch gesehen: ja. Gefühlt auch, aber die Bezugsgröße ist kleiner: Eine Million Studenten leben in Deutschland von Bafög und Elterneinkommen. Auch wenn sie nur 750 Euro im Monat haben, ist ihr Lebensgefühl nicht, arm zu sein. Weil sie eine Perspektive haben und es ihrem Umfeld nicht besser geht. Das ist auch so, wenn man in einem Dorf im Landkreis Schweinfurt lebt und arbeitet: Der Verdienst ist gering, aber die Leute haben ihre Wohnungen und Häuser und Freunde, denen es ähnlich geht.

Das Gespräch führte Natalie Schalk.
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