Coburg
Tanz

Plateausohlen und Discofox in Coburg

Walzer und Foxtrott waren zwischen Beat-Aera und Musikschuppen keineswegs out. Coburg erlebte in den 70ern zahlreiche Bälle.
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Erinnerungen aus dem Archiv von Thomas Weinberg: Platten aus den 70ern, Fotos von Bällen der Tanzschule, die er gemeinsam mit seiner Mutter, Margarete Rautenberg eröffnete (Foto ganz rechts). Höhepunkte der Bälle waren Auftritte wie der von Rock'n'Roll-Weltmeister Hansi Ratberger oder dem Ehepaar Trautz. Foto: Simone Bastian
Erinnerungen aus dem Archiv von Thomas Weinberg: Platten aus den 70ern, Fotos von Bällen der Tanzschule, die er gemeinsam mit seiner Mutter, Margarete Rautenberg eröffnete (Foto ganz rechts). Höhepunkte der Bälle waren Auftritte wie der von Rock'n'Roll-Weltmeister Hansi Ratberger oder dem Ehepaar Trautz. Foto: Simone Bastian
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Plateausohlen und Glitzerhemden, Jeans und Bundeswehrparkas, Abba und Zappa: Die 70er waren stilistisch kein einheitliches Jahrzehnt. Die Mädels fuhren auf die Bay City Rollers ab, die etwas älteren Jungs wohl eher auf Deep Purple. Und dann: Disco! Die BeeGees ließen den Schmusepop sein und trieben John Travolta ins Saturday-Night-Fever. Am Ende des Jahrzehnts feierte der Rock'n'Roll der 50er-Jahre sein Comeback, als Gegenpol zum Punk.

Nichts für Tanzschulen, sollte man meinen. "Och, ich hab' auch Punk-CDs gekauft. Das hat die jungen Leute dann schon überrascht." Thomas Weinberg schmunzelt in sich hinein. 1969 war er aus Kiel von der Tanzlehrerausbildung zurückgekommen und hatte das Prinzip übernommen, das er dort kennengelernt hatte: Walter, Fox und andere Standardtänze lassen sich auch mit aktueller Musik vermitteln. "Wir haben alles, was in den Charts und für den Unterricht verwendbar war, eingesetzt." Das sei, sagt Thomas Weinberg, auch nicht sehr schwierig gewesen: "Abba hatten Rock'n'Roll, Jive und sogar langsamen Walzer."

Denn die Zeit der großen Bälle war in Coburg noch lange nicht vorbei. "Allein unsere Tanzschule hatte sechs Abschlussbälle." Die Bälle fanden im Kongresshaus statt oder in den Hofbräusälen, wo sich heute der Kaufhof befindet.
Den größten der Säle hat Thomas Weinberg noch in guter Erinnerung. "Da passten gut und gerne 1200 bis 1400 Leute rein." Auch Thomas Weinberg gab dort noch Tanzunterricht; vor den großen Bällen im Kongresshaus fanden in den Hofbräusälen gelegentlich Stellproben für die Abschlussbälle statt.
Doch nicht nur das Kongresshaus bot den Tänzern ein Parkett. Es gab Diskotheken und Gastwirtschaften, wo am Wochenende Bands zum Schwoof aufspielten. Ende der 70er Jahre veranstaltete Thomas Weinberg Rock'n'Roll-Turniere in der Coburger Angersporthalle, "mit über 100 Paaren". Um dafür die Angersporthalle mieten zu können, musste er das Turnier zur Benefizveranstaltung erklären - der Erlös ging an einen behinderten Nachbarn. Einer der Höhepunkte war der Auftritt des amtierenden Rock'n'Roll-Weltmeisters Hansi Ratberger mit seiner Partnerin.
Einmal im Monat ging Weinberg "zum Trommer", dem großen Elektrofachgeschäft mit Plattenabteilung in der Spitalgasse. "Dort hab' ich mir die Neuerscheinungen angehört und alles, was brauchbar war, gekauft und im Tanzunterricht eingesetzt."
19,90 Mark kostete das Grease-Album aus dem Jahr 1978 mit Olivia Newton-John und John Travolta auf dem Cover. Damit wurde der Rock'n'Roll der 50er Jahre wieder in. Ein Jahr zuvor hatte Travolta mit seinem Auftritt im Film "Saturday Night Fever" ein Discofieber ausgelöst. Die Choreografie aus diesem Film, sagt Thomas Weinberg, komme heute noch gut bei den jugendlichen Tanzschülern an. "Das ist ähnlich wie Abba. Das war stilprägend für diese Zeit."

Noch heute verfolgt der 72-Jährige, was die Charts für die Tanzschule bieten: "Ed Sheerans ,Perfect‘ ist ein wunderschöner Wiener Walzer." Und er schaut über den Tellerrand: "Heavy Metal ist eine äußerst interessante Musikrichtung - aber nichts zum Tanzen. Doch wenn ich jünger wäre, würde ich headbangen."

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