Nürnberg
Wirtschaft

Haus, Hund, Haarnadel - was es in den 70ern beim Quelleversand alles gab

Paketeweise Einkaufsglück gab's schon lange vorm Internethandel: Der Quelleversand lieferte in den 70er Jahren fast alles. Heute ist die Firma Geschichte.
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Verkaufsschlager in der Disco-Ära: Minirock und Schlaghosen gab's 1972 bei Quelle auch als Kindermode. Foto: Archiv Museum Industriekultur Nürnberg
Verkaufsschlager in der Disco-Ära: Minirock und Schlaghosen gab's 1972 bei Quelle auch als Kindermode. Foto: Archiv Museum Industriekultur Nürnberg
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Insolvenzverwalter haben andere Sorgen als den Erhalt historischer Zeugnisse und so landete ein bedeutendes Stück fränkischer Wirtschaftsgeschichte auf dem Müll, als der Quell ekonzern 2009 in Konkurs ging.


Heute ist Quelle Industriekultur - ein Museumsstück

Regine Franzke vom Museum Industriekultur in Nürnberg erinnert sich: "Kurz nach der Übernahme der Archivalien wurde das Gebäude geräumt und die Abfallcontainer mit allem Verbliebenen gefüllt, wie man hörte." Als die Kunsthistorikerin und ihre Kollegen davon Wind bekamen, retteten sie, was zu retten war.
Das Geschäftsarchiv ist verschwunden, aber ein Teil des Katalog- und des Fotoarchivs ist heute im Besitz des Museums.


Auf dem Höhepunkt des Erfolgs

Dieses traurige Ende des Versandriesen war in den 70er Jahren unvorstellbar. 1977 feierte Quelle das 50. Firmenjubiläum - und war auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Jeder zweite Deutsche gab damals an, Kunde von Quelle zu sein.
Eingekauft wurde nicht im Internet, die Städte waren voller Fachgeschäfte, die zu keiner Kette gehörten, es gab Tante-Emma-Läden und auf dem Land oft noch die Möglichkeit, Lebensmittel direkt beim Bauern zu kaufen.
Für alles andere gab es Quelle: Strohhüte und Mallorcareisen, Haarnadeln und "Zweitfrisuren mit Echthaarcharakter (Verwandeln Sie sich für IHN täglich neu)."


Kiloschere Konsumträume

Sogar Hunde (inklusive Impfausweis und Ahnentafel) konnten in den 70ern bei Quelle bestellt werden. Fertighäuser vertrieb das Versandhaus bereits seit den 60er Jahren über einen Sonderkatalog, mit dem diese in Deutschland noch kaum bekannte Bauweise in den 70ern populär wurde. "Es gab mehrere Sonderkataloge zum Beispiel auch für Möbel, Heimwerker und Garten", sagt Franzke.


Wohlstandszuwachs in den 70ern

Quelle profitierte vom Wohlstand, der in den 70er Jahren erheblich zunahm. Dem Statistischen Bundesamt zufolge wurden 1977/78 nur noch 42 Prozent des Einkommens für lebensnotwendige Dinge benötigt - 1963 waren es noch fast 60 Prozent. Während der Katalog im Frühjahr 1951 Franzke zufolge nur bescheidene 16 Seiten umfasste, war die Ausgabe des Jubiläumsjahres auf 980 Seiten angewachsen. 80 000 Produkte waren gelistet, und der Hauptkatalog wurde 7 Millionen Mal gedruckt. Wenn er ins Haus flatterte, studierte Papa die Unterhaltungselektronik der Marke Privileg, Mama die Mode von Welt und der pubertäre Sohn die Unterwäscheseiten.


Die bunte Bibel des Konsums

Der kiloschwere Katalog war die bunte Bibel des Konsums. Regine Franzke mag diese Formulierung allerdings nicht. "Vor allem wenn man die Geschichte des Kaufmanns Gustav Schickedanz kennt."



Erfolgsstory und Niedergang

Die Kunsthistorikerin hat sich intensiv mit dieser Geschichte beschäftigt: Vor sechs Jahren hat sie im Museum Industriekultur die bisher einzige und einzigartige Sonderausstellung zu Aufstieg, Erfolgsstory und Niedergang des Unternehmens zusammengestellt.
Franzke erklärt die Geschäftsphilosophie des Kaufmannes: "Vom kleinen Gewinn zum großen Nutzen für möglichst viele Menschen." Der Versandhandel rechnete sich nicht nur für die Firma Quelle, sondern auch für die Verbraucher - und für Scharen an Zulieferern. "Quelle beschäftigte ja indirekt ganze Industriesparten und Dienstleister." Es war ein sehr wichtiger Arbeitgeber: "für Nürnberg, die Region und darüber hinaus". In Spitzenzeiten arbeiteten im Quellegebäude in der Fürther Straße bis zu 8000 Menschen rund um die Uhr, bis zu 100 000 Pakete werden täglich verschickt. Das Quelleareal mit dem markanten Turm war Symbol des Wohlstands und Juwel der modernen Architektur.


Die Persönlichkeiten

Nach dem Tod von Firmengründer Gustav Schickedanz 1977 übernahm seine zweite Ehefrau Grete die Verantwortung. "Die Unternehmerpersönlichkeiten an der Spitze fühlten sich den Mitarbeitern verpflichtet und pflegten den Kontakt zu ihnen. Arbeitsbedingungen und soziale Leistungen im Unternehmen galten als vorbildlich."
Bei der Ausstellung 2012 traf Franzke auf viele ehemalige Mitarbeiter, "teils längst in Rente, als die Insolvenz kam, aber auch Ehemalige, die von heute auf morgen arbeitslos geworden waren". Sie hörte "Erinnerungen an die guten Zeiten, als Grete und Gustav Schickedanz das Unternehmen leiteten, an das Zusammengehörigkeitsgefühl".


Der Name besteht weiter

Aber immer noch waren auch Frust und Zorn spürbar. "Unverständnis, wie man ein solches Unternehmen an die Wand fahren konnte."
Wirtschaftshistoriker begründen den Niedergang rückblickend mit verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen. Der Versandriese war so stark gewachsen, dass er unbeweglich geworden war und nicht mehr schnell genug reagierte.
"Aber das Internet war definitiv nicht für den Untergang verantwortlich. Quelle hatte schon sehr früh die Fühler nach diesem Markt ausgestreckt", sagt Franzke. Heute besteht der Name nur noch im Onlinegeschäft. Die zur Otto-Gruppe gehörende Firma Baur aus Burgkunstadt hat sich ihn gesichert.
Noch mehr zur fränkischen Wirtschaftsgeschichte der 70er Jahre:
Lesen Sie hierdie Geschichte des Eis-Imperiums Schöller. Um Esskultur und kulinarische Eskapaden der 70ergeht's in diesem Artikel.


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