Coburg
Denkmalpflege

Frische Farbe für das Stadthaus

Das Stadthaus am Markt erhält 1976 seine markante rot-weiße Farbe. Die Wandmalereien aus dem 17. Jahrhundert lassen sich nicht mehr rekonstruieren.
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März 1976: Das Stadthaus ist eingerüstet und wird nun endlich von seiner grau-braunen Fassade befreit. Foto: Hess
März 1976: Das Stadthaus ist eingerüstet und wird nun endlich von seiner grau-braunen Fassade befreit. Foto: Hess
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Rot-weiß - wer nach 1976 geboren ist, kennt das Coburger Stadthaus nicht anders. Vor der Renovierung war das einstige Regierungsgebäude von Herzog Johann Casimir Jahrzehnte lang schmutzig grau-braun, genau wie einst das Rathaus, das 1970 seine noch heute bestehende bunte Markt-Fassade erhalten hatte.
Nachdem das Rathaus damals also ganze vier Jahre früher als geplant restauriert worden war, wollten die Stadtväter mit der Renovierung des Stadthauses das optische Gleichgewicht auf dem Marktplatz wieder herstellen, wie es sinngemäß im damaligen Tageblatt-Bericht hieß. Dabei war es von großem Vorteil, dass die Stadt die Pläne dafür schon längst in der Schublade hatte. Damit konnte sie kurzfristig in das Sofortprogramm Altstadtsanierung des Landesamts für Denkmalpflege aufgenommen werden. Unterm Strich kostete die Sanierung die Stadt deshalb nur 35 000 Mark von insgesamt 350 000 Mark - und die Fassade war auch schon ein Jahr eher fertig als geplant.
1597 hatte der Coburger Maler und Architekt Peter Sengelaub mit dem Bau im Auftrag von Johann Casimir begonnen. Nach nur vier Jahren Bauzeit war das heutige Stadthaus fertig. Der Herzog nutzte es als Kanzleigebäude. Ehe es 1957 für die Stadtverwaltung umgebaut wurde, hatte es unter anderem 50 Jahre lang als Amtstgericht gedient.
Als das Gebäude 1601 fertig war, war die Fassade mit überlebensgroßen Gemälden von römischen Kaisern und Philosophen geschmückt. Berichten zufolge waren die Malereien 1788 noch gut erhalten, schon knapp 30 Jahre später seien sie aber völlig verschwunden gewesen. Vor der Sanierung 1976 hatten sich die Bauherren um historische Vorlagen bemüht, doch alles, was sie finden konnten, war ein Aquarell aus späterer Zeit, auf dem die Figuren nur unvollständig dargestellt waren.
Die passenden Farbtöne für die Fassade zu finden, gestaltete sich nicht weniger schwierig: Die Bauherren wussten zwar, dass die Fassade einst bunt gewesen war, doch nirgendwo im Haus waren Hinweise auf die Originalfarbe zu entdecken. Selbst das Stadtarchiv konnte nicht weiterhelfen. Es gab keine Aufzeichnungen über die ursprüngliche Farbgebung.


Keine roten Männchen!

"Wir nehmen das linke schwere Rot" wird Bürgermeister Heinz Hörnlein im Tageblatt vom 11. März 1976 zitiert. Der Bausenat hatte tags zuvor nach Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege und der Begutachtung von Farbproben an der Fassade des Stadthauses entschieden: Simse und Wandungen der Fenster sollten einen Anstrich in jenem rötlich-braunem Ton erhalten, der die Fassade heute noch ziert. Das "Renaissance-Rot" - gepaart mit Altweiß - entspricht laut dem Tageblatt-Bericht dem Farbton, wie man ihn einst am Bayreuther Schloss aufgespürt hatte.
Nicht erwärmen konnte sich Bürgermeister Hörnlein allerdings dafür, auch die "Männchen" auf dem Dach - die Sandstein-Ritter aus dem 17. Jahrhundert - rot anzustreichen - selbst dann nicht, so schrieb das Tageblatt damals, "wenn man den Kriegern schwarze oder goldene Lanzen malt".
Ehe allerdings an frische Farbe zu denken war, mussten erst die Schäden im Mauerwerk beseitigt werden. An den Fassaden zum Markt und zur Spitalgasse hin hielten sie sich in Grenzen, zur Herrengasse hin musste der Giebel allerdings mit Flachstahlankern gesichert werden - die schwierigen Arbeiten dauerten mehrere Monate.
Beim "Putzfest" im Oktober 1976 wurde das neue Prunkstück am Marktplatz gefeiert. Da war es, laut Bürgermeister Höllein, längst zum "meist fotografierten und bestaunten Gebäude Coburgs" geworden.

Cokeriki - Böse Bratwurst!

Die frische rot-weiße Farbe am Stadthaus war 1976 vermutlich noch nicht einmal richtig trocken, da wurde schon gemeckert. "Die Schönheit der neuen Fassade wird durch den Fettdampf der Bratwürste gefährdet", wetterte das Tageblatt am 18. August 1976. Der typische Coburger Westwind treibe den Rauch direkt aufs Stadthaus zu und "scharfsichtige" Coburger wollten auch schon Spuren auf den frisch getünchten Wänden entdeckt haben. Deshalb überlegte die Stadtverwaltung, ob sie die Wurststände nicht umsiedeln sollte. An die andere Marktecke vielleicht? Keine gute Idee, denn dann wären Hofapotheke und Rathaus geräuchert worden. Die Platzmitte war auch schon besetzt - von Prinz Albert. Vielleicht helfe ja ein Filter, überlegte der Tageblatt-Reporter damals. Heute gibt es den natürlich längst, aber man fragt sich auch, ob nicht vielleicht die vielen Autos, die damals jeden Zentimeter Marktplatz zupflasterten, schlimmer waren. Was da alles ungefiltert aus dem Auspuff kam... da ließ man sich doch lieber ein wenig lieblichen Bratwurstduft um die Nase wehen.
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