Bamberg
Esskultur

Bamberger Hobbyköchin über die lustigsten Entgleisungen der 70er-Jahre-Küche: "Abartig!"

Als leidenschaftliche Köchin sammelt Brigitte Kaufmann Rezepte. Mit viel Humor und nur ein wenig Nostalgie blickt sie auf die Esskultur der 70er zurück.
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Brigitte Kaufmann Rinald Rinklef
Brigitte Kaufmann Rinald Rinklef
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Brigitte Kaufmann liebt gesunde, regionale Küche, frische Luft und ihr Fahrrad: Mit voll bepacktem Rucksack, Taschen am Lenker und einem Karton voller Bücher auf dem Gepäckträger radelt die 66-Jährige zur Redaktion, um der Zeitung von ihren Erinnerungen an die 70er Jahre zu berichten. Mitgebracht hat sie einen enormen Fundus von Rezepten, die sie in den 70ern gesammelt hat.


Südzucker-Susi und Frau Antje

Lebensmittelhersteller verschickten damals massenhaft Hefte und Bücher mit Anregungen zu ihren Produkten. "Ich hab' alle angefordert", erzählt die Bambergerin, "und es ist alles gekommen. Teilweise sogar mit Unterschrift." Aus dem Karton zieht sie ein Heft mit dem Titel "Zum Glück gibt's Zucker", sie blättert es auf und präsentiert grinsend ein Autogramm: Südzucker-Susi.
Genauso schön: das große Käse-Kochbuch der Werbeikone des holländischen Molkereiverbandes. Brigitte Kaufmann singt mit spitzen Lippen und langen Pausen: "Frau Antje ... bringt Käse  ... aus Holland!" Die Bambergerin zieht ein "Babybel-Brevier" und ein "Bayerisches Käsebilderbuch" hervor. Einer der Trends der 70er Jahre war: "Überall Käse drüber."


Hauptsache viel und fett

Brigitte Kaufmann schüttelt sich mit humorig übertriebenem Ekel. "So war das: Essen musste viel sein - und fett. So nach dem Motto: Uns ging's ja schlecht und jetzt können wir es uns leisten." Die leidenschaftliche Köchin konnte schon in ihrer Jugend nichts damit anfangen. Zumindest mit den meisten Sachen. "Hawaii-Toast ess' ich fei immer noch gern. Jetzt macht man's halt mit frischer Ananas und gutem Schinken."


Küchentrend Nummer 2

Frische Ananas? Nicht in den 70ern. Küchen-Trend Nummer 2: Es war das Jahrzehnt der Dosen und Fertiggerichte. Das hing auch damit zusammen, dass die Berufstätigkeit der Frauen rapide zunahm. "Wenn ich abends von der Arbeit kam, habe ich auch mal Dosen-Erbsen gemacht", sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau.
Sie zeigt ein Büchlein der Firma Pfanni. Da gibt's zum Beispiel "Doppeldecker Bienenfleiß", eine Art Windbeutel mit Fertigklößen. Typisch war auch die Maggi-Würze, gern in der 1-Liter-Flasche. Das Rezeptheft zur "Fernsehserie" Maggi-Kochstudio verzeichnete sogar die Sendetermine. Damit die "gute Hausfrau" pünktlich zur Werbung einschaltete.


Kulinarische Entgleisungen

"Man hat alles mit Beutelsuppen und Soßenschachteln gemacht." Das sei die Esskultur der 70er Jahre gewesen. "Abartig! Es gab schon viele Entgleisungen." Vieles fand sie damals schon seltsam. "Sauerbraten-Fix war mir suspekt. Als ich das zum ersten mal gesehen habe, dachte ich: Wie soll das gehen? Das Fleisch muss doch eingelegt werden!"
Doch eigentlich war die Tüten- und Dosenküche der 70er Jahre nur der Vorläufer unserer heutigen Konsumwelt. "Wenn man jetzt durch den Supermarkt geht, gibt es alles fertig."
Die Bambergerin ist seit etwa 15 Jahren Anhänger der Slow-food-Bewegung, die genussvolles, bewusstes und regionales Essen in den Vordergrund rückt.
Die Idee entstand als Gegenbewegung zum Fast Food - und auch das kam in den 70ern auf: 1971 eröffnete die Burger-Kette McDonald's in München ihre erste deutsche Filiale und Brigitte Kaufmann erinnert sich mit Schaudern an den "Wienerwald" am Bamberger Obstmarkt.


Küchentrend Nummer 3

Fast Food war aber auch irgendwie verwegen, es war so ganz anders als die traditionelle fränkische Hausmannskost der Mütter und Großmütter. Es hatte etwas Internationales. So wie Pizza, Pasta und Filet Wellington im Blätterteig. "Das gab's auf Partys."
Es vereinte gleich mehrere Küchentrends: weltmännisches Flair und eingewickelte Nahrung - perfekt! Brigitte Kaufmann lacht. " Man hat alles eingewickelt. Oder gefüllt. Sogar Weißbrot. Das fand ich abartig! Da hat man Eier, Hack und so zusammengematscht. In den Party-Anregungen war das immer dabei, dieses komische Kastenweißbrot."


"Wie im Loriot-Sketch!"

Sollte es exklusiv sein, gab's bei geselligen Anlässen einen Krabbensalat. "Mit fetter Mayonnaise: Wuuummms! Und immer standen drei oder vier Nudelsalate auf dem Tisch."
Und zu trinken? Lachend gesteht die 66-Jährige, dass sie sich damals gern eine rumänische Mädchentraube munden ließ. Heute bevorzugt sie Riseling aus Franken, aber in den 70ern war das nicht in. Da kamen Vertreter mit Köfferchen und boten unter anderem Wein feil. "Wie im Loriot-Sketch!"

Einen Küchentrend der 70er Jahre liebt Brigitte Kaufmann allerdings noch heute: Lesen Sie hier ihren Geheimtipp für gesunde, leckere Küche mit wenig Aufwand.


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