Tettau
Nach der Kommune

Auch Revoluzzer werden älter: So erging es den Bewohnern, als sie aus der Kommune auszogen

Einst waren sie die jungen Wilden, die in der fränkischen Provinz das Abenteuer einer Kommune wagten. Und heute? Sorgen sich die Alt-Linken um ihre Enkel.
Artikel drucken Artikel einbetten
Dietrich und Angelika Schütze mit Franz Kluge auf der Kommunen-Couch. Foto: Barbara Herbst
Dietrich und Angelika Schütze mit Franz Kluge auf der Kommunen-Couch. Foto: Barbara Herbst
+17 Bilder
Vor 50 Jahren gehörten sie der Frankfurter 68er-Bewegung an. Knapp zehn Jahre später entdeckten sie ein antikes Sofa auf dem Dachboden eines Tettauer Bauernhofes.


So war es damals: 1976 gründeten sie die Kommune auf dem Wildberghof

Lesen Sie hier, wie die jungen Leute aus dem Umfeld der als kommunistisch verrufenen Frankfurter Goethe-Uni in der fränkischen Provinz eine Kommune gründeten: die Landkommune Tettau, die wohl die bestbewachte Frankens war: Als Grenzer, Zöllner und die Bewohner der Siedlung mit dem Fernglas beobachteten, was die Studenten auf dem Bauernhof taten.


Und heute? Ein Treffen der Alt-Kommunarden.

Die Landkommune in Tettau existiert schon lange nicht mehr, aber das Sofa gibt's noch. Mit neuem Bezug steht es im Wohnzimmer von Angelika und Dietrich Schütze: Sie sind die einzigen, die auf dem Wildberghof blieben.
Franz Kluge setzt sich mit aufs Sofa. Er ist zu Besuch, um über die wilden Zeiten zu reden. Edith Memmel kann nicht kommen. Die Töpfermeisterin ist auf Rügen, wo sie eine ihrer beiden Werkstätten betreibt. Sie erzählt am Telefon, wie es damals war und wie's ihr später als Grünen-Abgeordnete und Selbstständige erging. Auch Wolfgang Erler berichtet telefonisch von der Kommune, in die er damals mit seiner Frau Karin zog. Sie lebt nicht mehr, er zog vor gut zehn Jahren nach Ulm. "Als die Tochter ihr erstes Kind gekriegt hat."


Was wurde in Franken aus den Idealen der 68er?

Die Lebenswege der Kommunarden haben sich getrennt, aber ein Teil der alten Ideale verbindet sie noch: die Nähe zu den Grünen, Umweltschutz, die Idee eines sozialen Lebens im Sinne des Allgemeinwohles. "Die, die heute jung sind, sind pragmatischer, sie haben unsere Lebenserfahrung gut verarbeitet", sagt Franz Kluge. "Wo wir uns die Haare gerauft oder erst mal Karl Marx gelesen haben, präsentieren die gleich eine Lösung. Aus dem Internet." Auch Angelika Schütze findet, dass die Kinder viele Erfahrungen mitgenommen haben. "Aber sie leben ganz anders als wir. Und bei den Enkeln ist's noch mal anders. Da sind wir nur noch Omas und Opas."


Wie es den einstigen Bewohnern der Kommune erging: So erinnern sie sich, das machen sie heute

1. Edith Memmel (67)
Ihre älteste Tochter Sarah wurde 1982 noch "oben" in der Tettauer Kommune geboren. Aber als Edith Memmels Liebster in Kronach eine Stelle als Schreiner bekam, zogen sie nach "unten". Die Töpfermeisterin lebt und arbeitet heute in Burgstall bei Mitwitz. 35 Lehrlinge hat sie ausgebildet. "Auf dem Wildberg hatte ich den ersten." Sie ist dankbar für den Erfahrungsschatz aus dieser Zeit. "Es gab mal Reibereien, aber keiner zog im Streit aus. Die Lebensumstände haben sich geändert." Sie verfolgte ihre Ideale anders, gründete die erste Krabbelgruppe in der Gegend, initiierte Bauernmärkte und machte sich als Grünen-Politikerin für die Region stark. Von 1986 bis 1990 war sie Landtagsabgeordnete. Und heuer tritt sie wieder an.
2. Dietrich Schütze (74)
Nach und nach zahlten Dietrich Schütze und seine Frau Angelika die anderen Bewohner der Kommune aus - das Paar blieb, sanierte den alten Hof im Lauf der Jahre und wandelte ihn in einen Familienbetrieb mit Mischkalkulation um. Dietrich Schütze konzentrierte sich erst auf die biologische Landwirtschaft. Auf dem Demeter-Hof wurde Bio-Käse produziert. 40 Kühe hatten sie. "Davon allein konnten wir aber nicht leben. Es musste was passieren." In den 80ern begann er, nebenbei Kachelöfen zu bauen. "Edith hat mir die Grundfertigkeiten gezeigt." Der Hof hatte sich nie allein getragen, frühere Besitzer unterhielten stets ein Wirtshaus. Schützes haben das "Hof-Café" vermietet, den Stall verpachtet. Von den Tieren sind nur die Hühner, Katzen und zwei Ziegen geblieben. Dass noch ein paar Pferde auf der Weide grasen, bringt einen kleinen Obolus in die Kasse - und ist hübsch für die Feriengäste, die hier Wohnungen mieten können.
3. Angelika Schütze (73)
In den 70ern hatte Angelika Schütze als Bewährungshelferin gearbeitet, aber der "Radikalen-Erlass", der verhindern sollte, dass Extremisten im öffentlichen Dienst beschäftigt wurden, brachte der Kommunen-Bewohnerin die Kündigung ein. "Mit fadenscheiniger Begründung - aber das war mir egal." Sie mochte ihren Beruf ohnehin nicht, fürchtete sich oft bei den abendlichen Sprechstunden. Aber sie hatte gern Leute im Haus. Nach dem Ende der Kommune betreute sie mit ihrem Mann sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. "Wir hatten mindestens 30 Pflegekinder", schätzt sie. Die letzten Jugendlichen zogen vor zehn Jahren aus. Heute kommen auf den Hof vor allem Wanderer, die am Grünen Band unterwegs sind. Angelika Schütze pflegte außerdem ihre künstlerische Ader: Sie liebt klassische Musik und lernte das Weben. An vielen Wänden des Wildberghofes hängen ihre Web-Bilder; sie betreibt ein Web-Atelier.
4. Franz Kluge (75)

"Als wir auf dem Wildberg zusammen gezogen sind, haben wir nicht darüber nachgedacht, wie es weiter geht", sagt Franz Kluge über die Kommune. Die Individualität habe sich mit der Zeit als Sprengkörper entwickelt. Dann lächelt er, winkt ab: "Nicht so brutal, wie das jetzt klingt. Es gab Konflikte wie in jeder WG." Franz Kluge wohnte nicht lange auf dem Wildberghof. Er zog aus, weil er eine Frau kennenlernte. Seit 1979 lebt er in Kleintettau. "Heute sind wir fast 40 Jahre verheiratet.Wenn man Familie hat und auch für Kinder sorgen muss, hat man andere Bedürfnisse. Dann geht's auch ums Geld."
Nachdem er sich zunächst in Franken mit ABM-Stellen wie Hausaufgabenbetreuung durchschlagen musste, weil er als Lehrer aus formalrechtlichen Gründen in Bayern keinen Job bekam, konnte er irgendwann doch noch Lehrer werden. Er unterrichtete 15 Jahre an der Grundschule Tettau. Heute ist er pensioniert.
5. Wolfgang Erler (70)
Wolfgang Erler und seine Frau Karin verließen die Kommune 1978. Sie war Hebamme, er brachte sie oft zum Schichtdienst - der so gar nicht zum Lebensrhythmus auf dem Wildberg passte. Erler fuhr Lkw für eine Baufirma, aber der Verdienst landete in der Gemeinschaftskasse. "Dass es wenig privates Geld gab, zum Beispiel für Kleidung, war ein Problem, das in vielen Landkommunen zu Konflikten führte." Als er am Kronacher Landratsamt seine erste Stelle als Soziologe bekam, zog das Paar in den Weiler Wurbach bei Marktrodach. "Mit Ziegen, Gänsen und Schafen." Der Wildberghof brachte ihm die Liebe zum Land. Als Edith Memmel 1986 in den Landtag gewählt wurde und er ihr persönlicher Mitarbeiter wurde, zog er nach Kronach. Seit 2007 lebt er in Ulm.

Weitere Landkommunen
Lesen Sie hier von zwei weiteren Landkommunen, die es damals in der fränkischen Provinz gab:
Vom Töpferhandwerk, der Freiheit und ersten Versuchen der Mülltrennung in Jesserndorf im Landkreis Hassberge.
Von der Kommune in Mechelwind (Landkreis Höchstadt), in denen die Musiker der legendären Jazzrockband "Aera"mit ihrem alternativen Lebensstil Aufsehen erregten.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren