Lichtenfels

Andere musikalische Revolution

Die Gitarre war DAS Instrument des Jahrzehnts. In zahlreichen Musikschulen gab es einen Ansturm auf den Gruppenunterricht für das Saiteninstrument.
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Schon in den 70ern kümmerte sich Hans Ehm um die musikalische Ausbildung der Lichtenfelser.
Schon in den 70ern kümmerte sich Hans Ehm um die musikalische Ausbildung der Lichtenfelser.
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Die 70er - was für eine Zeit! Hausbesetzer, Bewegung gegen Berufsverbote, Friedensbewegung, alternative Lebenskonzepte - das gab es im heimischen Landkreis so eher nicht. Von der RAF blieb man auch verschont. Bleiben noch Sex and Drugs and Rock'n'Roll - oder?
Sex? Nun ja, das ist nur menschlich. Drugs? So richtig harte? Dafür standen Berlins Bahnhof Zoo oder Frankfurt am Main, aber nicht der Obermain. Und Rock'n'Roll? Klar, Tanzkapellen gab's hier auch. Nur berühmt wurde keine, erst recht nicht durch Exzesse.


Der andere Weg

Aber die 70er fanden auch hier statt, ganz gewiss. Doch kamen sie beispielsweise musikalisch wohl auf leiseren (Plateau-)Sohlen und Hans Ehm hat da so einen Verdacht.
Der 71-jährige einstige Musikschulleiter aus Woffendorf (Ortsteil Altenkunstadt) ist sich sogar ziemlich sicher: "Die 70er Jahre waren bei uns in der Region eine Zeit der Musikschulgründungen (...) der Bezirk Oberfranken hat sich dafür eingesetzt, dass auch kleinere Orte eine musikalische Bildung kriegten, also auch auf dem Land."

Der Mann spricht dabei sogar von einer Bewegung. Da wäre sie also, die musikalische Revolution am Obermain, strukturiert, verbandsmäßig und nach Noten.

Nur in der Provinz riecht Revolte nach Kompromiss. Doch die Augen des Manns leuchten und das dürfen sie auch. Hans Ehm führt einen dicken Ordner mit sich, über und über mit Zeitungsausschnitten aus den 70er Jahren, aus der Zeit, als es ab 1972 in Altenkunstadt einen Ansturm auf die Gitarre gab.
Kein Wunder, waren die Gitarren-Heroen jener Zeit doch Eric Clapton und Jeff Beck, und Jimi Hendrix war auch erst zwei Jahre tot. Die 60er bebten hier noch etwas nach, und die Rolling Stones kamen zu neuer Blüte.

Die Gitarre ist das Instrument des Aufruhrs, des Protestes. Aber nur in der Provinz bekommt sie ein Gegengewicht in Form und Klang eines Akkordeons.

Als die Musikschule des Schulverbandes Altenkunstadt im Oktober 1972 ins Leben gerufen wurde, sollte es einen Ansturm geben. "Es waren relativ große Gruppen. Ich hatte mal eine Klasse mit 56 Schülern", erinnert sich Ehm. Und er erinnert sich an mehr: "Für Gitarre und Akkordeon war Gruppenunterricht, für Klavier war Einzelunterricht." Doch bis zur Anschaffung eines Klaviers war es noch ein Weg, die Erstausstattung bestand vornehmlich aus Gitarren.


Mehr Konsens mit dem Lehrer

Musikalische Früherziehung gehörte von Anfang an zum Schulkonzept, was für Einsteiger auch Blockflöte und Melodica bedeutete. Was Ehm, der in den 70er noch sehr an Hitparaden interessiert war, an jener Zeit noch besonders fand, lässt ein bisschen wehmütig werden: "Die Schüler waren damals eher einverstanden mit dem Musikvorschlag des Lehrers." In seinen letzten Berufsjahren habe er Musikschüler "weniger tolerant und neugierig" erfahren.

Das gelte auch für das heutige elterliche Benehmen bei den Aufführungen ihrer Kinder. "Wenn unsere Kinder fertig sind, gehen wir", sei eine anzutreffende Einstellung. Damals, bei Musikschulgründung, blieb man bei Aufführungen sitzen, bis auch der letzte Vortragende sein Instrument aus der Hand gelegt hatte.

An die erste Aufführung der Schule erinnert sich Ehm noch. "Es muss 1973 oder 1974 gewesen sein. Die Zeitungen waren immer entgegenkommend, zwei, drei Bilder waren von den Aufführungen immer drin."

Was Ehm nur als Verdacht hat, kann Wolfgang Greth bestätigen. Der Mann ist Leiter der Beratungsstelle für das bayerische Musikschulwesen in Weilheim. Mit einer Statistik belegt er, dass die 70er das Jahrzehnt der Musikschulgründungsbewegung waren.
219 Musikschulen hat Bayern, davon entfallen die Posten 51 bis 123 auf Gründungen in den 70ern. Altenkunstadt und Lichtenfels profitierten im selben Jahr davon. Dabei, so Greth, sei es auch darum gegangen, Heranwachsende dazu anzuregen, "ihre Freizeit sinnvoll und nicht auf der Straße zu verbringen".

Dass die 70er wirklich eine solche musikalische Bewegung auf dem Land hervorbrachten, bestätigt auch Ulrich Wirz. "Ja, in den 70ern, das ist richtig (...) das war eine gesamtbayerische Entwicklung, begann 1971 und hat sich im Lauf des Jahrzehnts noch verstärkt", erklärt der Mann, der beim Bezirk Oberfranken Ansprechpartner für Fragen rund um die Musikpflege, Volks- und Popularmusik ist. Und ein gehöriges Wissen dazu zu haben scheint, welche Rock-Legende klassische Ausbildung genoss, wer welchen Song schrieb und warum das Akkordeon in Oberfranken einer Gitarre Konkurrenz machen konnte: "Die Traditionsverbundenheit war in Oberfranken immer sehr stark."


Ein klein bisschen Randale

Nur einmal soll die musikalische Landkreisjugend in den 70ern eher einer anderen Tradition gefolgt sein. Stichwort: Rolling Stones und Berliner Waldbühne. Es geht das Gerücht, die Stadthalle Burgkunstadt sei kurz und klein geschlagen worden, weil eine angekündigte Band nicht auftrat.

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