Coburg
Konsum

Als Otto mit dem Indianer tanzte

Seitenweise Werbung, das gehörte in den 70er Jahren im Tageblatt dazu, genauso wie lustige Geschäfts-Maskottchen und aufsehenerregende PR-Aktionen.
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Buffalo Child Long Lance vom Stamme der Cherokee-Indianer präsentierte 1973 im Textilhaus Otto in Coburg Indianertänze, Waffen und Federschmuck.Foto: CT-Archiv / Künstner
Buffalo Child Long Lance vom Stamme der Cherokee-Indianer präsentierte 1973 im Textilhaus Otto in Coburg Indianertänze, Waffen und Federschmuck.Foto: CT-Archiv / Künstner
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Ein waschechter Indianer namens "Büffelkind lange Lanze" macht Werbung für das Textilhaus Otto in Coburg - ganz schön abgefahren aus heutiger Sicht, von der "political correctness" ganz zu schweigen. 1973 aber ließ so eine Werbeaktion die Moralwächter noch völlig kalt.
"Silkirtis Nichols, ein Indianer vom Stamme der Cherokee, führt indianische Tänze, Kriegswaffen und Federschmuck vor", berichtete das Tageblatt in seiner damaligen Ausgabe. Buffalo Child Long Lance, so Nichols' Stammes-Name, war übrigens 1923 geboren und 20 Jahre bei der US- Armee in Deutschland stationiert.
Werbeanzeigen in den 70er Jahren: Knallig, bunt (leider noch nicht im Tageblatt), schrill, teilweise an der Grenze des guten Geschmacks - wenn man es mit heutigen politisch korrekten, gleichberechtigten, gender-neutralen Augen betrachtet. Ohne die ganzen gesellschaftlich verordneten Filter des 21. Jahrhunderts hat die Werbung zwar oft etwas Urkomisches, war aber irgendwie auch liebenswert kreativ.
Im Kaufhaus Mohren (später Weka) lädt man die Kunden 1973 zum "Marzipan Schlachtfest" ein - 100 Gramm vom Lübecker Marzipanschweinchen kosten damals 75 Pfennige. Im EZO (der Edeka-Markt in Niederfüllbach heißt bei vielen Coburgern heute noch so) beim Einkaufs-Herbstmanöver gibt es hauptsächlich Hochprozentiges zu erbeuten - und im Kleingedruckten den Hinweis: "Frische Stollen und frisches Weihnachtsgebäck schmecken jetzt am besten!"


Macht's die Milch wirklich?

Wer über 40 ist, erinnert sich sicher noch an den Slogan "Die Milch macht's": Gesunde Ernährung wird wichtig in den 70ern. "Wer Milch trinkt, fühlt sich gesund", titelt das Tageblatt bei einer Aktion der Milchwerke Oberfranken, die 6000 Packungen Milch kostenlos an Coburger Schüler verteilen. Schon damals schlau formuliert: Niemand behauptet, die Milch sei gesund, man fühlt sich höchstens so.
Definitiv nicht gesund, aber vor allem für die jüngere Generation attraktiv ist die Kombi-Kiste. Ging man in den 50er und 60er Jahren noch zum örtlichen Getränkehändler in der Nachbarschaft, holt man sich jetzt die Flaschen kistenweise - auch gern bunt gemischt mit Cola, Fanta, Sprite... lecker!
Nicht weniger schrill als die Werbung selbst ist die Mode in den 70er Jahren. Die Mädels gehen 1973 "Top-chic zum Dancing" - im Disko-Kleid "mit einem Hauch von Nostalgie" und Schößchen. Auf dem Kopf trägt man Plawa-Hüte "aus echtem, unvergleichlich schönen Vistram-Knautschlack". Bei Mode-Schneider gab es Faschingsartikel satt, beim Modehaus Kaspar standen die Herren Kopf wegen der tollen Schlussverkaufs-Preise oder warben für die neuste Frühjahrsmode (siehe unten). Warum sich allerdings die Dame so devot um das Bein des Herren schlingt, bleibt das Geheimnis der Werbeprofis.
Was für die Mode gilt - bunt, schrill und opulent, gilt auch für die Einrichtung: Rüschen im Schlafzimmer und an den Fenstern sind in, besonders in Orange, Flieder oder Lindgrün. Hatten die Menschen nach den Kriegsjahren vor allem das eigene Überleben und den Wiederaufbau im Kopf, war schon gut zwei Jahrzehnte später Flower Power und Konsum angesagt. Seitenweise werden im Tageblatt Möbel angeboten.
Dunkles wuchtiges Holz? Das war gestern! Beim Kaufhof, der 1973 in Coburg eröffnete, gibt es alles fürs Zuhause: Vom Color-Fernsehgerät, über die Umbau-Polsterliege bis hin zum Geschirrspülautomat "de Luxe".
Vieles, was vor 40 Jahren neuste Mode war, ist heute schon wieder in. Der Retro-Trend bringt früher oder später alles zurück, leibhaftige Indianer als Werbeträger allerdings sicher nicht.
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