Kronach
Interview

Als Günter Grass Kronach in den Blickpunkt der Literatur brachte

Der Schriftsteller Ingo Cesaro erlebte die 70er in Frankfurt und Kronach. Wie sich die Kunstszene zu der Zeit unterschied erzählt er im Interview.
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Wenn Politik auf Literatur trifft: 1977 nutzten Kronachs Bürgermeister Baptist Hempfling (2. von links) und Landrat Heinz Köhler (3. von links) die Lesung von Günter Grass (links) aus, um einige Worte mit ihm zu wechseln. Foto: Archiv Ingo Cesaro
Wenn Politik auf Literatur trifft: 1977 nutzten Kronachs Bürgermeister Baptist Hempfling (2. von links) und Landrat Heinz Köhler (3. von links) die Lesung von Günter Grass (links) aus, um einige Worte mit ihm zu wechseln. Foto: Archiv Ingo Cesaro
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Auf dem braunen Holztisch reiht sich ein Schwarz-Weiß-Bild an das andere. Zur Vorbereitung aufs Interview mit inFranken.de hat Ingo Cesaro noch einmal tief in der Fotokiste gewühlt. In seinem Gedächtnis muss er hingegen gar nicht erst auf die Suche gehen: Kaum hat der 76-jährige Schriftsteller ein Bild in die Hand genommen, sprudelt auch schon die passende Anekdote aus ihm heraus - und aus Schwarz-weiß wird plötzlich Farbe.

Die 70er waren die Geburtsstunde zahlreicher Bewegungen. Sei es für die Umwelt, den Frieden oder Frauenrechte. Mit welcher Erinnerung begann das Jahrzehnt bei Ihnen?

Ingo Cesaro: Wenn ich an die 70er zurückdenke, denke ich eigentlich zuerst an ein Ereignis, das gar nicht in den 70ern passiert ist, sondern im Januar 1969: Als sich der tschechische Student Jan Palach am Wenzelsplatz in Prag verbrannt hat. Es bewegt mich bis heute, dass ein junger Mann von 20 Jahren für die Demokratie seines Volkes sein Leben geopfert hat.

Sie waren nur sieben Jahre älter als Palach. Inwieweit hat Sie seine Tat geprägt?

Es war etwas, das ich zu dieser Zeit einfach nicht begreifen konnte. Ich habe bis weit in die 90er Gedichte geschrieben, die sich damit beschäftigten, habe ein Hörspiel und ein Theaterstück geschrieben. Aber damit konnten die Redaktionen weder beim Funk noch im Theater etwas anfangen.

Was war die erste Bewegung, die Sie mitbekommen haben?

Das waren die 68er. Dort begann ja die Öffnung, begannen die ganzen Diskussionen. Das gab die Richtung vor, die die 70er letztlich beschritten. Das hat mich geprägt. Ich wohnte ab 1975 zwar schon wieder in Kronach, hatte aber noch eine Wohnung in der Nähe von Frankfurt. Obwohl ich schon hier gebaut hatte, habe ich immer wieder überlegt, wieder nach Frankfurt zu ziehen. Weil es auch für mich als Autor ein Zentrum war. Im Club Voltaire habe ich die verschiedensten Leute kennengelernt. Egal wohin man ging, gab es immer zwei oder drei, mit denen man nächtelang diskutieren konnte.

War das der größte Unterschied zu den 60ern? Dass nun geredet wurde, mit Tabuthemen gebrochen wurde?

Das war der große Vorteil der offenen Diskussion und der Politisierung. Nun kamen diese ganzen Themen einmal auf den Tisch. Es wurde das große Ganze infrage gestellt, die Aufrüstung, alles, was die Bundeswehr betraf und die Frage, welche Rolle die Eltern in der NS-Zeit spielten. Darüber wurde in den 60ern ja gar nicht erst gesprochen. Aus dieser Frankfurter Zeit bin ich natürlich links geprägt. Meine Vorbilder wurden der Sozialdemokrat Fritz Erler und der Freidemokrat Thomas Dehler. Genauso wichtig wie die politischen Diskussionen wurden für mich aber auch die Gespräche und Diskussionen mit den Autoren. Ob das nun Reiner Kunze, Günter Grass oder viele, viele andere waren.

Das klingt nach einer aufregenden Zeit. Warum sind sie dennoch zurück in Ihre Geburtsstadt Kronach gezogen?

Der Rückzug aus Frankfurt hatte für mich einen literarischen Grund. Nach den Diskussionen wollte ich mich wieder verstärkt um meine literarische Arbeit kümmern. 1978 erschienen dann auch der Gedichtband "Kurzer Prozess", "Amortisation" und drei Gedichtbände.

Wie sehr unterschieden sich die Kunstszene in Frankfurt und im Kreis Kronach zu dieser Zeit?

Ich brauchte in Frankfurt nur in ein Café gehen und habe immer zwei oder drei Leute aus der Künstlerszene getroffen. In Kronach war das einfach nicht da. Es gab schon verschiedene Leute, mit denen man viel geredet hat, aber Literaten gab es hier leider keine. Also habe ich welche hergeholt, die für mich wichtig waren - und mit ihnen Lesungen veranstaltet.

Einer war ihr Freund Günter Grass.

Als 1977 sein Roman "Der Butt" erschien, hätte ich 2000 Karten für seine Kronacher Lesung verkaufen können. Eigentlich hatten wir abgemacht, dass er hier aus seinem Manuskript vorliest, aber dann kam das Buch eine Woche früher raus. Als das feststand, haben Veranstalter aus Großstädten wie Stuttgart oder München mich bedrängt, und wollten unbedingt, dass ich unseren Termin tausche. Aber Grass wollte, dass es bei dem Termin bleibt und er erstmals hier daraus vorliest. Das wurde mit nur 550 Plätze in Kronach natürlich eng, trotzdem haben wir 650 Zuhörer untergebracht.

Angefangen hatten Sie ein Jahr zuvor bereits mit der Organisation von Ausstellungen in der Rathausgalerie.

Das war das Einfachste. 1976 fing ich mit bildenden Künstlern an, denn da kannte ich schon sehr viele. Engen Kontakt hatte ich mit den Künstlerfreunden Heinrich Schreiber und Horst Böhm.

Wurde Ihnen von der Politik in der Zeit dabei Steine in den Weg gelegt?


Natürlich. Wir haben in Bamberg zum Beispiel eine Lesung mit dem Titel "Brustwarzen und Papstfinken" gemacht. Da ist uns alles kurzfristig abgesagt worden. Nur die englischen Fräulein, das heutige Maria-Ward-Gymnasium, haben uns die Aula zur Verfügung gestellt.

Was hat für Sie die 70er künstlerisch ausgemacht?

Nach wie vor die Auseinandersetzung zwischen dem Gegenständlichen und dem Abstrakten in der bildenden Kunst. Natürlich die ganzen musikalischen Geschichten, die in die 70er reingespielt haben wie Amon Düül, die aus einer Künstler-Kommune heraus entstanden sind. Da hat man einfach Musik gemacht und laut gespielt. Das war der komplette Gegensatz zum ganzen Schlager mit Heintje und Co. Dass sich auch in der Musik mehr bewegt hat, und neben dem Schlager auch andere Musikrichtungen zumindest eine Chance bekamen, im Radio gespielt zu werden, war sicher auch ein Verdienst der 68er.
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