Mechelwind
Integration

"Aera" rockt Mechelwind

Als die langhaarigen Musiker der Jazzrockband in dem kleinen Höchstadter Ortsteil einziehen, sorgen sie mit ihrem alternativen Lebensstil für Aufsehen.
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Mit Frauen, Kind und Kegel ging Aera im eigenen Bus auf Tour. Gesteuert wurde der häufig vom Höchstadter Gerfried Schell (2.v.r).  Foto: Ulrich Handl (Archiv)
Mit Frauen, Kind und Kegel ging Aera im eigenen Bus auf Tour. Gesteuert wurde der häufig vom Höchstadter Gerfried Schell (2.v.r). Foto: Ulrich Handl (Archiv)
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So richtig etwas anfangen konnte Hans Gumbrecht mit dem Gedudel damals nicht, "aber ich habe schnell erkannt, dass das Musizieren auf höchstem Niveau war."

Was der junge Bläser der Stadtjugendkapelle Herzogenaurach in dem kleinen Höchstadter Ortsteil Mechelwind zu Ohren bekam, war das Saxofon von Klaus Kreuzeder, einem weit über die Grenzen Deutschlands hinaus geschätzten Musiker.

Der an den Rollstuhl gefesselte Kreuzeder zog in den 70er Jahren mit der Jazzrockband Aera in Mechelwind ein. Da prallten Welten aufeinander. Der Ort bestand aus sieben landwirtschaftlichen Anwesen, die Alten betrieben Ackerbau und Viehzucht, die Jungen gingen auswärts arbeiten.

In dieses beschauliche und harmonische Idyll platzten langhaarige Musiker mit Frauen und Kindern auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Musik, Malerei, Fotografie, Tanz, natürlicher Gartenbau, bewusste Ernährung und liebevolle Kindererziehung galten als wahre Bedürfnisse.

"Es war eine musiklastige Kommune", erinnert sich der Höchstadter Gerfried Schell, der zeitweise auch dazu gehörte. Freier Sex habe aber nicht im Vordergrund gestanden, sagt heute der Münchner Fotograf Ulrich Handl, der damals die Musiker und ihr Leben in Mechelwind auf Zelluloid bannte. Auf dem Fahrrad zusammen mit Freunden ist Andreas Reuß öfter von Höchstadt nach Mechelwind geradelt und dort offen aufgenommen worden. Er hätte vielleicht auch gerne so gelebt, "aber man hat sich nicht getraut".

Die Schwiegereltern von Rudolf Schindler hatten Aera das Haus überlassen, in dem es schon manchmal nach "Arzneipflanzen" duftete. Auch wenn die neuen Mitbewohner für Mechelwind "sehr außergewöhnlich" waren, bescheinigt ihnen Schindler "ein sehr gutes Verhältnis zu allen Nachbarn".


Die ersten Fremden

Dem kann sich der gebürtige Mechelwinder Heinz Iftner nur anschließen: "Es waren die ersten Fremden, die in unseren Ort kamen und hier zur Miete wohnten." Mit seiner Mutter hatten sich die Neubürger besonders gut verstanden und auch zusammen Brot gebacken. Iftner: "Aera war auf jeden Fall eine Bereicherung für unseren Ort - und es hat auch nicht jeder Ort sein eigenes Lied."
Mechelwind heißt es, 9:24 Minuten lang, erschienen auf der zweiten Aera-LP "Hand und Fuß". Noch gut kann sich Iftner an sein erstes Aera-Konzert Mitte der 70er Jahre im Höchstadter Wölkerbräu-Saal erinnern.

Kommerz war den Musikern verpönt, was zur Folge hatte, dass sie an chronischem Finanzmangel litten. Bekannter als ihre Musik war in der Region um Höchstadt ihr alter roter Tourbus. Den hatten sie von den Bamberger Symphonikern, übermalten den Schriftzug Bamberger mit Aera und ab ging es durch Deutschland. Dabei saß häufig Gerfried Schell am Steuer. Getankt wurde da nicht selten mit Heizöl - von den Bauern in Mechelwind.

Weitere Landkommunen
Lesen Sie hier von zwei weiteren Landkommunen, die es damals in der fränkischen Provinz gab:
Vom Töpferhandwerk, der Freiheit und ersten Versuchen der Mülltrennung in Jesserndorf im Landkreis Hassberge.
Hier geht es um die Landkommune Tettau, die wohl die bestbewachte Frankens war: Als Grenzer, Zöllner und die Bewohner der Siedlung mit dem Fernglas beobachteten, was die Studenten auf dem Bauernhof taten.

Wer sich mal anhören möchte, wie "Mechelwind" klingt:
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