Coburg
Tanz

Ab in die Disco!

Über Jahre hinweg fuhren immer wieder ganze Trupps von Coburgern in den Frankenwald. Aber so cool wie heute musste man zu dieser Zeit nicht sein.
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Schö war's: Robert Milano erinnert sich an seine Disco-Zeiten.  Foto: Carolin Herrmann
Schö war's: Robert Milano erinnert sich an seine Disco-Zeiten. Foto: Carolin Herrmann
Saturday Night Fever. - Wer das entsprechende Alter hat, hört sofort den Beat, hat den quietschenden Gesang der Bee Gees im Ohr, spürt ein zwanghaftes Zucken in der unteren Körperhälfte: Staying alive, staying alive, a, a, a, a, aaaaaaaa. In den 70er Jahren. Nächtelang, immer so weiter, je nach Temperament in eher sparsamem Trappeln von einem Fuß auf den anderen, nur ned verausgabn, oder entzündet von Kopf bis Fuß wie der junge, geschminkte John Travolta, an Höhepunkten des Abends die Unterarme umeinander zwirbelnd wie er oder die Dancing Queens von Abba.
Doch dafür musste man schon etwas tun, vor allem, wenn man in Coburg lebte. Denn hier, hier war "total tote Hose", hier war nix los, wie viele Kinder dieser Zeit bis heute behaupten, die die Residenzstadt mit Verachtung im Blick verließen und noch in den 80ern im Studium herauspressten: nie, nie wieder in diese Ödnis zurückkehren zu wollen. - Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen angesichts der Überfülle an Freizeit- und kulturellen Angeboten, auch für junge Leute, an Events das ganze Jahr über in Coburg. Doch in den 70ern! Da begann die Welt auseinander zu fallen, in vielerlei Beziehungen, aus der Wut der 60er Jahre jetzt vor allem auch Lebensgefühl einfordernd, bis in die letzten ländlichen Winkel hinein.


Zum Tanzen hoch in den Wald

Und kurioser Weise entstanden eben in oberfränkischen "letzten Winkeln", im Wald sozusagen, richtig grotesk, Tempel der Lebenslust: große Discotheken, als seien Ufos mitten auf oberfränkischem Lande gelandet. Die Alten in den Dörfern schüttelten nur noch den Kopf. In den Discos wurde Musik nicht mehr in wohlabgesetzten Tanzrunden gereicht wie bisher "auf'm Danz, auf'm Sool". Punkt 8 Uhr abends fuhr der Diskjockey die Regler hoch und ließ sie da bis zur Sperrstunde; es war laut (aber keineswegs so organschädigend laut wie heute), bass-hämmernd, pausenlos, unter blinkenden Lichtorgeln, die sich glitzernd drehende Discokugel über der Tanzfläche nicht vergessend. Pop und Funk, tanzen bis in den Rausch, bei einem gut eingeteilten Bier für den ganzen Abend, denn mehr konnte man sich nicht leisten.


Die Coburger fuhren los

Was taten da die nach Leben gierenden, jungen Coburger? Sie setzten sich ins Auto des 18-jährigen Kumpels und fuhren hoch in den Frankenwald. Man möcht's kaum mehr glauben. 60, 80 Kilometer nach Helmbrechts, Windheim, Rothenkirchen. Jedes Wochenende. Die Mädels vom Lande staunten nicht schlecht im zuckenden Gewühle: Was, aus Coburg seid ihr? - Joo (gesprochen mit offenem Coborcher Oo). - Ward ihr ned letzte Woche auch scho da? - Joo. - Kommt ihr nächste Woche auch wieder? - Joo.
Mit der Kommunikation blieb es unter gegebenem Musiksound immer schwierig. Was dem Jungfranken, ob aus Coborch oder dem Landkreis Gronich, durchaus entgegen kam. Man tanzte und guckte. Oder umgekehrt. Und langweilte sich mitunter auch stundenlang. Denn die Musik der 70er Jahre bestand keineswegs nur aus den großen Hits, die wir heute noch im Ohr haben und die vom Überleben erzählen, Gloria Gaynors "I Will Survive", dem "Sexy Thing" von Hot Chocolate, dem inständigen Flehen von Leroy Gomez "Don't Let Me Be Misunderstood", dem ach so wilden "Kung Fu Fighting" von Carl Douglas. Da war auch massenweise Schrott zu ödem wumm-pfatsch-Rhythmus.


Aufregende Begegnungen

Aber zurück zu den aufregenden Begegnungen auf der Tanzfläche mit den Coborchern. - Sie haben es sich schon gedacht, die Story ist hier nur zu erzählen, weil die Autorin selbst eines dieser Mädels vom Lande war, im Alter von... Jedenfalls gehörte ich zu dem beachtlichen Schwung von Jugendlichen, die sich alle paar Wochen durchs Klofenster in die Büsche beamten, wenn von irgendwo her das Warnsignal kam: Die Polizei kommt.
Und diesem Mädel vom Lande begegnete dann im 21. Jahrhundert in Coburg wiederum ein Bub aus Coborch, der damals zu den von hier fliehenden Trupps gehörte. "Woos? In der Disco warst du auch immer?" Robert Milano kriegt ein seliges Grinsen ins Gesicht. Der Pizza-Milano, der Kult-Wirt, der von seinem Vermieter aus der Metzgergasse, wo er Heimathafen für viele Innerstädtische war, nach 30 Jahren hinausgeekelt wurde, 2014 nach Neuses zog und hier mit seiner neuen Pizzeria sich und eine noch größere Menge Besucher erst Recht glücklich macht.


Getanzt und geguckt

Robert Milano war zwar ein bisschen später dran, in den frühen 80ern dann, was aber nur belegt, wie lange die wöchentliche Reiselust der Jugendlichen von der Itz in den Frankenwald anhielt. "Wir waren immer sieben, acht Jungs und sind mit zwei Autos zu den Mädels in den Frankenwald gefahren", erinnert sich Milano. "Wir wollten nur weg von Coburg. Da in Windheim und Rothenkirchen, da waren andere Leute. Da sin mer halt a bissle rumgehüpft. Schön war das immer."
Aber nicht in der Art dieser hochgeschraubten Massen-Partys von heute, bei denen alle tun, als seien sie in jeder Sekunde galaktisch hingerissen. "Wir sind damals immer in unsere Discos gefahren, haben Musik gehört, geguckt. Das war nicht weiter aufregend, aber einfach gut. Wir mussten aber auch nicht jeden Abend etwas Großartiges erleben." Es war gelassener als heute, obwohl die Jungen gerade heute so unglaublich cool tun. "Wir hab'n a Colaweizen getrunken. Cocktails wie heute konnte und wollte sich keiner leisten. Und die ganze Nacht ging's auch nicht." Sie mussten ja auch eine ganze Stunde wieder heimfahren. Doch das Fahren gehörte dazu, "einfach unterwegs sein", das war's. "Aus unserem Winkel rausfahren..."
Was die anderen Jugendlichen in den 70er Jahren in Coburg und um Coburg herum taten, das dürfen die sich unter einander erzählen. Das hier, das ist eine skurrile Anekdote aus einer merkwürdigen Zeit in einer von einer mörderischen Grenze umschlossenen merkwürdigen Gechend.


Beim Italiener...

Robert Milano übrigens - und des is noch a andere Geschicht' so ungefähr aus dieser Zeit - ist der in Coburg geborene Sohn von Letterio Milano, der 1964 zu Siemens nach Rodach kam. 1984 eröffnete er mit seiner Frau die Pizzeria in der Coburger Metzgergasse. Robert Milano, im Ratskeller ausgebildet, übernahm sie 1992. Bis heute arbeiten Vater und Sohn für ihre Pizzeria Milano, eigentlich immer. 2014 zog die Pizzeria um nach Neuses, Falkenegg.
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