Vom Treibhauseffekt und von der globalen Erwärmung hat fast jeder schon gehört. Und dass Kohlendioxid (CO2) dabei eine Rolle spielt, bezweifelt kaum jemand. Viele fürchten, dass steigende Meeresspiegel, Wetterextreme, Trinkwasserknappheit und das Schmelzen der Polkappen die Folgen sein könnten. Flugzeuge stoßen beim Verbrennen des Treibstoffs CO2 aus. Deshalb gibt es seit langem die Forderung, die schädlichen Folgen des Fliegens auszugleichen - CO2-Kompensation ist der Fachbegriff dafür. Die Details sind allerdings umstritten.
Einer, den dieses Thema schon seit Jahren umtreibt, ist Dietrich Brockhagen, Gründer und Geschäftsführer der gemeinnützigen Klimaschutzorganisation Atmosfair. Während der Reisemesse ITB im März in Berlin wurde er für sein ökologisches Engagement mit der Grünen Palme ausgezeichnet, einem Preis, mit dem das Reisemagazin "Geo Saison" ungewöhnliche Ideen in der Tourismusbranche prämiert. Der Flugverkehr trage bereits heute zu zehn Prozent zum Klimawandel bei, werde sich bis 2050 aber noch verdreifachen, argumentiert er.
"Selbst Fernreisen sind heute für fast jeden erschwinglich", ergänzt Karsten Smid, Klimaexperte bei Greenpeace in Hamburg. "Und man kann mit einem einzigen Flug seine persönliche CO2-Jahresbilanz verhageln." Selbst wer ein ganzes Jahr aufs Autofahren verzichtet, dann nur einmal auf die Malediven fliegt und damit einen Ausstoß von zwei Tonnen CO2 verursacht, macht die Einsparung wieder zunichte. "Das ist ein Thema, das von der Tourismusbranche eher unter den Teppich gekehrt wird."
Seit 2005 gibt es bei Atmosfair die Möglichkeit, sich auszurechnen, wie viel CO2 bei einem Flug entsteht - und dafür eine bestimmte Summe an die Organisation zu spenden. Die investiert das Geld in Projekte, die dazu beitragen, die Entstehung von Kohlendioxid zu verringern - zum Beispiel umweltverträgliche Wasserkraftwerke in Honduras oder Biogasanlagen in Kenia. Im Idealfall wird durch die Investition exakt die Menge CO2 vermieden, die durch den Flug entstanden ist.
Nach ähnlichem Muster arbeiten auch andere Organisationen wie Myclimate mit Sitz in Zürich. Was die Sache zusätzlich kompliziert macht, ist allerdings, dass es keine einheitliche Berechnung dafür gibt, wie viel CO2 beim Fliegen entsteht - und wie hoch die Kompensationskosten sind.
Atmosfair hat 2011 vier Millionen Euro bekommen - Tendenz steigend. Das alles klingt gut, ist aber nur die halbe Wahrheit. Zur ganzen gehört, dass nur ein sehr kleiner Anteil der Fluggäste die Möglichkeit zur Kompensation nutzt. Atmosfair errechnet für den Hin- und Rückflug von München nach Mailand etwa 180 Kilogramm CO2 und entsprechend 9 Euro für die Kompensation. Für die Strecke Frankfurt - Bangkok sind es 6500 Kilogramm und 150 Euro - bei Fernreisen kommt also einiges zusammen.
"Die Bereitschaft zum Kompensieren ist gering", sagt Ute Linsbauer, Sprecherin vom Forum anders reisen, zu dem Veranstalter gehören, denen das Thema Nachhaltigkeit am Herzen liegt. Sie schätzt den Anteil bei Buchungen ihrer Veranstalter auf weniger als zehn Prozent. "CO2-Kompensation ist eine abstrakte Sache. Man spendet Geld, damit etwas eingespart wird, das man gar nicht sieht - und das alles ist weit weg."
Das sei viel weniger anschaulich, als zum Beispiel eine Patenschaft für ein Kind in Bangladesch zu übernehmen. Hinzu komme, dass Urlaub ein Gegenmodell zum Alltag sei. "Selbst wenn ich mir sonst über Nachhaltigkeit Gedanken mache, will ich mir dann zwei Wochen einfach was gönnen." Rein praktisch gesehen müsse das Kompensieren möglichst unkompliziert sein. "Am besten beim Online-Buchen mit nur einem Klick", sagt Linsbauer.
Studiosus hat bei der Vorstellung der neuen Kataloge für 2012 angekündigt, automatisch den CO2-Ausstoß durch Schiff, Bus und Bahn zu kompensieren. Dabei kommen aber vergleichsweise geringe Beträge zusammen: Für eine achttägige Studienreise in die Toskana berechnet der Veranstalter 1,41 Euro pro Person, für eine 23-tägige Reise durch China 5,91 Euro. Für 2012 rechnet Geschäftsführer Peter-Mario Kubsch mit 250 000 Euro, die in Klimaschutzprojekte gesteckt werden sollen.
Seit Juli 2007 bietet Studiosus Kunden an, den CO2-Ausstoß von Flugreisen freiwillig zu kompensieren. Das Ergebnis ist ernüchternd: Kaum jemand spendet freiwillig. "Es sind weniger als ein Prozent der Kunden", sagt Kubsch. "Und das deckt sich mit den Erfahrungen anderer Veranstalter."
Tui, Marktführer unter den deutschen Veranstaltern, hat seinen Kunden schon 2008 angeboten, 50 Cent draufzulegen, wenn diese als Beitrag zur CO2-Kompensation mindestens zwei Euro an Myclimate spenden würden. Das hat nicht wirklich funktioniert: "Einige wenige haben kompensiert, die dann oft voll", sagt Harald Zeiss, Leiter des Nachhaltigkeitsmanagements der Tui. Die Mehrzahl der Kunden hat das Angebot ignoriert.
Tui gibt inzwischen in den Katalogen den CO2-Ausstoß an - und überlässt es dann seinen Kunden, ob sie Flüge kompensieren oder nicht und in welcher Höhe. Bei solchen großen Veranstaltern würde das schon einiges ausmachen. Tui macht 85 Prozent seines Umsatzes mit Flugreisen, 20 Prozent davon wiederum Fernreisen. Das Kompensieren für die Kunden zu übernehmen und die Kosten auf den Reisepreis draufzuschlagen, hält Zeiss aber für genauso unrealistisch wie Kubsch. Denn wenn die Konkurrenz nicht kompensiert, ist sie damit automatisch günstiger.
Wäre da nicht eine branchenweite Lösung naheliegend? "Eine Verpflichtung auszusprechen, halten wir für schwierig", sagt Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband (DRV). "Wir können das nicht jedem Veranstalter vorschreiben. Das muss der Kunde entscheiden." Das sieht Ute Linsbauer vom Forum anders reisen ähnlich: "Es geht ja auch darum, dem Kunden die Verantwortung nicht abzunehmen, sondern ihn dazu zu bringen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen." Bis das zu sichtbaren Ergebnissen führt, wird es aber wohl noch etwas dauern.