Unterwasser-Atomrakete „Poseidon“: Die Welt schaut sorgenvoll auf die Entwicklung im Ukraine-Krieg und die immer wieder auftauchenden Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen. 

Am 1. Mai hat Fernsehmoderator Dimitri Kisseljow im russischen Sender „Russia 1“ im Rahmen eines Videos mit einem Atomschlag gegen Großbritannien gedroht. Konkret könnte man die britischen Inseln mit der Unterwasser-Rakete „Poseidon“ vernichten. Was würde passieren, wenn diese Waffe zum Einsatz käme und was ist eigentlich „Poseidon“? 

Was ist „Poseidon“?

Das Waffensystem „Poseidon“, benannt nach dem griechischen Gott der Meere, ist eine Art Unterwasser-Rakete, bzw. ein Torpedo mit rund 20 Metern Länge und 40 Tonnen Gewicht. Die „Poseidon“ kann von modernen russischen U-Booten getragen und abgefeuert werden, etwa von U-Booten des Typs „Belgorod“. Diese neuen Unterwasser-Fahrzeuge wurden erst in den 90er-Jahren gebaut und sind mit 184 Metern die größten U-Boote der Welt. Sie können gleich mehrere Poseidon-Torpedos an Bord nehmen. 

Seit 2015 geistert der Name „Poseidon“ durch Ansprachen von Wladimir Putin und durch westliche Geheimdienstberichte. Laut Aussage des norwegischen Geheimdienstchefs Nils Andreas Stensønes im April 2021 befand sich „Poseidon“ damals im Test-Stadium. Jahrelang hatte man außerhalb von Russland angezweifelt, dass das Waffensystem mehr als ein Propaganda-Schreckgespenst sei. Norwegen hat anscheinend konkrete Hinweise auf Tests mit der Unterwasser-Drohne. 

Wladimir Putin sprach zuletzt 2021 in einer Ansprache von „Poseidon“, zuvor hatte er bereits 2018 die Atom-Unterwasser-Drohne in einer Rede zur Lage der Nation erwähnt. Das Waffensystem hat eine konkrete Typenbezeichnung, sie lautet 2M39 und kann einen Nuklearsprengkopf unter Wasser ins Ziel befördern. Was den westlichen Militärs und Geheimdiensten Kopfzerbrechen bereitet: Man kennt das Geräusch des Antriebs von „Poseidon“ nicht, was eine Ortung und damit ein frühzeitiges Abfangen schwierig gestalten würde. Putins Unterwasser-Rakete ist damit zwar nicht „unaufhaltbar“, wie es die russische Propaganda nennt, aber eine nur schwer lösbare Aufgabe für die Unterwassersensoren der Nato im Nordatlantik. 

Was passiert, wenn „Poseidon“ eingesetzt wird? 

Der russische Moderator Kisseljow hat in seinem Clip auf „Russia 1“ recht genau beschrieben, was der Zweck und ein mögliches Szenario für eine Atomwaffe wie „Poseidon“ ist, auch wenn er es recht blumig und drastisch ausdrückte: „Wir könnten die britische Insel in die Tiefen des Meeres stürzen mit unserer unbemannten Unterwasser-Rakete Poseidon.“

Die Unterwasser-Rakete wird von einem U-Boot abgefeuert und nähert sich dann mit rund 200 km/h dem Ziel, so dir russischen Angaben. Die Reichweite des Unterwasser-Torpedos wird mit rund 10.000 Kilometern angegeben. 

Der Torpedo kann mit einem Atomsprengkopf bestückt werden von bis zu 100 Megatonnen Sprengkraft – das wäre die größte jemals gebaute Nuklearwaffe der Welt. Zum Vergleich: Die Atombombe von Hiroshima hatte eine Sprengkraft von 12.500 Tonnen TNT. Poseidon hätte also eine Sprengkraft wie 8000 Hiroshima-Bomben. 

Poseidon: Löst die Explosion wirklich einen gewaltigen Tsunami aus?

Der Unterwasser-Sprengkopf würde dann vor der Küste explodieren und soll einen gewaltigen Tsunami auslösen. Kisseljow spricht von einer Welle von „500 Metern Höhe“, die Großbritannien und Irland auslöschen würde. Wenn die Waffe zudem mit einer Kobalt-Ummantelung versehen würde, käme noch extrem hohe radioaktive Strahlung hinzu. 

Was immer von Großbritannien danach übrig bleiben würde, sei nichts als eine «radioaktive Wüste» in der für eine sehr lange Zeit nichts mehr existieren könne, drohte Kisseljow und zumindest diese Drohung wäre im Fall einer Kobalt-Ummantelung nicht einmal übertrieben, jedenfalls was die Strahlung angeht. 

Was den Tsunami angeht, sieht die Sache jedoch etwas anders aus. Hier ist die Darstellung des Chef-Popagandisten Kisseljow wohl eher ins Reich der Fantasie zu verweisen. Die Simulation, die im Video des russischen Senders Russia 1 zu sehen ist, dürfte eine reine Animation aufgrund von Wunschvorstellungen sein. Es ist nicht bekannt, welche Zahlen den russischen Behauptungen vom Monster-Tsunami nach einer Unterwasserbombe zugrunde liegen. 

Der Tsunami-Bomben-Mythos ist nicht neu

Die Erzählung vom Tsunami, der durch eine Atombombe ausgelöst wird, kommt interessanterweise aber nicht aus Russland. Bereits vor fünf Jahren geisterte das Schreckgespenst der Unterwasserbombe, die küstennahe Städte oder ganze Inselstaaten vernichten kann, durch britische Boulevard-Medien.

Die Artikel der britischen Blätter beziehen sich jedoch auf einen Kommentar von Viktor Baranetz, einem ehemaligen Sprecher des russischen Militärabwehrdienstes, der in der russischen Zeitung „Komsomolskaya Pravda“ im Jahr 2017 erschien. Er drohte damals als Reaktion auf Donald Trumps Militärhaushalt mit "asymmetrischen Maßnahmen", etwa Atombomben vor der Küste Nordamerikas. Daraus strickten die Zeitungen von "Daily Star" bis "The Sun" Geschichten über Tsunamis, die durch Bomben ausgelöst werden.

Dass selbst Baranetz danach einschränkte, dass er keine Unterwasserbomben gemeint hatte, sondern U-Boote, änderte nichts mehr an der Erzählung - der Mythos der Tsunami-Bombe war geboren. 

Ist Poseidon nur ein "Tropfen im Eimer"?

Wie groß ein Tsunami ausfällt, ist von vielen Faktoren abhängig, nicht nur von der Energie, die ihn auslöst. So ist auch entscheidend, ob der Auslöser in tiefem oder eher flachem Wasser ist. Je tiefer die Stelle im Meer ist, desto mehr Wasser muss bewegt werden, um hohe Wellen auszulösen. Der Atlantik rund um die britischen Inseln ist recht tief, nicht die beste Voraussetzung für einen Atombomben-Tsunami. 

Greg Spriggs, ein Nuklearwaffen-Physiker des Livermore National Laboratory, schätzte bereits 2017 in einem Interview mit dem "Business Insider" die Gefahr einer Monsterwelle durch eine Atombombe als gering ein. "Die Energie in großen Nuklearwaffen ist wie ein Tropfen im Eimer verglichen mit der Energie eines natürlich auftretenden Tsunamis", schätzte Spriggs damals sehr klar ein: "Ein Tsunami, der von einer Nuklearwaffe ausgelöst wird, könnte nicht sehr groß sein."

"Aufgrund des geringen Widerstandes würde die meiste Energie ins Meer entschwinden und ein nuklear-gezündeter Tsunami in Richtung Küste wäre äußerst schwach", so Spriggs. Atombombentests in den 40er- und 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts zeigten deutlich, dass die Wellen nach einer Unterwasserexplosion nur etwa doppelt so hoch waren wie vor der Explosion. Von Tsunamis keine Spur. 

Wie viel Energie braucht man, um einen Tsunami auszulösen? 

Wie unrealistisch die russische Drohung mit der Vernichtung Großbritanniens durch einen Bomben-Tsunami ist, zeigt sich umso mehr, wenn man die Energie betrachtet, die vergangene Tsunamis ausgelöst haben. Beim verheerenden Tsunami an Weihnachten 2004 vor Sumatra, dem zweitstärksten bekannten Tsunami der Menschheitsgeschichte, war ein Erdbeben auf dem Meeresboden die Ursache. Die Energie, die durch die gewaltigen Erdstöße freigesetzt wurde, entsprach etwa 100 Gigatonnen TNT. Das sind etwa 2000 "Tsar"-Bomben - die größte jemals gezündete Nuklearwaffe, die rund 50 Megatonnen Sprengkraft hatte. Die Welle damals hatte große Zerstörungskraft und tötete weit über 200.000 Menschen - von einem gigantischen Tsunami mit rund 500 Metern Höhe war jedoch auch dieser Tsunami weit entfernt. Damals waren die höchsten Wellen rund 20 Meter hoch. 

Der größte Tsunami, der jemals aufgetreten ist, dürfte jener gewesen sein, den ein Asteroid vor rund 66 Millionen Jahren auslöste und das Aussterben der Dinosaurier auslöste. Der Asteroid "Chicxulub" war wohl rund 14 Kilometer im Durchmesser groß und löste eine Welle von rund 1500 Metern Höhe aus - wahrhaft apokalyptisch. Der Asteroid entfaltete eine Explosionsenergie von rund 100 Teratonnen TNT, also 100 Millionen Megatonnen und damit eine Kraft, die etwa 200.000 "Tsar"-Bomben entspricht. 

Was auch immer Russland an nuklearem Potenzial besitzt und zum Einsatz bringen könnte - selbst alle Atomwaffen des Landes vereint würden kaum  ausreichen, um auch nur einen Tsunami von der Größe auszulösen, der 2004 durch Pazifik und den indischen Ozean rauschte, ganz zu schweigen von apokalyptischen Ausmaßen wie Dimitri Kisseljow sie angedroht hat. Oder, um es mit Greg Spriggs zu sagen: "Es wäre eine dumme Verschwendung einer funktionsfähigen Nuklearwaffe."

Warum ein Unterwasser-Torpedo?

Der Vorteil einer Unterwasser-Waffe liegt jedoch darin, dass sie recht unabhängig ist von der Lage über Wasser. Auch, wenn die Luft- und Bodenstreitkräfte Russlands in großer Bedrängnis wären, wäre die Unterwasser-Drohne eine Möglichkeit für einen heftigen Zweitschlag gegen einen Feind. 

Das Szenario eines Einsatzes von Poseidon klingt wahnsinnig und apokalyptisch, ist im Rahmen einer nuklearen Abschreckungsstrategie wohl ein sinnvoller Baustein, so makaber es klingt. Nicht umsonst ist die Abkürzung der im Kalten Krieg geprägten Doktrin gegenseitig zugesicherter Vernichtung („mutually assured destruction“) fast so etwas wie ein zynischer Wortwitz: „MAD“ – englisch für „verrückt“.

Aktuell ist „Poseidon“ ein Drohszenario im Konflikt um die Ukraine, aber in der größeren Strategie Russlands ist die Atomwaffe auch ein Schreckgespenst und Druckmittel im Wettrennen um die Bodenschätze in der Arktis sowie um die Vorherrschaft in dieser Region. 

Putin sieht dort den Schlüssel zu globaler Macht und wirtschaftlicher Stärke. Mit dem Klimawandel werden dort Bodenschätze erreichbar, die bisher nur schwer abzubauen sind. Hier will Russland ganz vorne mit dabei sein, ebenso bei der Schifffahrt durch die Arktis, die mit abschmelzendem Eis einfacher wird. 

Wie ein namentlich nicht näher genannter Bundeswehroffizier bereits vor einem Jahr gegenüber rnd.de sagte: „Das (Russlands Rüstungstechnologie, Anm. der Red.) wird uns alle in den kommenden Jahren noch mehr beschäftigen, als wir jetzt ahnen.“ Das hat sich nun bewahrheitet. 

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