Bislang sind acht unterschiedliche Herpes-Viren bekannt, die den Menschen betreffen können. Diese werden auch Humane Herpes-Viren (HHV) genannt. Dass die Viren nach einer akuten Infektion ein Leben lang im Körper verbleiben, ist schon länger bekannt, doch wie sie aus ihrer Ruhephase wieder aufweckt werden, ist bisher ein Rätsel geblieben.

Nun haben Forscher an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) in Würzburg den Prozess herausgefunden, der die Viren wieder aktiviert. In einem Artikel des Journals "Nature" wird der zelluläre Mechanismus genau beschrieben.

Typische Ursachen von Herpes-Infektionen

Einige typische Auslöser für eine erneute Herpes-Infektion gibt es. Meist sind es äußere Umstände, die für die Entzündungen verantwortlich sind:

  • Stress und psychische Anstrengungen,
  • Erschöpfung,
  • Ekel,
  • Krankheiten, wie Fieber oder andere Infektionen,
  • ein beeinträchtigtes Immunsystem,
  • und Hormonschwankungen 

Nun konnte ein Forschungsteam der JMU um Bhupesh Prusty und Lars Dölken erstmalig den Prozess beschreiben, wie diese Faktoren eine erneute Herpes-Infektion auslösen.

Die Forscher fanden bei ihren Studien heraus, dass sich die meisten Herpesviren im Laufe der Evolution so weit entwickelt haben, dass sie Mikro-RNAs einsetzen, um ihre Wirtszellen zu befallen. So setzen die Viren eine virale Mikro-RNA als Generalschlüssel ein, um die Viren wieder aufzuwecken. Die Experimente wurden hauptsächlich am humanen Herpes-Virus 6 (HHV-6) durchgeführt.

Mehr als 90 Prozent der Menschen von Herpes-Virus infiziert

Mit dieser Variante des Virus sind mehr als 90 Prozent der Menschen betroffen. Viele, ohne dass sie davon etwas wissen. Zum Problem werden die Viren erst, wenn sie häufig aufwachen und immer wieder zu Infektionen führen.

Virologe Lars Dölken sagt, "wie Herpesviren aus dem Ruhezustand reaktivieren, ist die zentrale Frage bei der Forschung an Herpesviren", denn "wenn wir dies verstehen, wissen wir, wie wir therapeutisch eingreifen können".

Bei ihren Forschungen haben die Experten der JMU nun einen Schlüsselprozess erkannt, der die Viren wieder reaktiviert. Die virale Mikro-RNA wird als miR-aU14 bezeichnet und stammt vom Virus selbst. Diese Schlüssel-RNA ist der Hauptauslöser der Reaktivierung der Herpes-Viren.

Mikro-RNA greift menschlichen Stoffwechsel an

Nach Expression der Mikro-RNA greift diese in den Stoffwechsel anderer Mikro-RNAs des Menschen ein und behindert dabei Mikro-RNAs der miR-30-Familie. Diese Störung führt dazu, dass diese wichtigen Mikro-RNAs nicht mehr gebildet werden. Durch die nicht ausgebildeten zellulären Mikro-RNAs wird, laut Arbeitsgruppe, ein spezifischer Signalweg beeinflusst, die sogenannte "miR30/p53/Drp1 Achse", wodurch Mitochondrien zerstört werden. 

Wie allseits bekannt, sind die Mitochondrien das Kraftwerk einer jeden Zelle, daher ist ihre Zerstörung äußerst fatal: Energieproduktion und Virusabwehr können durch ihre Zerstörung stark beeinträchtigt werden. Dadurch hemmt die virale miR-aU14 die Bildung von Typ-I-Interferonen, die den Zellen vor Viren warnt.  Aufgrund der fehlenden Interferone, kann der Herpes-Virus sich unbemerkt reaktivieren.

Die Mikro-RNA miR-aU14 ist allerdings nach Forschungsergebnissen nicht nur für die Vermehrung der Viren verantwortlich, sondern auch für das Erwecken aus dem Ruhezustand. Obwohl der Großteil der Experimente an HHV-6 getätigt wurde, ist nach Angaben der Forscher abzusehen, dass andere Herpes-Viren mittels des gleichen Mechanismus reaktiviert werden.

Zentrale Frage der Herpes-Forschung gelöst

Dies ist insbesondere bei der therapeutischen Behandlung von Herpes hilfreich, da man so einen Wiederausbruch der Infektion verhindern oder gezielt planen kann. Darüber hinaus zeigt die Forschung, "dass eine Mikro-RNA den Reifungsprozess anderer Mikro-RNAs direkt regulieren kann".

Die Forschung an den Herpes-Viren und vor allem an den Möglichkeiten zur therapeutischen Behandlung sind besonders wichtig, wenn die Folgen einer Herpes-Infektion in Betracht gezogen werden. Denn auch wenn sich eine Infektion mit dem Virus häufig nur durch juckende Bläschen an der Lippe oder Gürtelrose äußert, kann eine Erkrankung mit dem Virus auch schlimmere Folgen nach sich ziehen. 

Besonders das erforschte HHV-6 wird verdächtigt, zu Herzstörungen, Multipler Sklerose oder Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) führen. Auch neigen transplantierte Organe nach einer Herpes-Infektion eher dazu vom Körper abgestoßen zu werden. 

Herpes-Infektion kann psychische Krankheiten auslösen

Nach neuesten Erkenntnissen kann eine Infektion mit dem Herpes-Virus sogar zu psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Bipolarer Störung oder andere Krankheiten des Nervensystems zur Folge haben.

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