Rückrufe von Chips häufen sich seit einigen Monaten in Deutschland. Den Anfang machte Alnatura bereits Ende Juni, einige Wochen später weitete die bekannte Bio-Marke den Rückruf auf weitere Produkte aus. Binnen weniger Tage nahmen noch andere Anbieter ihre Snacks aus dem Handel, darunter die Drogeriemarkt-Kette Rossmann, der fränkische Bio-Händler dennree und der niederländische Organic-Food-Anbieter Do-it (Amaizin).

Inzwischen sind mehr als 20 unterschiedliche Chips-Sorten von dem Rückruf wegen Pflanzengift betroffen. Wir geben einen Überblick, erklären die Folgen eines Verzehrs und beleuchten den Hintergrund für die auffällig häufigen Lebensmittelwarnungen in einem Segment.

Mehr als 20 Sorten Chips zurückgerufen: Anbieter warnen vor dem Verzehr folgender Produkte

  • Chips-Rückrufe von Alnatura
    • Alnatura Mais-Chips Natur, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): alle bis einschließlich 7. Dezember 2022
    • Alnatura Mais-Chips Paprika, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): alle bis einschließlich 7. Dezember 2022
    • Alnatura Maisröllchen, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): bis einschließlich 7. Dezember 2022
  • Chips-Rückrufe von Amaizin/Do-it:
    • Amaizin Tortilla-Chips Paprika von Do-it - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 13. August 2022 bis 5. März 2023
    • Amaizin Tortilla-Chips Chili von Do-it - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 13. August 2022 bis 5. März 2023
    • Amaizin Tortilla-Chips Natural von Do-it - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 13. August 2022 bis 5. März 2023
    • Amaizin Tortilla-Chips Nacho Cheese von Do-it - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 13. August 2022 bis 5. März 2023
    • Amaizin Tortilla-Chips Tomato von Do-it - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 13. August 2022 bis 5. März 2023
  • Chips-Rückrufe von dennree:
    • dennree Tortilla Chips gesalzen, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum: alle (unabhängig vom MHD)
    • dennree Tortilla Chips Paprika, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum: alle (unabhängig vom MHD)
  • Chips-Rückrufe von enerBio/Rossmann:
    • enerBiO Tortilla Chips Paprika von Rossmann, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum: alle (unabhängig vom MHD)
    • enerBiO Tortilla Chips Meersalz von Rossmann, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum: alle (unabhängig vom MHD)
  • Chips-Rückrufe von Heimatgut:
    • Bio Heimatgut Tortilla Chips Meersalz, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 12. September 2022, 9. Oktober 2022, 10. Oktober 2022, 10. November 2022, 12. Dezember 2022, 10. Januar 2023, 3. März 2023
    • Bio Heimatgut Tortilla Chips Sweet Chili, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 14. September 2022, 9. Oktober 2022, 11. Dezember 2022, 3. Februar 2023, 2. März 2023
    • Bio Heimatgut Tortilla Rolls Meersalz, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 6. September 2022, 7. September 2022, 18. Oktober 2022, 15. November 2022, 16. November 2022, 12. Dezember 2022, 10. Januar 2023, 5. Februar 2023, 3. März 2023
    • Bio Heimatgut Tortilla Rolls Salsa Style, 125 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 7. September 2022, 18. Oktober 2022, 15. November 2022, 12. Dezember 2022, 10. Januar 2023, 5. Februar 2023, 3. März 2023
  • Chips-Rückruf vom Importhaus Wilms/Impuls GmbH & Co. KG: 
    • Santa Maria Bio Tortilla Chips salted (alternative Bezeichnung: organic crispy corn Tortilla Chips salted) - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): bis einschließlich 30. März 2023
  • Chips-Rückrufe von FZ Organic Food BV:
    • Trafo Tortilla-Chips Chili, 75 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 15. August 2022 bis 9. Januar 2023
    • Trafo Tortilla-Chips Chili, 200 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 15. August 2022 bis 9. Januar 2023
    • Trafo Tortilla-Chips Naturel, 75 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 15. August 2022 bis 9. Januar 2023
    • Trafo Tortilla-Chips Naturel, 200 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 15. August 2022 bis 9. Januar 2023
    • Trafo Tortilla-Chips Nacho Cheese, 75 Gramm - Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 15. August 2022 bis 9. Januar 2023

Wer die vom Rückruf betroffenen Chips-Packungen gekauft hat, sollte ihren Inhalt vorsichtshalber nicht mehr verzehren.

Kund*innen können die Produkte mit den oben genannten Mindesthaltbarkeitsdaten im Handel zurückgeben. 

Alle Rückrufe wegen Pflanzengift: Was sind Tropanalkaloide und wie gefährlich sind sie?

Das Interessante an allen oben genannten Rückrufen sind die Gemeinsamkeiten. Es handelt sich ausschließlich um Chips auf Mais-Basis und nicht um Kartoffelchips, alle betroffenen Snacks sind Bio-Produkte und der Grund für die Verzehrwarnung ist identisch - Tropanalkaloide, die in den Knabbereien enthalten sind.  

Bei Tropanalkaloiden handelt es sich um natürlich vorkommende Pflanzengiftstoffe, erklärt das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz(LUA). Wie das Chemische und Veterinärmedizinische Untersuchungsamt Freiburg (CVUA) ergänzt, kommen diese Pflanzeninhaltsstoffe in bestimmten Ackerunkräutern aus der Familie der Nachtschattengewächse vor. Genannt werden der Gemeine Stechapfel (Datura stramonium L.), das Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger L.) und die Tollkirsche (Atropa belladonna L.). Laut CVUA seien in Pflanzen bereits mehr als 200 verschiedene Tropanalkaloide identifiziert worden. Atropin und Scopolamin - die in vielen der oben genannten Mais-Chips enthalten sind - zählen zu den am besten untersuchten Vertretern der Gruppe.

Von ihnen ist bekannt, dass sie bereits in niedriger Dosierung die Herzfrequenz und das zentrale Nervensystem beeinflussen, sowie Benommenheit, Kopfschmerzen und Übelkeit hervorrufen. Beeinträchtigungen durch Tropanalkaloide seien schon "in einer sehr geringen Dosierung möglich", erklärt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Als Symptome können Herzrasen, Benommenheit, Kopfschmerzen oder Übelkeit auftreten. Kinder und Säuglinge reagierten aufgrund ihres geringeren Körpergewichts besonders empfindlich auf die Giftstoffe. Eltern, die bei ihren Kindern nach dem Verzehr von Getreideprodukten auf Mais- und Hirsebasis die beschriebenen Beschwerden feststellen, sollten umgehend einen Arzt aufzusuchen, rät das Landesamt mit Sitz in Koblenz.

"Besorgniserregende Kontaminationsquelle": Wie kommen Tropanalkaloide in Lebensmittel?

Neben Getreide können auf Äckern auch unerwünschte Pflanzen wachsen, die Tropanalkaloide bilden, so das CVUA. Da diese unerwünschten Pflanzen bei der Ernte automatisch mit geerntet werden, könnten auch tropanalkaloidhaltige Samen und Pflanzenteile unter die Getreidekörner gelangen. Ein Aussortieren dieser Samen aus dem Erntegut sei zwar möglich, jedoch sehr aufwendig und daher nicht immer vollständig realisierbar. Durch verunreinigtes Getreide können Tropanalkaloide schließlich in getreidebasierten Lebensmittel landen, also in Babynahrung, Mehl oder Cerealien

Warum die Problematik gerade dem Bio-Anbau Probleme bereitet, erklärt das LUA. Die unerwünschte "Beikräuter" würden grundsätzlich auf allen Getreideanbauflächen gedeihen, im konventionellen Ackerbau werde ihre Ausbreitung jedoch durch Herbizideinsatz verhindert.

Wie das Berliner Institut Kirchhoff ergänzt, sei die Produktion von Tropanalkaloiden ein wertvoller Abwehrmechanismus der Pflanzen gegen Schädlingsbefall. Zugleich stelle sie aber eine "besorgniserregende Kontaminationsquelle für Lebens- und Futtermittel" dar.

Neue EU-Höchstwerte seit 2021

Das Institut gibt einen Einblick in die Bewertung der Pflanzengifte in den zurückliegenden Jahren: So sei ein Bericht vom Februar 2018 zu dem Schluss gekommen, dass EU-weit die Grenzwerte der ernährungsbedingten Exposition (also die Menge eines von Menschen oder Tieren über die Nahrung aufgenommenen Stoffs) von Tropanalkaloiden bei mehrere Bevölkerungsgruppen überschritten seien. Das Vorhandensein von Tropanalkaloiden, insbesondere von Atropin und Scopolamin, sei als gesundheitlich bedenklich angesehen worden.

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Im Jahr 2021 hat die EU die Höchstgehalte für die Tropanalkaloide Atropin und Scopolamin für Getreidebeikost und anderer Beikost, die Hirse, Sorghum, Buchweizen und daraus gewonnene Erzeugnisse enthalten, festgelegt. In diesem Zuge wurden neue Höchstmengen für Mais und Maiserzeugnisse in die Verordnung aufgenommen. 

Das Kirchhoff-Institut kommt zum Schluss, dass "die Verunreinigung von Lebens- und Futtermitteln mit Tropanalkaloiden ein sehr besorgniserregendes Problem der Lebensmittelsicherheit" sei, das ständig zunehme. Die Bekämpfung tropanalkaloidhaltiger Pflanzen auf dem Feld sei von großer Bedeutung, da Verunreinigungen der geernteten Pflanzen nur teilweise beseitigt werden könnten. 

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