Bamberg
Lettland

Leben an der einsamen Grenze

Zwischen Russland und der EU: Warum die drei Töchter von Hofbesitzer Janis, 75, ihr Glück weit weg gesucht haben - zwei davon in Franken.
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Janis und Irena auf einer Bank im Hof. Zwei ihrer drei Töchter leben inzwischen in Franken.  Fotos: Galster
Janis und Irena auf einer Bank im Hof. Zwei ihrer drei Töchter leben inzwischen in Franken. Fotos: Galster
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Längst sind die baltischen Staaten ein faszinierender Magnet für Touristen. Die bekannten Besucherströme kennen attraktive Wege wie Tallin, Riga, Vilnius oder den Berg der Kreuze. Mehr als nur Tourismus sollte unsere individuelle Fahrt mit dem Pkw auf dieser langen Strecke sein. Die Einladung bei einer befreundeten lettischen Familie ganz im Osten an der einsamen russischen Grenze ermöglichte das Eintauchen in den dortigen Alltag.

Pusmu cova, keiner kennt dieses verschlafene Nest, liegt wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Wir wurden dort auf einem bescheidenen Anwesen mit großer Herzlichkeit erwartet und erlebten Verhältnisse in einer Bescheidenheit, die sich hierzulande kaum jemand vorstellen kann.

Der Besitzer Janis und seine Frau Irena bearbeiteten einen 48-Hektar-Hof. Ihre drei Töchter sind alle weggezogen. Sandra wohnt in ihrer Nachbarschaft, Anita und Liga hat es weit weg, nach Franken, verschlagen. Anita fand in Nürnberg ihr Auskommen, Liga will einfach die Luft der weiten Welt spüren, etwas Anderes probieren. Sie paukt die schwere deutsche Sprache und macht eine Umschulung als Bürokauffrau. Unter Kirschbäumen bei Leutenbach in der Fränkischen Schweiz haben wir uns kennengelernt und angefreundet und dabei viele Gemeinsamkeiten entdeckt.

Der Weggang aus Lettland

Der Weggang der jungen Frauen aus ihrer Heimat ist symptomatisch und tragisch für eine Region, in der junge, gut ausgebildete Menschen keine Zukunft sehen. Sie ziehen weg in die skandinavischen Länder, nach Deutschland oder auch in die USA.

Janis, 75 Jahre alt, hat seinen Hof seinem Neffen aus der Nachbarschaft verpachtet. Große Investitionen wird es hier nicht mehr geben. Die alten Gebäude sind meistens aus Holz. Ein üppiger Garten zeugt von guter Pflege und Bodenqualität. In Sowjetzeiten machte sich Janis mit der Zucht von Rennpferden einen Namen. Jener Zeit trauert er aber nicht nach. "Das System war doch eine Illusion", sagt er nüchtern.

Die Landschaft im östlichen Lettland ist ein Paradies für Naturfreunde. Über 50 Prozent Wald, vieles naturbelassen, dazwischen Seen wie im Bilderbuch. Burgruinen zeugen von bewegten Zeiten. Die verschlafenen Dörfer mit ihren alten Holzhäusern Richtung Grenze verstecken sich verschämt hinter Büschen und Bäumen. Russen und Letten wohnen friedlich miteinander, wie die Gastgeber betonen, parlieren problemlos Russisch und Lettisch gleichermaßen.

An der nahen russischen Grenze herrschen strenge Regeln. Angrenzende Felder dürfen nur nach Anmeldung bei den lettischen Behörden bearbeitet werden. Beim langsamen Vorbeifahren - Halten ist ist nicht erlaubt - erkennt man am Ende eines großen Feldes Stacheldrahtabgrenzung, vom Westen installiert. Von einem hohen Turm im Feld aus lässt sich das Gelände kontrollieren. Halb so hoch schaut der andere Turm von russischer Seite herüber. Das Gefühl eines eisernen Vorhangs drängt sich irgendwie auf.

Wir besuchen mit unseren Freunden die zwei modern und großzügig ausgebauten Grenzübergänge Vientuli und Gebrceva, wo Ende der 90er Jahre die Verkehrsschlangen 20 Kilometer auf jeder Seite lang waren. Hier herrscht Totenstille. Selten verliert sich ein Fahrzeug über die einsame Grenze.

Vielleicht fünf Kilometer von der Grenze entfernt, besuchen wir das Farmhouse "Kotini". Die freundliche Seniorchefin führt durch die riesige landwirtschaftliche Anlage. Ihr Mann hatte in den 90er Jahren den Mut durchzustarten. "Mit einem Pferd und 14 Hektar haben wir begonnen."

Heute bewirtschaftet der Betrieb 3000 Hektar, davon 1800 Hektar eigenes Land. Diverse Getreidearten und Futter werden angebaut und vermarktet. 40 Arbeitskräfte finden hier das ganze Jahr ihr Auskommen. Modernste technische Ausstattung und riesige, hochwertige landwirtschaftliche Maschinen kommen zum Einsatz. Welch ein Kontrast zur übrigen, ärmlichen Umgebung im Osten.

Die Sanktionen mit Russland machen das Leben schwerer, aber offensichtlich noch tragbar. Unweit unserer Gastgeber besuchen wir in Rezekne einen befreundeten Fuhrunternehmer. Viktor, seine Mutter Lettin, sein Vater Russe, war in den 90er Jahren hoffnungsvoll gestartet. Seine Flotte wuchs auf fünf schwere Lkw an. Er wickelte viele Transporte, großenteils aus Deutschland, über die Grenze nach Russland ab. Momentan kann er seine Fahrzeuge nicht auslasten. Die Sanktionen des Westens gegenüber Russland haben ihn voll erwischt.

Aus Deutschland sei kaum noch etwas zu erwarten, sagt er. Die Italiener seien etwas flexibler. "Wir zwingen Russland doch nur zu lernen, das herzustellen, was bisher der Westen geliefert hat; nachher brauchen sie uns nicht mehr", ist Viktor überzeugt. Sein Sohn studiert in St. Petersburg. Kostenlos, wie er sagt. Die Menschen hören russische und lettische Nachrichten gleichermaßen, sind daher nach beiden Seiten relativ offen.

Der reizvollen Stadt Riga konnten und wollten wir uns auch nicht verweigern. Dort lernten wir buchstäblich auf der Straße per Zufall eine in Lettland sehr bekannte Fernsehjournalistin kennen: Viola Lazo, die auch im dortigen Parlament sitzt und zur EU in Brüssel ihre Verbindungen hat. Sie freute sich, wieder ihr Deutsch, das sie neben Englisch, Französisch und Russisch fließend spricht, ausprobieren zu dürfen. Ihre Urahnen aus dem Kurland hatten deutsche Wurzeln, erzählte sie.

Überrascht hat ihre spontane persönliche Offenheit. Am zweiten Tag lud sie uns zu sich in die komfortable, moderne Wohnung ein. Weit gereist, gab es viel zu erzählen. Auf die Sanktionen und ihre Auswirkungen angesprochen, verweist sie auf die wechselvolle, tragische Geschichte des Baltikums und auf die komplizierten Bevölkerungsstrukturen. Über allen politischen Entscheidungen, so ihre klare, warnende Aussage, müsse die Sicherheit an erster Stelle stehen.

Und die Briten schweigen...

Irgendwie schloss sich der Kreis passend mit einer Szene in Vilnius in Litauen. Eine lettische Fremdenführerin schwärmte einer Gruppe von etwa zehn Touristen vor, wie wichtig die EU für die Baltischen Staaten sei. Die kleinen Länder könnten doch gegenüber den großen nur in einer großen Gemeinschaft wie der EU bestehen.

Wir fragten einen Teilnehmer aus der schweigsam zuhörenden Gruppe nach dessen Herkunft. Die Besucher kamen aus England.

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