Passau
"Woid"-Zeit

Gipfelglück in der Morgensonne

Seine Berge sind zwar nicht die höchsten - seine Menschen ("die Waidla") aber schon. Der Bayerische Wald lockt mit dem wichtigsten Heilmittel der Welt.
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Fotos: Diana Fuchs
Fotos: Diana Fuchs
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Am Wirtshaustisch geht es hoch her. "Die Blonde is' perfekt!" Bernhard Sitter leckt mit der Zunge genießerisch über die Unterlippe. Nicht nur dem ersten Diplom-Biersommelier Deutschlands schmeckt das frische Weißbier zur Zwiebelsuppe mit Brot-Croutons hervorragend. Auch unsere entdecker-freudige Gruppe nimmt gerne einen zweiten Schluck und ein jeder gibt lautstark kund, was er und sie so herauszuschmecken glaubt.

Natürlich macht dem Chef keiner was vor. Beim "Bierkulinarium" in seinem urigen Riedelsbach-Hof nahe Neureichenau am Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Österreich hängen Besucher aus aller Welt an Bernhard Sitters Lippen. In schönstem Niederbayerisch spricht der Fachmann über Besonderheiten der Braukunst. Da muss man selbst als Fast-Nachbar aus Franken die Ohren spitzen, um alles zu verstehen.

Wir sind in den Bayerischen Wald gefahren, um ein paar schöne Spätsommertage im "Woid", wie der Wald hier heißt, zu erleben. Und um die Waidla, die Bayerwälder, besser kennen zu lernen. Laut Ulrike Eberl-Walter vom Tourismusverband Ostbayern handelt es sich dabei um einen besonderen Menschenschlag. Bernhard Sitters Definition lautet: "Mir san ehrliche, gerade Leit." Während er testet, wie gut ein "Bergbock" zur Rinderroulade mit Malzspätzle schmeckt, fügt er hinzu: "Vielleicht manchmal kauzig, aber nie hinterfotzig."

Wir machen die Probe aufs Exempel. Bestens ausgeruht - die gute Luft im Bayerwald hat ihr Übriges getan - , steuern wir Lackenhäuser an. Das ist eine verstreute Siedlung im Kreis Freyung-Grafenau, die Eva Kempinger "Waldkurort" nennt. Kempinger ist das genaue Gegenteil von Bernhard Sitter. Ruhig und sanft führt sie die Gäste in "ihren" Teil des Bayerwaldes. Entspannen, entschleunigen, zur Ruhe und zu sich selbst finden - das sind ihre Stichworte. "Vor sieben Jahren bin ich in den Wald zurückgekommen, nach 32 Jahren im Ausland", erzählt die frühere Personalberaterin großer Firmen. Ihre Erfahrung: "Viele Menschen sind sehr gestresst." All denen, die aus ihrem Hamsterrad aussteigen wollen, hilft Kempinger mit verschiedenen Kursen im und am Wald.

Freilich haben nicht alle - vor allem nicht alle Männer - Lust, mit Moos, Blättern und Steinen ein Mandala zu legen oder mit verbundenen Augen auf einer Waldlichtung verschiedene Lebensmittel zu probieren und zu bestimmen (gar nicht so einfach!). Doch das muss auch nicht sein. Eine Wanderung auf dem traditionsreichen Goldsteig - der Wanderweg hat seinen Namen von der alten Salz-Transportroute zwischen Passau und Böhmen - hat einen nicht minder großen Entspannungseffekt. Die Mountainbiker testen unterdessen die neue Transbayerwald-Route, bei der sie alle sechs Landkreise das Bayerwaldes durchqueren.

Und dann geht noch ein Traum in Erfüllung: Eine Nacht auf dem Großen Arber, dem König des Bayerischen Waldes. Nach einem zünftigen Reindl(Schmortopf)-Essen im Arberschutzhaus sitzen wir noch lange beisammen, lachen, trinken, reden. Am nächsten Morgen quäle ich mich zeitig aus den Federn. Noch funkeln einige Sterne am Himmel, doch der Sonnenaufgang naht. Es ist nur ein kurzer Anstieg vom Schutzhaus hinauf zum Arbergipfel. Die Luft ist kühl und rein.

In dem Moment, in dem die Sonne wie ein orangeroter Punkt den Horizont überquert, beginnen die Felsspitzen zu leuchten. Im warmen Goldbraun werden sie zu wahren Wonnebrocken. Meisen zwitschern in den Gipfelkiefern und der Wind lässt die Zweige schunkeln. Von hier oben, vom "grünen Dach Europas", sieht man den Morgennebel in den Tälern hängen, aber die ersten Sonnenstrahlen lecken den Tau schon auf. Was hat Eva Kempinger gesagt: "Die Natur ist das wichtigste Heilmittel der Welt." Da könnte was dran sein.

TIPPS FÜR KURZWEIL:

Arbersee: Vom Gasthaus Arberseehaus (ganz neu!) führt, teils auf Holzstegen, ein Barriere-armer Wander- und Spazierweg rund um den Arbersee. Von großen Felsen, in die der frühere Gletscher Rillen geschliffen hat, bis zur Biberburg gibt es jede Menge zu entdecken. (www.arber.de) 8-Tausender-Tour: Wer will schon einen Achttausender besteigen, wenn er an einem einzigen Tag acht Tausender begehen kann? Tolle Ausblicke auf den Bayer- und den Böhmerwald bietet die 18-Kilometer-Tour zu den Arberkamm-Gipfeln Mühlriegel (1.080 m), Ödriegel (1.156 m), Schwarzeck (1.238 m), Reischflecksattel (1.126 m), Heugstatt (1.262 m), Enzian (1.287 m) und Kleiner Arber (1.384 m) mit Einkehrmöglichkeit in der Chamer Hütte.(www.bayerischer-wald.de, www.goldsteig-wandern.de) Waldwildnis: Sowohl rund um das bio-zertifizierte Nationalpark-Gasthaus "Haus zur Wildnis" als auch rund um die Ortschaft Zwieslerwaldhaus lässt sich der Urwald in seiner ganzen Pracht erleben - inklusive seltener Arten wie dem Pilz "Duftender Feuerschwamm", der seinem Namen alle Ehre macht. (www.gastronomie-hauszurwildnis.de, www.nationalpark-bayerischer-wald.de) Glasmanufaktur: Mehr Leidenschaft für Glas gibt es nirgends: Silvia Süß, Leiterin des Museumsschlösschens Theresienthal, und Max Freiherr von Schnurbein, Geschäftsführer der Theresienthal-Manufaktur in Zwiesel, lieben und leben die alte Handwerkskunst des Glasmachens. (www.theresienthal.de)



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