Bad Steben
Frankens Nachbarn

Ab in die Unterwelt

Wir reisen nach Schweden und in die Sahara. Aber haben wir schon einmal das letze intakte Schieferbergwerk im Nordosten Frankens besucht? Die harte Arbeit im Bergstollen ist ebenso untrennbar mit dem Schieferland verbunden wie die feine Kost in der Confiserie.
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Wohin die Gleise wohl führen? Yannick Hupfer
Wohin die Gleise wohl führen? Yannick Hupfer
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Wie Messerspitzen hängen die großen, schwarzen Platten von der Decke. Inmitten des rund 1,5 Meter breiten Weges verlaufen Schienen. Es ist kalt. Wenn Manfred Teichmann auf den Schienen in den Stollen seines Schieferbergwerks hineinfährt, ist er stets dick eingepackt.

"Unter Tage" bleibt das Thermometer bei acht Grad Plus stehen. Auf dem Boden sammeln sich Pfützen, es ist eng und ungemütlich. Die Luft ist nasskalt. Will man hier stehen, muss man das Genick einziehen. Ein Helm ist unerlässlich. Teichmann fährt weit in den dunklen, von einzelnen Lichtern erhellten Stollen hinein, bis er ankommt, wo er hinwollte.

All die Enge auf dem Weg verschwindet, als Manfred Teichmann in einem Stollen stoppt, der so groß ist wie eine Turnhalle. Hier wird aktuell abgebaut, Platte für Platte verschwindet der Schiefer. Er wird raus ans Tageslicht gebracht. "Bei uns geht es nicht nach Akkord", erklärt der Inhaber des Schieferwerks Lotharheil und Teichmann. Abgebaut werde nur auf Auftrag. Das war nicht immer so. Das Bergwerk liegt in Geroldsgrün, im Ge opark Schieferland. Will man hierher, fährt man entlang einer kurvigen, engen Strecke hinunter. Hier im Frankenwald drehte sich jahrzehntelang alles nur um den Schiefer. Er war Arbeit- und Impulsgeber der Region.

Bereits seit 1857 existiert das Schieferwerk Lotharheil. Freiherr von Faber sicherte sich damals das Abbaurecht, er brauchte das Material für seine Fabrik in Geroldsgrün. Als in der Schule auf Schiefertafeln geschrieben wurde, boomte Fabers Geschäft. 1895 allerdings verkaufte er die Fabrik schon wieder, der Schiefer war für seine Einsatzzwecke zu hart. An Material mangelt es der Region noch heute nicht. Je näher man an die thüringische Grenze kommt, desto mehr Schiefer findet man.

Von wegen dunkel und trist...

"Wenn Sie hier in den Boden graben, stoßen Sie fast immer auf Schiefer", sagt Nicole Wittig vom deutschen Schiefertafel-Museum in Ludwigsstadt. Es sei allerdings kein einfaches Material. Nur etwa zehn Prozent des geförderten Schiefers könne man schlussendlich verarbeiten. Vor allem im 19. Jahrhundert war der Frankenwald bekannt für seinen Schiefer. 20 Millionen Tafeln wurden hier laut Wittig pro Jahr produziert. "Wir waren das Zentrum der Schiefertafelproduktion", erklärt sie stolz.

Während der Schiefer heute meist aus Spanien und Portugal kommt, exportierte man damals rund um den Globus: "Kinder auf der ganzen Welt haben auf Tafeln aus Ludwigsstadt geschrieben."

Doch mit dem Ruhm kam auch viel Leid in die Region. Zwölf-Stunden-Arbeitstage und fünf Tage Urlaub pro Jahr waren Standard. Dazu schlechte Arbeitsbedingungen im Bergwerk. Durch das Grundwasser standen die Füße meist im Wasser.

Im Schiefertafelmuseum in Ludwigsstadt erlebt man die Bedingungen hautnah, sieht, wie gearbeitet wurde und was daraus entstand. Das Problem am Schiefer: Nur ein Bruchteil des geförderten Gesteins kann tatsächlich verwertet werden. Doch der Schiefer-Schutt musste irgendwo hin, die Bergbauer schütteten ihn zu Hügeln zusammen. Wie Nicole Wittig erklärt, veränderte das die Landschaft. Noch heute gibt es viele Anstiege und kleine Hügel, die aus dem alten Schiefer-Schutt resultieren.

In der Region gab es einige Schieferbergwerke, heute ist das Werk von Manfred Teichmann das letzte aktive in Süddeutschland. Die Nachfrage nach dem blau-grauen Produkt nahm jahrelang ab, bis vor einigen Jahren die Kehrtwende kam. 2019 ist der Schiefer das Gestein des Jahres, Teichmann hat mittlerweile Lieferzeiten bis ins Jahr 2025. "Wir haben zwar nicht viel Geld, aber wir sind steinreich", witzelt der Inhaber, dessen Gemüt das Gegenteil von der Dunkelheit in seinem Stollen zu sein scheint. Schiefer liegt im Trend: ob Belegplatten, Wege, Dächer oder als Fliese im Bad.

Das kleine Städtchen Bad Steben ist ein ruhiger Ort, an dem man entspannen kann. Doch der Bergbau ist auch hier noch allgegenwärtig. Reisen Besucher mit dem Auto nach Bad Steben, müssen sie ein ganzes Stück weit von der Autobahn wegfahren, bis sie ankommen. Dann allerdings liegt ihnen die Stadt buchstäblich zu Füßen. Scheint die Sonne, glitzern die Schieferdächer der vielen Gebäude. "Wenn man sich Zeit nimmt, kann man sich an so einem Dach nicht sattsehen", schwärmt Nicole Wittig. Ein Schieferdach sei Handwerkskunst, jedes individuell.

Dem Vorwurf, Schiefer sei dunkel und trist, entgegnet sie mit Detailverliebtheit. Es sei ein lebendiges Material. Der Schiefer gehöre zu dieser Region wie der Baum zum Wald. Er ist tatsächlich allgegenwärtig.

So auch in der Therme Bad Steben. Im "Wellness-Dome" können Besucher in einem Maulaffenbecken oder unter einem Wasserfall entspannen. Auch einen Sandstrand gibt es, bei dem man - zumindest virtuell - auf das weite Meer blicken kann. Doch Urlaubsgefühle im Frankenwald kommen nicht nur wegen des Blicks aufs Meer auf. Im gesamten "Wellness-Dome" sind die Wände mit Schiefer verkleidet. Eine Besonderheit: das Sole-Schwebebecken. Betritt man das recht kleine Becken, fühlt man sich wie in einer Schiefer-Höhle. Echte und künstliche Schiefersteine wurden hier verarbeitet. Das Becken ist nicht tief, das Licht gedimmt. Einzelne, bunte Lichtakzente erhellen das Wasser. Legt man sich hinein, schwebt man darin. Der hohe Salzgehalt im Wasser macht es möglich, die Unterwassermusik sorgt für zusätzliche Entspannung. "Es ist eine bombastische Stimmung", sagt Schwimmmeister Uwe Künzell über den "Wellness-Dome".

Cocktails am Beckenrand

Einfach mal abschalten kann der Besucher auch in der großzügigen Saunalandschaft im Außenbereich. Bei einer Beauty-Sauna werden jeden Mittwoch pflegende Aufgüsse auf die heißen Steine getropft, die dem Körper noch zusätzlich etwas Gutes tun sollen. Wer es lieber klassisch mag, findet in dem Schwimmbad auch Schwimmbecken. Ein Highlight ist die "Lange Nacht der Sinne", die viermal im Jahr stattfindet. Bei Cocktails am Beckenrand können Schwimmer das in Licht gehüllte Bad bis 1 Uhr nachts bestaunen.

Wer statt Flüssiges um sich herum lieber Festes im Magen hat, dem bietet sich in Ludwigstadt jede Menge Genuss - in der Confiserie Lauenstein. "Hier ist alles reine Handarbeit", sagt Mitarbeiterin Diana Heinz. Bis die fertigen Pralinen auf Oberfrankens größter Pralinentheke landen, brauche es Zeit - viel Zeit. "Wir versuchen, so wenig wie möglich auf Lager herzustellen", sagt Heinz.

Immer frisch, immer individuell: Viele Ideen für die kleinen Schokoladen-Happen kommen von Kunden selbst, die sich neue Variationen wünschen: ob Balsamico-, Bier- oder Gin-Praline.

Maximal 40 Kilo können die Mitarbeiter pro Tag herstellen, doch bei einem Besuch vor Ort in Ludwigsstadt sollte immer der ein oder andere Leckerbissen vorrätig sein. Im hauseigenen Café gibt es neben Kuchen auch Pralinen zu verkosten.

Harte Arbeit im Bergwerk, feine Kost in der Confiserie. Im Frankenwald gibt's beides zu erleben - und genau das macht ihn so vielfältig und interessant.

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