Weihnachtsglückwünsche

Ochs und Esel

Eine Weihnachtskrippe ohne Maria und Josef? Undenkbar. Eine Weihnachtskrippe ohne Ochs und Esel? Noch viel undenkbarer.
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Nicht aus der Krippe weg zu denken: Ochs und Esel gehören dazu.  Foto: Christian Dijkstal
Nicht aus der Krippe weg zu denken: Ochs und Esel gehören dazu. Foto: Christian Dijkstal
Eine Weihnachtskrippe ohne Maria und Josef? Undenkbar, eigentlich. Eine Weihnachtskrippe ohne Ochs und Esel? Noch viel undenkbarer - erstaunlicherweise. Jedenfalls dann, wenn man der Tradition der Krippendarstellungen folgt.
Sofern nicht die Anbetung durch die Weisen dargestellt ist, sieht man in den ersten frühchristlichen Darstellungen der Krippenszene nur das Kind in der Krippe, Ochs und Esel, zum Teil auch die Hirten. Maria und Josef tauchen zunächst, wenn überhaupt, nur als Randfiguren auf; verstärkt ab dem 4. Jahrhundert. Aber noch auf dem so genannten Sarkophag des Stilicho, der in der Basilika Sant'Ambrogio in Mailand steht und etwa aus dem Jahr 385 stammt, beten die beiden Tiere alleine das Neugeborene an.
Liest man das Lukasevangelium, findet man den Hinweis, dass Maria ihren erstgeborenen Sohn, gewickelt in Windeln, "in praesepio" legte, was eine Krippe oder einen Stall bezeichnet. Ochs und Esel sind nirgends erwähnt; beim Evangelisten Matthäus, dem zweiten Berichterstatter über die Geburt Jesu, erst recht nicht. Dass sich in einem Stall Tiere aufhalten, ist ja nichts Ungewöhnliches; sie lassen sich also leicht dazu denken. Dass es aber nicht beispielsweise Hühner oder Schafe sind, hat einen Grund. Ochs und Esel sind Symboltiere, und das, wofür sie stehen, war den ersten Christen so wichtig, dass die beiden in dieser Eigenschaft anfangs sogar Mutter und Nährvater des Kindes den Rang abliefen.
Ihre Anwesenheit im Stall von Bethlehem, zu sehen bereits auf Fresken in den Katakomben, verdanken sie einem Satz des Propheten Jesaja, der gleich im dritten Vers des ersten Kapitels seiner Prophezeiungen sagt: "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn." Schön und gut, das lässt sich von Hornvieh und Grautier grundsätzlich behaupten. Der Satz allerdings geht noch weiter. Es folgt Jesajas Klage über seine Glaubensbrüder: "Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht." Die Kirchenväter des 4. Jahrhunderts fassten diese Textstelle allegorisch auf und sahen im Ochsen, einem im religiösen Sinn "reinen" Tier, die Position des Volkes Israel, das seinen Herrn zwar kennt und anerkennt, ihn aber in dem Kind in der Krippe nicht wieder erkennen kann, während die Heiden, dargestellt durch den Esel, ein "unreines" Tier, sich dem rechten Glauben zuwenden. Der Bischof und Kirchenlehrer Gregor von Nyssa sieht in der Szene die Erlösung beider: Das Kind in der Mitte befreit die einen von der Last des Gesetzes, die anderen von der des Götzendiensts.
Daneben gibt es eine weitere Überlieferung, die Ochs und Esel als wichtige Krippenfiguren erscheinen lässt. In der griechischen Version der Reden des Propheten Habakuk heißt es im dritten Kapitel: "Inmitten zweier Lebewesen wirst du erkannt werden." Wenn auch der hebräische Text die beiden Cherubim meint, die den Thron Gottes stützen, deutete die kirchliche Tradition diese zwei Lebewesen stets als Ochse und Esel, zwischen denen das göttliche Kind im Stall lag. Der Kirchenlehrer Origines hatte die Verbindung des Habakuk- und des Jesajatextes im zweiten Jahrhundert hergestellt.
Die Tradition findet schließlich ihren anschaulichen Ausdruck im Pseudo-Matthäusevangelium, das im achten/neunten Jahrhundert verfasst wurde. Es erzählt im 14. Kapitel, Maria habe ihren Knaben in eine Krippe gelegt "und Ochs und Esel beteten ihn an". Ihre Anwesenheit scheint hier bereits ganz selbstverständlich. (Der Wunsch und die Vorstellung, dass Heiden und Juden erkennen und anbeten, übrigens auch.)
Ist die tierische Gesellschaft schon dafür bezeichnend, dass Jesus in armen Verhältnissen geboren wurde und ein Leben in Demut und Aufopferung führen sollte, so stehen zu guter Letzt die beiden Tiere selber symbolisch für eben dieses Leben: Der Esel, das dienende Lasttier, weist hin auf das Tragen des Kreuzes, die Demut, das Aufopfern und taucht beim Einzug in Jerusalem zu Beginn der Leidenswoche als Reittier Jesu wieder auf. Der Ochse steht, als ein typisches Opfertier des Alten Testaments, für das Opfer des Kreuzestodes, der diesem Triumphzug folgt.
Zu allen Epochen haben Künstler die Darstellung nach eigenen und allgemeinen zeitgenössischen Vorstellungen ausgeschmückt. Eine ziemlich ungewöhnliche Szene findet sich allerdings in einem Fenster des Münster zu Freiburg im Breisgau. Dort fährt der heilige Josef dem Ochsen mit einem Stock übers Maul. Er scheint einen Grund zu haben: Der Ochse hat die Windeln, in die das Kind gewickelt ist, geschnappt und zieht sie in die Höhe. Was der Künstler im Jahr 1320 damit genau sagen wollte, darüber diskutieren die Gelehrten. Vielleicht wollte der Ochse dem Neugeborenen schlicht ganz nahe sein. So, wie es ihm und dem Esel eben am Heiligabend zusteht. Und ihren festen Platz haben sie durch alle Jahrhunderte und künstlerischen Traditionen hindurch immerhin bis heute behaupten können.
Christian Dijkstal
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