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Medizin

Kalt und schmerzlos

Keinen Frostschock, sondern angenehme Schmerzlinderung erleben Patienten in einer medizinischen Kältekammer mit extremen Minus-Temperaturen. Eine innovative Therapie am Uni-Klinikum Erlangen, die sich vor allem bei Rheuma, chronischen Schmerzen und Hauterkrankungen positiv auswirken kann.
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Der „Saunagang“ bei –130 Grad dauert nur drei Minuten. In dieser Zeit hält Horst Stapf seine Hände nach oben, um sie vor den Extremtemperaturen zu schützen. Insgesamt ist die trockene Kälte gut auszuhalten. Physiotherapeutin Svenja Schmeißer lässt ihren Patienten rechtzeitig wieder aus der Kältekammer.
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Die Idee ist nicht neu: Kälte wird seit Jahrtausenden therapeutisch genutzt, etwa beim Kaltwasser-Treten in der Kneipp-Kur oder bei Kühlpads, die auf Schwellungen gelegt werden. In Japan entwickelte der Rheumatologe Toshiro Yamauchi 1980 als Erster die Idee einer Ganzkörperbehandlung mit extremer Kälte von bis zu −175 Grad Celsius gegen rheumatoide Arthritis. Ende der 80er-Jahre entstand die erste europäische Kältekammer mit Temperaturen von bis zu −110 Grad Celsius in einer deutschen Klinik.

Diese extremen Minusgrade erreicht auch die sogenannte Kryosauna, die der Bereich  Physikalische und Rehabilitative Medizin der Medizinische Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie (Direktor: Prof. Dr. med. univ. Georg Schett) des Uni-Klinikums Erlangen seit April dieses Jahres in der ambulanten Behandlung anbietet. Bis zu −130 Grad Celsius geben die Innenwände der Ganzkörperkabine ab. „Die Kryosauna ist eine platzsparende Weiterentwicklung der ursprünglichen Kältekammern, die aus mehreren Räumen bestanden“, erläutert Oberarzt Dr. Christoph Bleh. „Sie ist erst seit zwei Jahren für die medizinische Therapie zugelassen.“

Patienten betreten die Ganzkörperkabine in Unterwäsche und mit Schuhen durch eine Flügeltür mit Magnetverschluss. Sobald die Tür geschlossen ist, wird die bewegliche Bodenplatte hochgefahren, sodass sich der Kopf des Patienten außerhalb der Kabine befindet. „Dadurch hat man während der Behandlung Blickkontakt mit dem Therapeuten, kann sich mit ihm unterhalten und muss die eiskalte Luft nicht einatmen“, erläutert Physiotherapeutin Svenja Schmeißer. Auf Knopfdruck leitet sie für maximal drei Minuten den Dampf von flüssigem Stickstoff in die Kabine.
Ein wahrhaft futuristischer Anblick, wie der Körper des Patienten in der Kabine von dem wabernden weißen Dampf umnebelt wird, während sein Kopf oben deutlich herausragt. Auf die starken Minusgrade in der Kältekammer sprechen die Rezeptoren der Haut sofort stark an. Dennoch bleibt die Kerntemperatur des Körpers fast erhalten. „Durch die Kürze der Behandlung wird nur die Hautoberfläche massiv gekühlt. Deshalb gibt es außer Hautrötungen auch so gut wie keine Nebenwirkungen“, erläutert Dr. Bleh.

Die ursprünglich vor allem für Rheuma-Erkrankungen entwickelte Kältetherapie wirkt auch bei ähnlichen Autoimmunerkrankungen, die chronisch-entzündliche Prozesse im Körper auslösen. „Wir wenden sie zum Beispiel auch bei Menschen an, die unter Schuppenflechte, Morbus Crohn oder Multipler Sklerose leiden. Durch die Kältetherapie fallen die Entzündungsstoffe dieser Autoimmunerkrankungen im Blut deutlich ab. Wir wissen noch nicht genau, wie die Kälte das macht, aber es ist messbar und belegbar“, sagt Dr. Bleh. „Bislang gibt es leider nur sehr wenige aussagekräftige Studien zur positiven Wirkung der Kältetherapie“, bedauert der Oberarzt. „Deshalb wird die Behandlung trotz zahlreicher positiver Erfolge auch nicht von den Krankenkassen gezahlt, sondern muss von den Patienten selbst finanziert werden.“

Dies ist auch der Grund dafür, dass das Angebot an ambulanten Kältekammern für Patienten eher dünn ist. Die Kryosauna des Uni-Klinikums Erlangen ist die einzige in Franken – weitere finden sich erst wieder in Ober- und Niederbayern. „Viele Patienten freuen sich darüber, für ihre Kältetherapie jetzt nicht mehr so weit fahren zu müssen“, berichtet Svenja Schmeißer, die bislang von den Anwendern in Erlangen ausschließlich positive Resonanzen erhalten hat. Auch ihr Patient Horst Stapf ist von der Wirkung der Kryosauna überzeugt: „Mein Hausarzt hat mich im Maidarauf aufmerksam gemacht, und seither nutze ich sie zweimal pro Woche. Ich habe Rheuma und liege wegen der starken Schmerzen nachts oft wach. Durch die Kältetherapie kann ich wieder besser schlafen.“


Drei Fragen an...

Dr. Christoph Bleh, Oberarzt und ärztlicher Leiter der Rehabilitativen Medizin der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie des Uni-Klinikums Erlangen

Wie oft muss ich die Kältekammer für eine spürbare Verbesserung chronischer Erkrankungen nutzen

Empfohlen werden zu Beginn 10 bis 20 Anwendungen – und zwar dicht aufeinanderfolgend, zum Beispiel ein- bis zweimal pro Woche. In der Regel sind mindestens 20 Anwendungen nötig, bis die entzündungsaktiven Botenstoffe dauerhaft verändert und reduziert werden.

Kann ich während der Kältetherapie meine Medikamente absetzen?

Nein, es ist eine zusätzliche Therapie, man sollte aber parallel zur Kältetherapie die bereits laufende Behandlung fortführen und auch die Basismedikamente weiterhin nehmen. Manche Menschen können durch die Kältetherapie ihre Medikamente reduzieren – auch das ist schon ein Erfolg.

Was kostet eine Behandlung und wo kann ich Termine vereinbaren?

Eine Behandlung in der Kryosauna kostet 40 Euro. Langzeitnutzer erhalten beim Kauf von 10er- oder 20er-Karten eine Ermäßigung von 10 bzw. 15 Prozent. Vor Beginn der ersten Behandlung führen wir mit jedem Patienten ein persönliches Erstgespräch. Termine erhalten Interessenten über die Telefonnummer 09131 85-33899 oder per E-Mail.


Kälte als Therapie

Die Kryotherapie („krýos“: griechisch für „Kälte“) hat sich hat sich vor allem bei der Behandlung akuter und chronischer Schmerzen der Muskeln und Knochen bewährt. Die kurzzeitige, hochdosierte Reduktion der Hauttemperatur bewirkt Veränderungen des Blutdrucks, der Gefäße, der Durchblutung, der Sauerstoffversorgung des Gewebes, der Muskelspannung, der Geschwindigkeit, mit der die Nerven Reize weiterleiten, sowie bei der Bildung und Ausschüttung zahlreicher Botenstoffe oder von Immunzellen. Die Kryotherapie ist grundsätzlich für alle Menschen mit einem gesunden und stabilen Herz-Kreislauf-System geeignet. Patienten mit unbehandeltem Bluthochdruck, arteriellen oder venösen Durchblutungsstörungen (Thromboseneigung), einem Anfallsleiden oder einem Herzschrittmacher sollten sie nicht nutzen.

Weitere Infos: www.medizin3.uk-erlangen.de/patienten/physikalische-und-rehabilitative-medizin/cryosauna-ganzkoerperkaeltetherapie/


Kontakt

Medizin 3 des Uni-Klinikums Erlangen

Telefon: 09131 85-33899

E-Mail: med3-physther@uk-erlangen.de

Internet: www.medizin3.uk-erlangen.de/patienten/physikalische-und-rehabilitative-medizin

 



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