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Malaria-Medikament gegen Coronavirus? Das sagt Virologe Christian Drosten dazu

Chloroquin gilt als neuer Hoffnungsträger im Kampf gegen das Coronavirus. Das ehemalige Malaria-Medikament soll schon bei Tests in Marseille gewirkt haben, doch es gibt Bedenken über die Aussagekraft der Studie. Mit dem Thema hat sich auch Virologe Christian Drosten auseinandergesetzt.
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Virologe Christian Drosten erklärt,  warum Chloroquin vorerst keine Lösung gegen SARS-CoV-2 ist. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Virologe Christian Drosten erklärt, warum Chloroquin vorerst keine Lösung gegen SARS-CoV-2 ist. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Während sich das Coronavirus weiter verbreitet und die Zahl der Infizierten steigt, arbeiten die Labore mit Hochdruck an einem Gegenmittel. Dies scheint gefunden zu sein. Es wird große Hoffnung in den Wirkstoff und einstiges Malaria-Medikament Chloroquin gesetzt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat bereits "größere Mengen" des Medikaments reserviert, Donald Trump will die Tabletten sehr zeitnahe in den USA zulassen.

Christian Drosten ist Virologe und Institutsleiter am Berliner Charité. In dem Podcast Coronavirus Update des NDR, von dem zwischen Montag und Freitag täglich neue Folgen erscheinen, spricht er über das Coronavirus, seine Einschätzung und neue Erkenntnisse. So auch über Tests aus Marseille, wo Chloroquin gegen SARS-CoV-2 gewirkt haben soll. Das altbekannte Malaria-Medikament erwies sich bereits gegen das alte SARS-Coronavirus als wirkungsvoll, wie Versuche im Labor nach der damaligen Epidemie zeigten. Das erhöht die Hoffnungen und Erwartungen der aktuell durchgeführten Tests - doch Drosten äußert Bedenken.

Kritischer Aufbau der Studie

Bei der besagten Studie aus Marseille ging es nicht um den weiteren Verlauf und den Ausgang der Erkrankung. Es wurde untersucht, "wie viel Virus" im Hals der Patienten nachzuweisen ist, so Drosten. Dass im Hals und nicht in der Lunge, "wo die Krankheit stattfindet" gemessen wurde, bezeichnet der Virologe später als "die größte Fehlannahme in dieser gesamten Studie."

Für den Vergleich wurden 24 Betroffene in zwei Gruppen aufgeteilt, wovon nur eine das Medikament samt Wirkstoff bekam. Hinterher wurde bei beiden Gruppen gemessen, ob und wie stark sich die Verbreitung des Virus verändert hat. Dabei konnte bei den mit dem Medikament behandelten Patienten ein höherer Rückgang festgestellt werden. Also ein Beweis für die Wirksamkeit des Medikaments?

Das sei laut Drosten zumindest fraglich. Der Virologe kritisiert vor allem die Aufteilung der Gruppen. Diese müsste nach wissenschaftlichen Standards zufällig, beispielsweise durch Münzwurf erfolgen. Somit soll gewährleistet werden, dass sich die Gruppen insgesamt untereinander ähneln - in diesem Fall besonders wichtig ist das Alter der Probanden, der Schweregrad des Krankheitsverlaufs und der Beginn der Krankheit.

Chloroquin nicht nachweislich ein Gegenmittel

Doch eine zufällige Aufteilung war nicht gewährleistet. So kam es, dass der Altersdurchschnitt der behandelten Gruppe bei 51 Jahren lag, hingegen waren es bei der unbehandelten 37 Jahre. Gerade bei der älteren Gruppe, die zusätzlich mehr Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf aufwies, zeigte sich ein verstärkter Rückgang der Viren im Hals. Hier sollten keine vorschnellen Schlüsse gezogen werden, denn die Annahme, dass das Medikament angeblich bei Probanden mit erhöhtem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf wirkt, erweist sich später als Trugschluss.

Als weiteren kritisch zu betrachtenden Aspekt sieht der Virologe den Zeitpunkt der Messung. "An welchem Tag messen wir eigentlich, ob das Virus weggegangen ist? Und an welchem Tag beschreiben wir eigentlich, wie die Patienten am Anfang in die Studie reingegangen und wie sie dann am Ende rauskommen sind?", fragt Drosten im NDR. Er selbst antwortet, dass der Eintritt in die Studie entscheidend gewesen sei, nicht der Anfang der Krankheit beim Patienten.

Diese problematischen Aspekte kristallisieren für Drosten ein Bild heraus. Seine Vermutung: "Die behandelte Gruppe [...] ist in Wirklichkeit einfach schon weiter im Verlauf." Es liege "in der Natur der Sache", dass das Virus bei diesen schneller im Hals eliminiert ist. Das führe dazu, dass "in dieser Studie hier "Äpfel mit Birnen" verglichen werden.

Weitere Tests nötig

Trotz seiner Kritik will Drosten den Autoren der Studie "überhaupt nichts vorwerfen." Immerhin ginge derzeit alles sehr schnell, das sei anfänglich auch in der Wissenschaft so. Sein Kriterium für die Beurteilung der Behandlung ist "immer noch, wie es klinisch ausgegangen" wäre.

Gleichzeitig betont er, dass er "jetzt auch nicht sagen [will Anm. d. Red.], Chloroquin wirkt nicht." Stattdessen wollte er nur aufmerksam darauf machen, "dass die Wahrheit oft noch eine zweite und dritte Ebene hat." Es wird also weiterhin getestet. Das Berliner Charité, dessen Institutsdirektor Drosten ist, nimmt laut eigenen Angaben täglich 600 bis 700 Proben. In Bezug auf die Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel und um mehr Zeit für die Forschung zu gewinnen und die Ausbreitung zu verringern, mahnt er an: "Es ist eine Aufgabe an die gesamte Gesellschaft, auch indirekten Schutz zu leisten, indem die Infektionszahl in der Bevölkerung gesenkt werden muss."

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