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Nach dem Vorbild Österreich: Plant die Ampel-Regierung eine "Ausbildungsgarantie"? Das steckt dahinter

Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung wird sie versprochen, die "Ausbildungsgarantie". Noch weiß niemand, wie sie funktionieren soll, aber Anleihen suchen die Koalitionäre schonmal in Österreich.
Wird die Ausbildungsgarantie als neues Format eingeführt? Noch ist das nicht klar.
Wird die Ausbildungsgarantie als neues Format eingeführt? Noch ist das nicht klar. Foto: CC0 / Pixabay / mlinderer
  • Was plant die Ampel-Regierung genau?
  • Wie funktioniert die Ausbildungsgarantie in Österreich?
  • Geringes Ausbildungsgeld soll betriebliche Ausbildung attraktiv halten
  • Wie soll das Ganze in Deutschland ablaufen?

Deutschland bekommt sein Ungelernten-Problem, das sind diejenigen, die keine berufliche Ausbildung durchlaufen haben, nicht in den Griff. Der Anteil der Ungelernten im Alter zwischen 20 und 34 Jahren ist von 1,88 Millionen im Jahre 2014 auf 2,16 Millionen Menschen im Jahre 2019 angewachsen. Und dies trotz aller Erfolgsmeldungen von der betrieblichen Berufsausbildung in Vor-Coronazeiten. Eine fehlende Ausbildung ist auch eines der zentralen Armutskriterien. Jetzt will die Ampelkoalition mit einer Ausbildungsgarantie dem Qualifikationsdefizit beikommen.

Was plant die Ampel-Regierung genau?

Die Ausbildungsgarantie steht nicht allein. Sie ist im Koalitionsvertrag der Ampel-Partner verbunden mit einer Reihe von Maßnahmen zur Veränderung der beruflichen Bildung.

So steht das Ganze da:

  • "Zur Stärkung und Modernisierung berufsbildender Schulen legen wir mit Ländern, Kommunen und relevanten Akteuren einen Pakt auf.
  • Mit den Ländern bauen wir die Berufsorientierung und Jugendberufsagenturen flächendeckend aus.
  • Wir wollen eine Ausbildungsgarantie, die allen Jugendlichen einen Zugang zu einer vollqualifizierenden Berufsausbildung ermöglicht, stets vorrangig im Betrieb.
  • Wir führen die Allianz für Ausbildung fort.
  • Die Einstiegsqualifizierung, die assistierte Ausbildung, ausbildungsbegleitende Hilfen und Verbundausbildungen bauen wir aus. Wir öffnen die Hilfen für Geflüchtete.
  • Wir begrüßen tariflich vereinbarte Ausgleichsfonds.
  • In Regionen mit erheblicher Unterversorgung an Ausbildungsplätzen initiieren wir bedarfsgerecht außerbetriebliche Ausbildungsangebote in enger Absprache mit den Sozialpartnern.
  • Wir erhöhen die Ausbildungsmobilität."

Wie funktioniert die Ausbildungsgarantie in Österreich?

In Österreich gibt es bereits seit 2008 eine erprobte und funktionierende Ausbildungsgarantie. Sie sorgt dafür, dass Jugendliche bis 25 Jahre, die trotz Bewerbungen bei der Ausbildungsstellensuche leer ausgegangen sind oder ihre Ausbildung abgebrochen haben, eine Ausbildung außerhalb eines Betriebs absolvieren können. Im Mai 2021 lernten 13.000 Jugendliche oder 8 Prozent aller Azubis in diesem Format.

Der erste Schritt, um die Ausbildungsgarantie zu nutzen, ist der Besuch beim Arbeitsmarktservice (AMS). Je nach Vorkenntnissen und Selbsteinschätzung absolviert der Jugendliche einen mindestens zehnwöchigen Kurs zur Vorbereitung und Orientierung. Dabei geht es um Berufsorientierung, Kompetenzfeststellung und eine sozialpädagogische Betreuung. Bleiben die Vermittlungsbemühungen des AMS in eine betriebliche Ausbildung erfolglos, startet der Jugendliche eine überbetriebliche Ausbildung (ÜBA) in einer Ausbildungseinrichtung.

Zunächst wird der Ausbildungsvertrag nur für das erste Ausbildungsjahr mit dem Bildungsträger abgeschlossen. Danach gibt es Varianten bei der Fortsetzung. Bei der ÜBA-Variante 1 wird die Ausbildung in einer außerbetrieblichen Lehrwerkstatt absolviert, mit zusätzlichen betrieblichen Praktikumsphasen in einem oder mehreren Betrieben. Bei der ÜBA-Variante 2 gibt es hingegen nur einen festen Kooperationsbetrieb, bei dem die Praxisphasen stattfinden. Die ÜBA-Variante 2 kommt nur zustande, wenn ein solcher Kooperationsbetrieb durch die Jugendlichen selbst oder mit Unterstützung der Trägereinrichtung gefunden wird. Der Bildungsträger hat bei der ÜBA-Variante 2 vor allem die Rolle, bei Bedarf für Coaching, Nachhilfe und pädagogische Begleitung zu sorgen. 

Geringes Ausbildungsgeld soll betriebliche Ausbildung attraktiv halten

Beide ÜBA-Varianten zielen auf einen Übergang in eine reguläre betriebliche Ausbildung ab, möglichst im ersten Ausbildungsjahr – mit Anrechnung der bereits absolvierten Lernzeiten. Die Übergangsquote in einen Betrieb ist mit 42 Prozent bei der Variante 2 ausgesprochen gut. Gelingt der Übergang nicht, führt der Jugendliche die Ausbildung in der Trägereinrichtung zu Ende. Insgesamt absolvieren rund 80 Prozent der Jugendlichen ihre gestartete ÜBA erfolgreich mit Lehrabschluss.

Während der ÜBA besuchen die Auszubildenden – genau wie bei der betrieblichen Lehre – die Berufsschule. Die ÜBA hat drei Ziele: Vollabschluss der Lehre, anrechenbare Teilabschlüsse oder Teilqualifikationen und/oder eine verlängerte Lehrzeit. Die zuletzt genannten drei Ausbildungsformen werden durch eine sogenannte "Berufsausbildungsassistenz" begleitet und sind für junge Menschen gedacht, die sozial benachteiligt sind, unter Lernschwierigkeiten leiden oder eine Beeinträchtigung haben.

Unabhängig vom Ausbildungsberuf erhält der Jugendliche im 1. und 2. Lehrjahr eine sogenannte "Ausbildungsbeihilfe" in Höhe von 332,40 Euro pro Monat und ab dem 3. Lehrjahr von 768,00 Euro (Stand 2020). Damit liegt die Ausbildungsbeihilfe unter den Ausbildungsvergütungen, die von Unternehmen bezahlt werden. Es entsteht also für die Jugendlichen kein finanzieller Anreiz, die ÜBA einer betrieblichen Ausbildung vorzuziehen.

Wie soll das Ganze in Deutschland ablaufen?

Die Pläne für eine Ausbildungsgarantie in Deutschland sind noch nicht sonderlich weit gediehen. Im Arbeitsministerium kümmert sich Staatssekretärin Leonie Gebers um das Projekt. Auf einer Diskussionsveranstaltung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) sagte sie: "Wir wollen die Ausbildungsgarantie als ein zusätzliches Instrument nutzen."

Achim Dercks, Vize-Geschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), verwies dagegen auf den "starken Überhang an unbesetzten Lehrstellen", der in Coronazeiten noch angewachsen sei. Eine Ausbildungsgarantie sei deshalb "nicht nötig", so Dercks. Außerdem gebe es bereits eine ausreichende Zahl an Förderinstrumente, auch für Menschen, die sich schwerer täten.

In der Tat existiert bereits ein Instrumentenkasten für die Ausbildungsförderung auch von sogenannten benachteiligten jungen Leuten. Die Maßnahmen reichen von Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BvB) bis zu sogenannten Einstiegsqualifizierungen (EQJ) und zur Ausbildungsassistenz (AsA bzw. AsAflex), einer Art Nachhilfe zum Berufsschulunterricht während einer Lehre. Die seit Jahren wachsende Zahl an Ungelernten haben diese Instrumente allerdings nicht gestoppt.